NS-Funktionäre, Willy Brandt und eine Zeichnung

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Stadtarchivar Thomas Jasper mit seinem Favoriten: Der Zeichnung von Oleg Popov. Foto: Thiele

Könnte ein Buch sprechen, hätte es mit Sicherheit viele eigene Geschichten zu erzählen. Erst recht, wenn es sich um ein Goldenes Buch aus handgeschöpftem Büttenpapier in Ledereinband handelt. Unsere Stadt hat insgesamt vier. Stadtarchivar Thomas Jasper hat sie für den Stadtanzeiger geöffnet.

Drei der Bücher befinden sich im Stahlschrank im Stadtarchiv, das vierte (und aktuelle) im Bürgermeister-Büro.
„Das erste Buch wurde anlässlich der 1.100-Jahr-Feier der Stadt Castrop-Rauxel angelegt“, berichtet Jasper. Das Stadtwappen ist hier noch mit Mauerkrone abgebildet. Seit 1996 wird das Wappen wieder in seiner ursprünglichen Form ohne Mauerkrone geführt, „da sie für Castrop-Rauxel nicht historisch begründet ist.“

NS-Funktionäre

Bis 1942 finden sich im ersten Goldenen Buch der Stadt Einträge zahlreicher NS-Funktionäre. Der bekannteste Unterzeichner war Reichsjugendführer Baldur von Schirach. Am 27. Februar 1938 weihte er das Hitler-Jugend-Heim ein – jenes Gebäude an der Leonhardstraße, in dem sich heute das BoGi‘s Café befindet.
„Als ich das Buch das erste Mal in der Hand hielt, hatte ich ein komisches Gefühl“, bekennt Jasper. „Aber man kann es nicht verstecken. Es gehört zur Geschichte dazu und dem muss man sich stellen.“

Rund ein Viertel der Seiten sind mit Unterschriften und Widmungen, unter anderem vom damaligen Arnsberger Regierungspräsidenten Max von Stuckhausen, gefüllt. „Es war richtig, dass 1958 ein neues Goldenes Buch aufgelegt wurde, obwohl im ersten noch viele Seiten frei waren“, so Jasper.

"Calli" Calmund

Das dritte Buch wurde dann 1979, das vierte im Jahr 1993 aufgelegt. Widmungen von Persönlichkeiten sind eher eine Rarität. Am 22. August 2005 verewigte sich Reiner „Calli“ Calmund, Ex-Manager von Bayer Leverkusen, mit großer Schrift im Goldenen Buch: „Euer WM-Konzept 2006 ist absolute Weltklasse. Ich wünsche euch allen viel Glück und Erfolg bei der Begegnung zwischen den einheimischen und weltweiten WM-Gästen“, schrieb er in seiner Funktion als damaliger WM-Botschafter des Landes NRW.
Die Deutsche Fußballnationalmannschaft, die während des Sommermärchens 2006 auch im Hotel Goldschmieding weilte, hat sich übrigens nicht im Goldenen Buch verewigt. „Das Buch verlässt das Rathaus nicht“, sagt Stadtsprecherin Maresa Hilleringmann. Und die DFB-Kicker schauten nicht am Stadtmittelpunkt vorbei.

Dort liegt das Goldene Buch beispielsweise bei Empfängen aus. Das war auch am 9. August 1958 so, als die Stadt zum Empfang anlässlich der Eröffnung der Jugendwoche eingeladen hatte. Bürgermeister, Delegationen (unter anderem eine Israel-Delegation im Jahr 1978), einige Castrop-Rauxeler Träger des Bundesverdienstkreuzes oder Schüler der Partnerstädte haben sich in die Goldenen Bücher eingetragen.

Willy Brandt

Willy Brandt unterschrieb (übrigens unleserlich) am 27. Juli 1961 als Regierender Bürgermeister von Berlin. Ein Goldenes Buch sei „eine kleine Chronik“, die zeige, wer die Stadt besucht habe, so Jasper. „Im Zeitalter der neuen Medien ist das etwas Schönes. Man hat etwas, das bleibt. Selbst in 100 Jahren wird man es noch vorfinden.“

Kreative Zeichnung

So auch die kreative Zeichnung von Oleg Popov, dem berühmten Clown des Russischen Staatscircus‘. Als dieser am 11. Mai 2005 ein Gastspiel in Castrop-Rauxel hatte, verewigte Popov seine Markenzeichen (karierte Sportmütze und Regenschirm) im Goldenen Buch. „Diese Widmung sticht schon heraus und ist mein persönlicher Favorit“, schmunzelt Jasper.
Die bisher letzten Einträge stammen vom 5. Oktober 2013. An diesem Tag wurde im Ratssaal die Städtepartnerschaft zwischen Castrop-Rauxel, Zonguldak und Trikala besiegelt.

„Noch ist Platz im Buch. Es dauert also noch ein bisschen, bis es den Weg hinunter ins Stadtarchiv finden wird“, lächelt Thomas Jasper.
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