Hat das Ruhrgebiet immer noch ein Imageproblem?

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Essen: Krayer Straße | Heute Morgen schlage ich die Zeitung auf und lese, wie in einem Leserbrief sich ein Schreiber furchtbar darüber aufregt, dass vom „Ruhrpott“ und vom „Revier“ gesprochen und geschrieben wird, „antiquierte Begriffe … die auch von der WAZ andauernd benutzt werden.“. Als lächerlich bezeichnet er den Begriff „Ruhris“. „Wie infantil und unsensibel muss man wohl sein, um die Bewohner dieses Gebietes so zu bezeichnen?“ schreibt er.

Ach, lieber Leser, denke ich. Nur die Ruhe! Da muss man doch nicht gleich in die Luft gehen! Warum so aggressiv? Waren Sie letztlich in Bayern, und sind Sie dort vielleicht darauf angesprochen worden, ob die Zechen im Ruhrgebiet immer noch so viel Ruß ausstoßen?
Nein, ich denke, es hat sich sogar in Bayern herumgesprochen, dass die letzte Steinkohlenzeche bald geschlossen wird.

Und die WAZ, die hauptsächlich im Ruhrgebiet gelesen wird, ist bestimmt die Letzte, die es darauf anlegt, das Ruhrgebiet zu verunglimpfen.

Jetzt aber ’mal ernsthaft, sachlich und der Reihenfolge nach.

„Ruhrpott“ ist zwar kein unproblematischer Begriff, weil man mit „Pott“ selten positive Eigenschaften verbindet.
Auffallend sind bei diesem Begriff die Unterschiede in der Fremdwahrnehmung und der Eigenwahrnehmung. Vom „Kohlenpott“ ist zwar schon lange nicht mehr die Rede, aber es scheint, dass außerhalb des Ruhrgebiets auch der Begriff „Ruhrpott“ manchmal Assoziationen hervorruft, die der im Ruhrgebiet aufgewachsene Bürger mit den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verbindet.
Uns Revierbürgern hat z.B. die „ExtraSchicht - Der Pott kocht“ phantastische Erlebnisse mit großartigen Illuminationen beschert. Ich bin sicher, dass niemand, der die „ExtraSchicht“ erlebt hat, Anstoß an dem „Pott“ genommen hat.

„Revier“ ist ein historischer, wertfreier Begriff. Ob der heute noch angemessen ist, darüber könnte man streiten.

„Ruhri“ sehe ich eher als liebevollen Kosenamen. Ob man den Namen schön findet, ist eine Frage des Geschmacks, über den, wie wir schon seit den Zeiten der alten Römer wissen, sich nicht streiten lässt. Alternativ könnte man natürlich sagen: „die Bewohner des Ruhrgebiets“, „die Menschen im Ruhrgebiet“, „Menschen, die im Ruhrgebiet wohnen“, „Ruhrgebietler“, „Ruhrgebietsbewohner“ oder „Menschen in der Metropole Ruhr“. Das klingt alles sehr nüchtern, sehr sachlich, vermittelt keine Identität, stellt nur einen geographischen Bezug her.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich viele Menschen, die im Ruhrgebiet wohnen, durch den Begriff „Ruhri“ diskriminiert oder beleidigt fühlen und dass außerhalb des Ruhrgebiets dieser Begriff in herabsetzender Weise benutzt wird.

Es würde mich interessieren, wie die anderen Bürgerreporter darüber denken.

Falls eine „Imagekampagne“ als notwendig angesehen wird, muss man natürlich berücksichtigen, dass nicht das eigene Empfinden ausschlaggebend sein sollte, sondern die zu erzielende Außenwirkung. Das heißt, dass auch im entferntesten Winkel der Bundesrepublik, in der Schweiz, in Österreich und woanders bekannt werden muss, dass der Bergbau heute fast keine Rolle mehr spielt, die Industrie nicht mehr so dominant ist wie in den 50er Jahren und dass stattdessen Kultur, Handel, Dienstleistungen aller Arten und Wissenschaftsförderung an erster Stelle stehen, dass das Ruhrgebiet viel grüner geworden ist, dass die Menschen im Ruhrgebiet aber auch stolz sind auf ihre Geschichte, die sich in den zahlreichen Industriedenkmälern zeigt und dass, wenn „der Pott kocht“, ganz tolle Erlebnisse gemeint sind.
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4 Kommentare
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 23.10.2015 | 17:26  
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Bernfried Obst aus Herne | 23.10.2015 | 21:29  
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Manfred Jug aus Essen-Steele | 24.10.2015 | 09:31  
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Bernfried Obst aus Herne | 24.10.2015 | 20:51  
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