Sorgen um den TV 01 - Sport ist Daseinsfürsorge

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Sport für die Stadt und ihre Bürger, hier an einem Beispiel: Der TV 01 richtet alljährlich den Bochumer Halbmarathon aus. Foto: Andreas Molatta
 
TV 01-Manager Michael Huke.

Sport steigert die Lebensqualiät und das Zusammenleben in einer Stadt. Aus diesem Grund muss die Förderung der sportlichen Aktivitäten ein wichtiges Element kommunaler Daseinsfürsorge sein.

So sagte es einst Hans-Georg Moldenhauer, zwischen 1994 und 2006 Vizepräsident des Deutschen Sportbundes. Dies gilt noch heute, es gilt eher noch mehr als zum Zeitpunkt der Äußerung. Ebenso wie diese weitere Aussage Moldenhauers: „Sport ermöglicht soziale Kontakte in einer immer anonymeren Gesellschaft.“
Der TV 01 Wattenscheid übernimmt eine tragende Rolle im gesellschaftlichen Leben Bochums. Im Bereich des Breitensports werden rund 200 Athleten durch lizenzierte Trainer betreut. Auch Reha-Training findet hier statt. 300 Kinder sind in der Nachwuchsabteilung des Vereins aktiv, bei intensiver Zusammenarbeit mit Bochumer Eliteschulen des Sports. Junge Erwachsene profitieren bei entsprechender Eignung von der Kooperation mit der Ruhr-Universität als Eliteuniversität des Sports. Der TV 01 bietet Behindertensport mit ganzheitlicher Betreuung und Förderung an, von der Integration im täglichen Leben bis zur Begleitung bei den Paralympics. Die große soziale Bedeutung dieser Aktivitäten liegt auf der Hand.
Und dann ist da ja auch noch der Spitzensport. Mehr als 200 Titel bei Deutschen Meisterschaften gingen nach Wattenscheid. 30 Medaillen wurden bei Europa- und Weltmeisterschaften errungen. Dreimal war das Lohrheidestadion bisher Austragungsort der Deutschen Leichtathletikmeisterschaften. In diesem Jahr werden dort die Titelträger der U23 ermittelt. Bei den Hallen-Europameisterschaften der Leichtathleten vor gut einem Jahr holten Sportler des TV Wattenscheid 01 - es waren Sosthene Moguenara, Christian Blum und Julian Reus - drei von sechs deutschen Medaillen. Bei den Weltmeisterschaften 2015 in Peking gehörten Julian Reus und Alexander Kosenkow zur deutschen 4 x 100 Meter-Staffel, die mit Rang vier denkbar knapp am Edelmetall vorbeischrammte. 2012 kamen acht Olympiateilnehmer der deutschen Mannschaft aus diesem Verein. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Der TV 01 ist in der nationalen und internationalen Leichtathletikwelt eine bedeutende Nummer. Noch sehr viel bedeutender ist seine beschriebene gesellschaftliche Funktion in Bochum. Dies wird durch das Absenken des Sponsorings seitens der Stadtwerke (der Stadtspiegel berichtete) gefährdet. Über die exakten Summen schweigen sich sowohl die Stadtwerke als auch der 1971 aus dem Turnverein Wattenscheid 01 hervorgegangene Club mit Verweis auf Verschwiegenheitsklauseln aus. Im Archiv ist nachzulesen, dass die Stadtwerke bis 2013 jährlich 4,5 Millionen Euro an den VfL Bochum - hier ging und geht der Löwenanteil hin - und den TV 01 zahlten. Nun soll das Sponsoringbudget für beide Vereine bis zum Jahr 2019 von noch zwei Millionen Euro (2015) auf 1,4 Millionen Euro abgesenkt werden.
Wattenscheid erhielt vom Sponsor vor drei Jahren 600.000 Euro. Was davon 2019 noch übrigbleiben wird, verrät TV 01-Manager Michael Huke nicht. Spekuliert wird, dass von der Summe aus dem Jahre 2013 bis zu einem Drittel wegfallen könnte. Was Huke - 1991 und 1994 Deutscher Meister über die 200 Meter, mit der 4 x 100 Meter-Staffel des TV Wattenscheid 1991, 1992, 1993, 1995 und 1996 Meister – sagen kann und möchte, lesen Sie hier.

Wie ist der aktuelle Stand der Dinge in Bezug auf Etat und Personal?
Wir verfügen noch über einen Gesamtetat von 1,2 Millionen Euro im Jahr. Für den Verein arbeiten 15 hauptamtliche Trainer und Angestellte auf der Geschäftsstelle am Bundes- und Olympiastützpunkt Bochum. 71 Athleten werden monatlich mit 417 Euro gefördert, für den Bereich Hochleistungssport mit Athleten und Trainern wenden wir knapp die Hälfte unserer Ausgaben auf. 42 Prozent kommen dem Nachwuchs-, Behinderten- und Breitensport zugute. Lediglich neun Prozent der Ausgaben entstehen in der Verwaltung, inklusive der Organisation des Stadtwerke Halbmarathons. Für uns sind zehn hauptamtliche Trainer tätig, die über eine Mischfinanzierung bezahlt werden. Wenn der Verein seinen Teil des Gehaltes nicht mehr stemmen könnte, würden automatisch die entsprechenden Zuschüsse aus Landes- und Bundesmitteln gestrichen.

