"Leibarchiv“ – Jacke in Boro-Tradition von Ricarda Aßmann

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Leibarchiv“– Jacke in Boro-Tradition

Das Thema Bekleidung fasziniert mich am ehesten als künstlerische Aufgabe– und jenseits der Tragbarkeit. Ich wollte einen einfachen Überwurf fertigen, der in der Not Jacke oder Plaid sein kann, und dem eine möglichst simple Form zugrunde liegt.

Meine Gestaltausbildung und Inspirationen durch Photos von Jude Hill und anderen Slow Cloth und Spirit Cloth-Künstlerinnen beschäftigen mich seit geraumer Zeit, ebenso wie die z.T. musealen Aufnahmen altjapanischer Kleidungsstücke. Die Idee, Vintagestoffe zu transformieren, indem ich sie zu neuen Kleidern zusammenfüge, und dabei in Ruhe diese kleinen „Fetzen“ und „Lumpen“ in ihrer Geschichte zu würdigen, wollte ich in diesem Kursblock zum Inhalt machen.

Zeitgleich ereignete sich die Katastrophe von Fukushima, und mithin die Sorge um enge Freunde in Japan, die Anteilnahme an der Not der Menschen und der Verlust Tausender von Heim, Gut und Liebgewonnenem. Das, was mich zuvor noch allein durch ein Buch „Boro- Rags and Tatters from the Far North of Japan“ inspiriert hatte, wurde plötzlich im übertragenen Sinn traurige Realität für viele Menschen.

Im kalten Norden Japans haben die überwiegend armen Bewohner in der Vergangenheit alle Stoffreste gesammelt, deren sie habhaft werden konnten (angefangen von Kleiderresten, Babywindeln bis hin zu Reissäcken), um daraus Decken und Jacken in dick übereinander liegenden Schichten zu nähen. Da Baumwolle erst ab der Gegend rund um Fukushima (!!!) kultiviert werden konnte, trug die Landbevölkerung überwiegend Kleidung aus rauem Hanf. Heute werden diese Stücke (so sie denn noch vorhanden sind) als kostbare Erbstücke innerhalb der Familien weitergegeben, oder in Museen ausgestellt.

Ich sammle seit langem kleine textile Andenken aus der Familie, von Freunden, aus meiner Jugend und Fundstücke von Flohmärkten und Secondhand-Warenhäusern. In einem Workshop mit Jorie Johnson im Sommer 2010 fand ich in einer Restekiste Fetzen eines alten japanischen Hanf-Reissacks und begann, mich näher für japanische Gestaltungselemente zu interessieren.
Da ich während der Erstellung der Hausarbeit infolge mehrerer Bandscheibenvorfälle in der Halswirbelsäule meinen rechten Arm monatelang nur eingeschränkt und unter Schmerzen bewegen konnte, fertigte ich über Wochen kleine Filzstücke in immer gleicher Dicke (0,0027g pro qcm/Schrumpffaktor 2). Insgesamt etwa 40 Stücke in Nunofilztechnik, zum Teil auf ausgelegte Garne aufgefilzt, zum Teil auf Seidenstoffen, Chiffontüchern etc.
Die Ärmel für die Jacke trennte ich aus einer alten Bluse mit einer Shibori-Abbinde-Optik heraus.

Ausgelegt auf ca. 2m x 0,80 cm habe ich die Stücke zunächst von Hand gesteppt, und dann später mit der Nähmaschine zusammen gefügt. Die Ärmellöcher in Ermangelung von Erfahrung per Augenmaß gesetzt und geschnitten, zum Glück genau an den richtigen Stellen. Schultern und Kragen zur besseren Passform nachgefilzt und an einer Schneiderbüste nachgeformt.

Im zweiten Schritt nähte ich weitere „Lumpen“ auf – löchrige Sackfetzen, alte Spitzenstücke und eine (ungebrauchte) aufgetrennte uralte baumwollene Binde – deren Zwickel dient nun auf der Rückseite zur Verbindung der Seitenteile. In unsichtbaren Taschen verbergen sich Verpackungen japanischer Pralinen und der Verschluss einer japanischen Wasserflasche – beides Mitbringsel der Freunde bei ihrem Heimatbesuch kurz vor der Katastrophe.

Schließlich bestickte ich einzelne Partien der Jacke in der traditionellen Technik, wie sie auch auf Photographien von Boro-Stücken zu sehen ist – große Stiche mit hellem Garn (früher gesammelte Fäden aus den Fetzen), die Löcher und Einrisse umrunden und betonen, statt sie zu kaschieren. Dieses Detail – übertragen auf das Leben und die –stolzen- Wunden, die es mit sich bringt, gefällt mir besonders gut.

Für die Präsentation fand ich ein Erbstück, einen alten Lederkoffer, an dessen Griff sich das Leder gelöst hatte und darunter ein Stück alte Zeitung zum Vorschein kam. Ebenso wie meine Großmutter, von der sich einige Spitzenstücke auf der Jacke finden, sich in Kriegszeiten mit ihren Kindern und dem wenigen, was nach Bombenangriffen blieb, in Sicherheit bringen musste, waren die Menschen in Fukushima wieder auf der Flucht. Von der atomaren Bedrohung kündet die papierne Atemmaske - sinnlos angesichts der tatsächlichen Gefahr. Eine Schale mit Reis macht darauf aufmerksam, dass die Grundnahrungsmittel verseucht sind, und die Erde und die Gewässer auf lange Sicht. Besonders makaber erschien mir die Tatsache, dass unsere Freunde uns eine Flasche japanisches Mineralwasser schenkten – und es nun den Menschen gerade an Wasser mangelte.

Die Installation dieser Jacke gemahnt daran, Respekt zu zeigen vor der Lebensleistung der Menschen, und Achtung haben vor den endlichen Rohstoffen und Schätzen, die uns diese Welt schenkt, und mit denen wir so sorglos umgehen.

Text Ricarda Aßmann
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