Der Elfmeter - die Angst ...

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Die Europameisterschaft fesselt viele - auf dem Rasen und am Bildschirm ...

Maximaler Stress für Torjäger, Verteidiger und Torwart?



Erinnern Sie sich noch? Damals ... die Angst – fast jeder Fußballfan kennt die Erzählungen von Peter Handke. Wer hat heute mehr Angst, wenn der Schiedsrichter auf den Elfmeterpunkt zeigt: Ist es der Torwart, die Mannschaft oder eher der Torjäger?
Prof. Daniel Memmert vom Institut für Kognitions- und Sportspielforschung der Deutschen Sporthochschule Köln im Gespräch mit Mirjam Bauer:

Warum ist der Begriff Elfmeter so emotional geprägt?


Prof. Daniel Memmert: Ein Elfmeter stellt eine extreme Drucksituation dar, weil das Spiel zur Ruhe kommt und in diesem Moment nur noch zwei Menschen einander gegenüberstehen und sich „duellieren“. Der Schütze steht unter enormem Druck, denn im Stadion erwarten alle, dass er ein Tor erzielt – die Wahrscheinlichkeit liegt nachweislich bei circa 75 Prozent. Der Torwart ist nicht minder angespannt, er kennt ebenfalls seine etwa 25-prozentige Chance, den Schuss zu halten. Trotz dieser Wahrscheinlichkeiten entsteht jedes Mal eine völlig neue Situation mit unklarem Ausgang. Im Fußball fallen in der Regel wenig Tore – und genau deshalb kann diese Situation spielentscheidend sein.

Was geht den Spielern zuerst durch den Kopf, wenn der Schiedsrichter auf den Elfmeterpunkt zeigt?


Prof. Memmert: Als erstes muss – nach der Freude über den Pfiff – die Entscheidung gefällt werden, wer den Elfmeter schießt. In der Regel sind die Schützen bereits vorher festgelegt, damit es keine Streitigkeiten gibt. Alle Torjäger trainieren diese Standardsituation ständig. Die Entscheidungsfrage kursiert mit dem Wissen der eben erwähnten hohen Torwahrscheinlichkeit in den Köpfen der Spieler.
Die Mannschaft, gegen die der Elfmeter ausgesprochen wurde, freut sich weniger: Der Torhüter denkt vielleicht nach, welcher Schütze den Ball treten wird und ob er dessen bevorzugte Ecke kennt.

Was passiert nach diesen ersten Sekunden?


Prof. Memmert: Der Stürmer hat verschiedene Möglichkeiten, sich vor dem Torwart zu positionieren. Er darf auf keinen Fall zeigen, dass er gestresst ist. Sinnvoll ist eine positive Körpersprache, der Spieler strahlt dadurch Dominanz aus. In Studien konnten wir weitere Effekte aufzeigen, die nützlich sind und dem Torhüter vermitteln, dass der Schütze eben nicht gestresst oder unruhig ist. Zum einen darf der Stürmer sich nicht umdrehen und rückwärts zum Anlaufpunkt des Elfmeters gehen, er sollte sein Gesicht vielmehr stets dem Torhüter zuwenden. Zum anderen gibt es noch einen zeitlichen Aspekt: Der Torjäger soll nach dem Pfiff nicht gleich loslaufen, sondern erst ein paar Sekunden warten – beispielweise im Kopf leise bis drei zählen – und dann erst anlaufen.

Und welche Möglichkeiten hat der Torhüter?


