Adventskalendergeschichte: Das Lächeln des Rentieres (Tor 21)

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Rentiermops Murphy wünscht schöne Weihnachten. (Foto: jape)

Eine Weihnachtsgeschichte in 24 Teilen. Fast so glücklich machend wie Schokolade, aber dafür kalorienarm.

24.12.2013 | 10:00 Uhr

„Ich wollte noch eben nach einer Tasche für Betty suchen“, sagt Lilly zu Thorsten auf der Rolltreppe. Thorsten schweigt und bohrt stattdessen gelangweilt in der Nase. Sein Gesicht verrät, dass er sich offensichtlich über einen Fund freut.
„Die hatte sich eine Neue gewünscht“, ergänzt Lilly.
„Da kannste mal schön alleine gucken, Fräulein. Ich trinke gleich schön meinen Kaffee, dann kannste mein Geld verjubeln.“
Mit dieser Antwort hatte Lilly gerechnet. Ihr Plan ging auf. Während sie gleich ihren notorisch faulen Ehemann Thorsten irgendwo in einer Bäckerei für einen Becher Kaffee abstellen wird, kann sie in aller Ruhe die fertiggestellten Fotos beim Fotostudio abholen. Zum Glück haben sie im größten Kaufhaus der Stadt alles unter einem Dach. Außerdem ahnte Lilly, dass sie Thorsten mit der Ankündigung, etwas für die gemeinsame Tochter zu kaufen, genügend verschrecken würde. Die neue Tasche für Betty kam derweil heimlich via Online-Bestellung und ist bereits fertig verpackt für die abendliche Bescherung.
„Ich pflanze mich mal dahin. Beeile dich, okay? Und nicht zu viel ausgeben!“ sagt Thorsten und geht auf eine der unzähligen Back-Discounter des Kaufhauses zu. Lilly spart sich eine Antwort und sieht ihm nach, wie er sich seinen Weg bahnt. Während sich ihr Ehemann durch die Menschenmassen quetscht, beobachtet sie, dass Thorsten nahezu jedes weibliche Hinterteil, welches ihm unter die Augen kommt, genauer inspiziert.
Lilly kennt dieses Verhalten nur zu gut von ihm. Sie fragt sich, ob er ähnlich begeistert auf ihre aufreizenden Aufnahmen reagieren wird. Das sind schließlich die einzigen beiden Dinge, die noch irgendwie Leben in Thorsten einhauchen: Nackte Haut und Bier. Lilly ist zuversichtlich.
Sie sucht geschwind das besagte Fotostudio auf, welches eine Etage höher liegt. Der Fotograf erinnert sich noch gut an sie; Lilly war mit Herzblut bei der Sache und ganz außer sich vor Freude, als sie eine Vorschau der Fotographien auf dem Laptop-Bildschim sah. Die fertigen vergrößerten Drucke auf Fotopapier hauten Lilly nun endgültig aus den Socken. Thosten wird Augen machen und seine Frau nie wieder so ignorieren, wie er das die letzten Jahre gemacht hat. Heute Abend wird endlich alles gut.
Mit einem großen Umschlag verlässt sie kurz darauf das Studio, um ihren Mann abzuholen. Für einen kurzen Augenblick überlegt sie, ob er sie überhaupt vermisst. Ob er sie vielleicht sogar ausrufen lassen würde?
„Der kleine Thorsten möchte aus dem Kinderparadies abgeholt werden“?
Sie muss leise lachen.
„Da biste ja endlich. So viel Kaffee kann ich gar nicht trinken!“ meckert Thorsten, als Lilly sich ihm nähert.
„Tut mir leid, es sind noch andere Menschen hier, die was kaufen wollen. Zumindest einige davon müsstest Du ja bemerkt haben..“
„Was soll das denn heißen? Und was ist das für ein Umschlag?“
„Eine Karte für Betty. Für später!“
„Was zum Kuckuck? Nun auch noch Karten? Zeig mal.“
„Ist doch nur eine Karte. Lass einfach gut sein.“
„Zeig, Mensch!“
Mist. Damit hatte Lilly nicht gerechnet.

Nicht unweit sitzt ein älterer Herr auf einer der aufgestellten Bänke und trinkt genüsslich einen Kaffee aus einem Pappbecher. Er beobachtet das Geschehen um ihn herum.
Eine vierköpfige Familienkarawane, die unzählige prall gefüllte Einkaufstaschen schleppt. Ein junger Mann, der verzweifelt vor einer Parfümerie steht und sich nicht rein traut. Ein kleines Mädchen, welches dank eines Schokoladennikolauses ein Schokoladengesicht hat. Ein armer Kauz, der in einem Nikolauskostüm den ganzen Tag gute Laune verbreiten muss. Entnervte Gesichter, die sich auf den Sommer freuen, um über die Hitze zu meckern. Überglückliche Gesichter, die anscheinend wissen, was sie unter dem Tannenbaum an Geschenken erwartet. Verliebte Paare, die ihr erstes Weihnachtsfest gemeinsam verbringen werden. Shopper, die sorgfältig jeden Kassenbon verstauen. Zerstrittene Paare, die ihr letztes gemeinsames Weihnachtsfest miteinander verbringen werden. Eine junge Frau, die in der Menschenmenge verschwindet und es genießt. Ein kleiner Junge mit großen Augen, der bereits Material für kommende Wunschzettel sammelt. Überforderte Mitarbeiter, die mehr rennen als sonst was. Schneemänner aus Plastik, die niemals schmelzen werden. Eine junge Mutter, die ihr weinendes Kind tröstet, indem sie Grimassen schneidet. Ein Mann, der Konstantin ähnlich sieht.
Gustav könnte hier stundenlang sitzen und das Treiben bestaunen. So viel Leben auf einem Haufen. Er kann nicht fassen, dass er vor wenigen Stunden noch alleine in seiner tristen Wohnung für immer einschlafen wollte.
Doch Gustav ist nicht nur hier, um sich unter das Volk zu mischen. Er braucht noch unbedingt ein Geschenk für seinen Sohn Konstantin, der ja abends vorbei kommt. Nur was könnte ihm gefallen? Sie haben sich ewig nicht mehr gesehen. Gustav hat nur wage Ideen und könnte etwas Unterstützung gebrauchen. Einen Steinwurf entfernt von ihm steht ein junger Kerl, der als Nikolaus verkleidet vorbeilaufende Familien begrüßt und immerzu „Ho ho ho“ ruft.
Gustav zögert nicht lange, trinkt seinen Kaffee aus und geht auf den Mann in Rot zu.
„Entschuldigen Sie, Herr Nikolaus. Ich bräuchte mal ihren Rat, schließlich sind sie Experte in Sachen Geschenke, oder?“ sagt Gustav freundlich.
Norman dreht sich zu ihm und wundert sich. Das hatte ihn bis dahin noch niemand gefragt.

Fortsetzung folgt.
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