WAZ.Wissen: Nicht-Denken heißt glauben müssen

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Essen: Haus der Technik | Weiterbildung im modernen Format verspricht die Veranstaltungsreihe „WAZ.Wissen“ im Haus der Technik. An acht Terminen sind Experten in Essen zu Gast, um ihren Zuhörern einen Wissensvorsprung mit auf den Weg zu geben. Den Auftakt machte Kabarettist Vince Ebert mit seinem Vortrag „Denken Sie selbst! Sonst tun es andere für Sie.“ Der eineinhalbstündige Vortrag thematisierte die Rolle des Denkens und vermittelte auf unterhaltsame Weise neuste Erkenntnisse aus Hirnforschung, Neuromarketing und Evolutionsbiologie. Zugleich warnte Vince Ebert vor Selbstüberschätzung und Unberechenbarkeit und gab seinen Zuhörern so wertvolle Denkanstöße für ihre berufliche Karriere.

15 Jahre Wissenschaftsshows haben Vince Ebert zu einem prominenten Gesicht gemacht. Der Bestsellerautor und Moderator nutzte das ihm gebotene Forum, um mit seinem Wortwitz und seinem Wissen zu glänzen. „Nach Angela Merkel und Oscar Lafontaine bin ich der dritte Physiker, der seinen Lebensunterhalt mit Comedy verdient“, witzelte Ebert gleich zu Beginn des Vortrags und versprach, sein Wissen humorvoll zu vermitteln. Das gelang hervorragend. Ob Vince Ebert den in der Politik gerne gewählten Begriff „Quantensprung“ als kleinstmögliche Veränderung entlarvte oder in Alkohol, Drogen, Fernsehen und Sex wissenschaftliche Bastionen der Denkfreiheit entdeckte, das Publikum genoss die Impulse. Die darf man bei einem Entertainer natürlich nicht immer bis auf den letzten Buchstaben ernst nehmen. So kennt der Duden neben dem physikalischen Quantensprung auch einen anderen, von dem wahrscheinlich die Politiker reden.

Beim Vortrag kam der Humor nicht zu kurz. So stellte Ebert nicht nur die provokante Frage, ob sich das Denken überhaupt lohnt, sondern machte auch klar, dass viele Menschen Strukturen und Ordnung auch dort sehen, wo diese gar nicht vorhanden sind. Ein Bild aus Strichen, das vom Publikum als 3D-Darstellung eines Würfels interpretiert wurde, machte dies deutlich. „Denken ist eine evolutionäre Nische“, führte Ebert aus und wunderte sich, dass es trotzdem Viele nicht machen.

Wie schwer Rationalität fällt machte Vince Ebert an einer einfachen Rechnung deutlich. Wenn intuitives Denken in 0,3 Sekunden geschieht und rationales viel länger dauert, ist es kein Wunder, dass manchmal falsche Entscheidungen getroffen werden. Dabei outete Ebert sich als Liberaler, der die Angst vor „falschen Dingen“ wie Globalisierung und Gentechnik nicht nachvollziehen kann und sich über die Bedenkenträger in der Gesellschaft erschreckt. „Es gibt kein Nullrisiko“, gab Ebert seinem Publikum mit auf den Weg. Selbst Briefmarkensammler können auf dem Weg zur Post überfahren werden. Doch ein bisschen Angst ist aus Eberts Sicht auch nützlich: „Ohne Angst wären wir längst ausgestorben.“ Wird die Angst zu groß, geht der Effekt allerdings nach hinten los, denn dann übernimmt das Reptilienhirn die Kontrolle und verschließt sich für tiefere Analysen. Emotionales Denken unterdrückt dabei rationales Denken. Anhand plakativer Beispiele erläuterte Ebert seine Theorien. Wer glaubt, dass Bier im Kühlschrank ist, ist Theologe. Wer nachschaut, Wissenschaftler. Und wer nachschaut, keins findet und trotzdem glaubt, dass welches da ist, Esoteriker. Eine gelungene Mischung aus Wortwitz, Faktenwissen und nicht zu widerlegenden Impulsen zeichnete den Vortrag aus. Dabei kitzelte Ebert den Intellekt seiner Zuschauer zum Beispiel mit folgender Aufgabe. „Wenn man ein Band um den Äquator legt und dieses dann um einen Meter verlängert, in welcher Höhe über dem Boden könnte dieses schweben, um in alle Richtungen den gleichen Abstand zu haben?“ 16 cm – so die überraschende Lösung von Vince Ebert. Auch die Treffsicherheit eines Schwangerschaftstests wurde thematisiert. Wenn dieser mit 99,99% Sicherheit keinen Fehlalarm auslöst – wie wahrscheinlich ist es dann, dass eine Frau mit positivem Testergebnis wirklich schwanger ist? Im auf der Bühne gezeigten, stark verkürzten Rechenbeispiel ergab sich eine Quote von 50%.

Dass Korrelation und Kausalität nichts miteinander zu tun haben, zeigte Vince Ebert an einem anderen Beispiel. So soll der russische Zar einst festgestellt haben, dass in den Provinzen mit den meisten Kranken auch die meisten Ärzte arbeiten. Ob er mit der Hinrichtung der Ärzte den Krankenstand senken konnte, ist zweifelhaft. Vince Ebert präsentierte Hamlet als den Prototyp des skeptischen Wissenschaftlers und appellierte, den Unterschied zwischen tiefen Wahrheiten und tiefem Blödsinn zu erkennen. Dabei wies er auch auf das Problem der Selbstüberschätzung hin. Viele schreiben Erfolg ihren persönlichen Eigenschaften zu und sehen die Verantwortung für Misserfolg in den äußeren Umständen. Witze über trockene Workoholics und den vergeblichen Versuch, den Zufall auszuschalten, wechselten sich ab mit politischen Anspielungen und kleinen Experimenten. „Der frühe Vogel fängt den Wurm, aber erst die zweite Maus bekommt den Käse“, frotzelte der Entertainer, bevor er auf die Implikationen der schöpferischen Zerstörung aufmerksam machte, die Wirtschaft und Gesellschaft immer wieder verändert. „Mangelnde Bildung ist Armutsrisiko, nicht mangelndes Geld“, so Vince Ebert. „Der Individualist war ein gefundenes Fressen für den Säbelzahntiger“, grinste Ebert, der den Abend mit dem Wunsch schloss, die Zuhörer vor Denkfallen gewarnt, über die Funktionsweise des Gehirns informiert und Anregungen für das Querdenken mitgegeben zu haben.
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