Prof. Memmert: Auch die Torleute in der Bundesliga sind gut vorbereitet. Sie wissen um die Vorlieben der Torschützen, welche Ecke sie bevorzugen und ob sie eher hoch oder tief schießen. Der Torwart muss entscheiden, ob er diese Informationen nutzt oder spontan agiert. Vor acht Jahren hat Jens Lehmann der deutschen Herren-Nationalmannschaft beispielsweise beim Elfmeterschießen mit einem Spickzettel den Einzug ins Habfinale gesichert, weil er die Ecken der gegnerischen Stürmer nachlesen konnte.
In der psychologischen Forschung haben wir darüber hinaus ein Verhalten entwickelt, das wir den „Nutzen der unbewussten Beeinflussung“ nennen. Wir empfehlen dem Torwart eine Handlungsprovokation: Er bewegt sich in seinem Tor wenige – maximal zehn – Zentimeter nach rechts oder links. Diese, nicht bewusst wahrnehmbare, Verschiebung bewirkt, dass der Fußballer in vier von fünf Fällen – das entspricht 80 Prozent – genau in die vermeintlich offene Ecke zielt. Verstärken kann der Torwart dieses Verhalten noch, indem er zusätzlich mit seiner Hand in die entsprechende Ecke zeigt.

Inwieweit spielen andere Faktoren eine Rolle?


Prof. Memmert: Es ist bewiesen, dass die Zuschauer den Schiedsrichter durchaus beeinflussen, ohne dass er es wahrnimmt. In Auswärtsspielen erhält die auswärtige Mannschaft mehr gelbe Karten als die Heimmannschaft, statistisch gesehen handelt es sich in einem Spiel um eine ¾ Karte. Der Grund liegt in der Lautstärke – die Fans kommentieren Fouls oder andere Situationen gegen ihre Spieler lautstark, so dass der Schiedsrichter eher geneigt ist, zu pfeifen – und es bei den Gegnern in einem ähnlichen Fall, ohne begleitende Äußerungen der Fans, unterlässt.
Auch das Anfeuern des Elfmeterschützens durch Fans und Mannschaft ist konstruktiv zu sehen. Das eigene Team kann den Spieler positiv unterstützen, indem es hinter ihm steht und ihm das Gefühl vermittelt, nicht allein zu sein. Nach dem Schuss sollten alle wissen, dass das Team ihn wieder in die Mitte nimmt, auch wenn er nicht getroffen hat. Auf diese Weise zeigen die Mitspieler dem Schützen im Vorfeld, dass sie zu ihm stehen. Die größte Wirkung hat dieses Verhalten beim spielentscheidenden Elfmeterschießen.

Gibt es Unterschiede zwischen dem spontanen Freistoß gegenüber dem Elfmeterschießen?


Prof. Memmert: Der Schütze steht schon im normalen Spielverlauf unter enormem Druck, noch schlimmer fühlt er sich jedoch in der k.o.-Situation des Elfmeterschießens. In dieser Situation weiß jeder, dass die Treffer definitiv spielentscheidend sind. Dazu muss man sich nur das Gegenteil vorstellen, nämlich eine 3:0 Führung der eigenen Mannschaft – in diesem Fall ist ein Elfmeter für die Gegner weniger von Bedeutung.

Was ist ein perfekter Elfmeter?


Prof. Memmert: Der Schütze muss nach dem Pfiff noch 3 Sekunden warten, dann anlaufen und sollte in eine der oberen Ecken schießen. Diese Bälle sind für den Torwart am schwersten zu halten, die Chance liegt bei einem Schuss ins obere Drittel bei annähernd Null. Andererseits sollte der Torjäger flexibel sein und auch andere Varianten beherrschen und beispielweise auch manchmal in die Mitte schießen, weil er hofft, dass der Torwart sich in die ihm zugedachte Lieblingsecke werfen wird.
Der Torwart benötigt ebensolche Flexibilität. Auf jeden Fall sollte er sicher stehen, nicht wild herumhüpfen oder Nervosität zeigen – und das „minimale Verschieben“ beherrschen. Er muss sowohl in die Ecke springen als auch in der Mitte stehen bleiben können. Wenn er durch seine Handlungsprovokation ein Tor verhindert, ist das aus seiner Sicht wohl der perfekte Elfmeter – nämlich der abgewehrte...
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2 Kommentare
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Michael Roloff aus Alpen | 12.06.2016 | 20:33  
101
Mirjam Bauer aus Essen-Ruhr | 12.06.2016 | 23:11  
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