"Kein Inflationsausgleich seit 15 Jahren"


Ein Inflationsausgleich findet seit 15 Jahren bereits nicht mehr statt. Die weiteren Förderungen für den Hochleistungssport sind erfolgsabhängig. Bleiben Erfolge aus, gibt es seitens der Sportstiftung NRW, des LSB, unseres Ausrüsters Nike und des Deutschen Leichtathletikverbands weniger Geld.

Die Ankündigung der Stadtwerke, das Sponsoring zu reduzieren, erfolgte vor drei Jahren. Sie waren in der Zwischenzeit sicher in der Akquise aktiv?
Wir haben intensiv um Sponsoren geworben. Leider bisher vergeblich. Gegen den übermächtigen Fußball tun sich andere Sportarten ohnehin schwer. Wenn man außerdem nicht in der Regelmäßigkeit eines zweiwöchigen Rhythmus so etwas wie ein Heimspiel anbieten kann und Fernsehzeiten rar sind, wird es noch deutlich komplizierter. Unsere Bemühungen gingen unter anderem in die Richtung, Partner zum Thema Prävention durch Sport im Gesundheitswesen zu finden. Konkretes hat sich bisher nicht ergeben.

Beschreiben Sie bitte einmal, wie sich der Rückgang des Sponsorings konkret auswirken würde?

Wir haben selbstverständlich verschiedene Szenarien durchgespielt, weil wir entsprechend planen müssen. Zunächst würde es den Bereich des Behindertensports betreffen. Dort müssten ebenso Stellen eingespart werden wie im Orga-Team des Halbmarathons, dessen Existenz in jedem Fall gefährdet wäre. Außerdem müsste zunächst sicher drei Olympia-Kandidaten gekündigt werden. In einem weiteren Schritt würden zwei Trainerstellen im Nachwuchsbereich entfallen. Da dies über die ehrenamtliche Schiene nicht aufgefangen werden kann, hätte dies zwangsläufig einen Rückgang der Erfolge an dieser Stelle zur Folge.

"Gesunde Basis setzt starke Spitze voraus"


Am Ende bliebe aus nationaler Sicht der Absturz des Vereins in die Bedeutungslosigkeit, wobei ich betonen möchte, dass eine gesunde Basis nur in Kombination mit einer starken Spitze funktioniert. Der TV 01 würde dank der doch noch erheblichen Mittelzuwendungen der Stadtwerke Bochum auch weiterhin existieren, allerdings nicht mehr auf dem heutigen Level. Ob dies auf junge Menschen dann noch motivierend wirkt, wenn nur noch ein drastisch reduzierter Nachwuchs- und der Breitensport existieren, möchte ich bezweifeln.

Im Vergleich zu den Zuwendungen der Stadtwerke in Richtung der Profifußballer des VfL Bochum haben Sie ohnehin das deutlich schmalere Budget. Ärgert Sie dies, wenn man in Betracht zieht, dass ein sein Monatsgehalt einstreichender Kicker während seines zeitlich begrenzten Engagements nichts von Bestand in der Stadt hinterlässt, während beim TV 01 vielseitige Sportangebote von Dauer einer großen Bevölkerungsschicht offeriert werden?

Überhaupt nicht! Ich bin selbst auch Fußballfan und ein Anhänger des VfL. Und es verbietet sich für mich ganz grundsätzlich, über andere Dinge als über die unseren Verein direkt betreffenden Themen in der Öffentlichkeit zu sprechen. Ich möchte daher für uns hervorheben, dass man vor 25 Jahren, als es für uns noch ein Unternehmen Steilmann gab, Top-Athleten in Wattenscheid eingekauft hat. Heute bilden wir einen Nachwuchs aus, der es in die deutsche Spitze schafft. Dazu schaffen wir es – gemeinsam mit der Ruhr-Universität – talentierte Leute nach Bochum zu holen, die sonst vermutlich nicht ins Ruhrgebiet kommen würden. Das Thema Integration wurde bei uns bereits praktiziert, als es noch nicht so sehr wie heute in der Diskussion war. Von der Basisarbeit und dem Angebot an Jugendliche war ja bereits die Rede. Es geht darum, dem TV 01 Wattenscheid die Möglichkeit zu geben, weiterhin seinen starken Beitrag zum sozialen Zusammenleben in dieser Stadt zu leisten.
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