Verlust sozialer Bindungen ist mittlerweile Hauptursache von Krisen

Anzeige
Manuela Sieg leitet das Beratungszentrum.

Evangelisches Beratungszentrum zieht Zwischenbilanz zum 40-jährigen Bestehen.

Dass Menschen soziale Bindungen nicht mehr verlässlich zur Verfügung stehen, ist die Hauptursache aller Krisen, bei denen das Evangelische Beratungszentrum um Hilfe gebeten wird. „Diese Bindungen müssen immer wieder neu ausgehandelt und etabliert werden. Das hat vielfältige Folgen für Kinder in ihrer Entwicklung, aber auch für erwachsene Menschen in ihrem Lebenslauf“, sagt EBZ-Leiterin Manuela Sieg.

Zum 40-jährigen Bestehen der Einrichtung ist der Beratungsbedarf so hoch wie nie zuvor. Im Bereich Ehe-, Erziehungs- und Lebensberatung stieg die Anzahl der abgeschlossenen Fälle im Vorjahr um mehr als 12 Prozent. In der Schwangerenberatung waren es 42 Prozent mehr.

Überforderung droht

„Viele Menschen befinden sich dauerhaft an der Überforderungsgrenze“, sagt Diplom-Psychologin Manuela Sieg. Veränderte Lebenswirklichkeiten, unendliche Wahlmöglichkeiten, überfrachtete Erwartungen, durch Werbung und Medien gespeist – mit diesen Spannungen kommt nicht jeder zurecht. „Das soziale Gefüge ist anders, Kirchengemeinden, Vereine spielen immer weniger eine Rolle, kaum jemand ist noch 30 Jahre beim selben Arbeitgeber. Stattdessen zählt Mobilität, Pendeln belastet etliche Familien.“

Angst vor Jobverlust und Armut verursachen auch Schwangerenkonflikte und Probleme in der Partnerschaft. Weil das Ende einer Ehe längst kein gesellschaftlicher Makel mehr ist, sind die Hemmungen gesunken, sich zu trennen. Auch, wenn es gemeinsame Kinder gibt.

Psychologische Beratungsarbeit will Eltern, Familien, Paare und Einzelne befähigen, sich in einer unübersichtlichen Welt und einem rasant verlaufenden Wandel zurechtzufinden. Die Beratung hilft ihnen, Ressourcen zu nutzen und Fähigkeiten zurück zu gewinnen oder zu entwickeln. Im Mittelpunkt steht das Gelingen von Beziehungen, es geht um persönliche Wahrheiten, zwischen¬menschliche Wahrhaftigkeit, um Krisenbewältigung und Sinngebung.

Das war auch schon 1973 die Strategie, allerdings in viel kleinerem Rahmen. Nur an drei Tagen in der Woche war das bis heute vom Evangelischen Kirchenkreis unterstützte Beratungszentrum geöffnet. Damals leisteten zwei Pfarrer, eine Psychologin und eine Ehe- und Lebensberaterin die Arbeit, eine Sekretärin half.

Verschiedene Fachrichtungen

Nach einigen Umzügen ist das EBZ inzwischen im Haus der Diakonie angesiedelt. Im Westring 26 kümmern sich neun Beraterinnen und Berater um die Klienten. Vertreten sind die Fachrichtungen Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Heilpädagogik, sowie Psychologie, Theologie und Pädagogik. Die Hälfte der Mitarbeitenden ist als Psychologischer Psychotherapeut oder Kinder-und-Jugendlichen-Psychotherapeut zugelassen. „Unsere Arbeit kann daraus bestehen, dass wir nur ein paar Informationen weitergeben. Aber auch aus einem längeren therapeutischen Prozess“, erklärt Manuela Sieg.

Das EBZ ist Anlaufstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, Paare und einzelne Erwachsene unabhängig von Herkunft, Nationalität, Konfession oder Weltanschauung. Hilfe für Menschen in Not ist Aufgabe und Selbstverständnis der Diakonie. In diesem Sinn richtet sich das Angebot an alle Menschen in Bochum.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.