„Bin bei mir angekommen“: Tanja Lindner ist eine Frau mit transidentem Hintergrund

Tanja Lindner setzt sich ehrenamtlich in einer Selbsthilfegruppe für transidente Menschen ein | Foto: Schmitz
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Neuesten Studien zufolge ist rund jedes 250. Kind betroffen, Mädchen wie Jungen gleichermaßen: Sie kommen im falschen Körper zur Welt.
Auch Tanja Lindner ist es so ergangen: Sie wurde als Mann geboren. Den größten Teil ihres Lebens verbrachte sie als Mann, als Super-Mann: „Ich war im Maschinenbau tätig, habe Kampfsport gemacht, bin Motorrad gefahren“ - auf der Suche nach einer Rollenidentität.
„Das ist ein ganz enormer seelischer Druck. Das männliche Muster wird übertrieben, für die Umwelt, aber hauptsächlich für einen selber.“ Als Mann war sie war verheiratet, hatte zwei Kinder. Doch nach sieben Jahren ging die Ehe in die Brüche.
Auch das Elternhaus in einem kleinen Dorf in Franken wollte nicht akzeptieren, was das Kind doch immer wieder äußerte: Ein Mädchen und kein Junge zu sein. „Es ist ein Kampf, den man mit sich selber führt. Ich wollte das nicht, aber zum Schluss setzt sich die andere Identität durch.“ Meist mit drei bis vier Jahren tritt eine erste Phase der Transidentität auf, dann noch einmal mit der Pubertät. Die Phasen gehen vorüber, kommen wieder.
Erst mit dem Tod des Vaters findet der damals 46-jährige Mann die Kraft, quasi mit einem Befreiungsschlag sein Leben zu ändern. „Es hat lange gedauert, bis ich begriffen haben, dass ich so leben muss!“ Mit der neuen Lebenssituation ging auch der Beruf verloren: „Auf der Arbeit war es ein großes Spießrutenlaufen.“ Die Firma ging in die Insolvenz, diese Bruchstelle nutzte Tanja Lindner „um einen Schnitt zu machen“. Doch auch in bekannten Maschinenbaufirmen konnte sie keine Stelle finden.
Seit 2009 ist Tanja Lindner nun ganz Frau, hat den Alltagstest bestanden, den die Krankenkasse zur Behandlung forderte, hat Hormontherapien und andere Verfahren über sich ergehen lassen. „An meiner Stimme arbeite ich noch mit Hilfe einer Logopädin“, erzählt sie.
Auch jetzt ist die Umwandlung noch nicht abgeschlossen, der Körper verändert sich immer wieder schubweise. Mit dem Geschlecht hat sich die ganze Person geändert, Tanja Lindner ist sensibler geworden, einfühlsamer. Oft ändere sich nach der Geschlechtsumwandlung auch die sexuelle Orientierung, erklärt Lindner.
Mit Vollkraft setzt sich Tanja Lindner seit einigen Jahren in der Selbsthilfegruppe „Lili Marlene“ für Betroffenen ein. „Es gibt in Dortmund nur wenige Psychologen, die bei transidenten Problemen helfen können, speziell für Kinder und Jugendliche.“ In Zukunft würde sie sich selbst gerne als Psychologin für die Belange von transidenten Menschen einsetzen. „Mir ist ganz wichtig, dass wir aus der Rotlicht-Ecke rauskommen, denn damit haben die allermeisten nichts zu tun.“ Im vereinseigenen Lokal in Hörde können sich Betroffene umziehen, lernen sich zu kleiden und zu schminken, es werden Mottopartys veranstaltet, und auch mit der Schwulen- und Lesbenorganisation Slado ist „Lili Marlene“ gut verzahnt, es gibt einen runden Tisch im Rathaus, an dem die Stadt Dortmund beteiligt ist, der sich regelmäßig trifft. „Soviel wie in Dortmund sollte aus auch in anderen Städten geben.“ Frau Lindner lobt auch den Oberbürgermeister, der die Gleichstellung zur Chefsache gemacht hat.
Mit ihrer Situation geht Tanja Lindner ganz offensiv um: „Das war nötig“, denn mit der Akzeptanz hapert es noch überall: „Ältere Menschen sind offener und neugieriger als die jungen. besonders junge Männer wissen nicht damit umzugehen.“
Die Selbsthilfegruppe „Lili Marlene“, Burgunderstraße 1, in Hörde ist mittwochs von 20 bis 24 Uhr geöffnet, freitags und samstags von 20 bis 5 Uhr. Telefonische Beratungen gibt es dienstags ab 20 Uhr unter Tel: 43 88 321. Im Internet ist die Gruppe auf www.lili-marlene-dortmund.de zu finden. Sie hat rund 135 Mitglieder aus ganz Nordrhein-Westfalen.

Tanja Lindner setzt sich ehrenamtlich in einer Selbsthilfegruppe für transidente Menschen ein | Foto: Schmitz
Bei einer Veranstaltung der Dortmunder „Lib‘Ellen, den liberalen Frauen, erzählte Tanja Lindner (4.v.l.)  freimütig über die Wende in ihrem Leben. | Foto: Schmitz
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Lokalkompass Dortmund-City aus Dortmund-City

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