Von Katzen, Hoffnung und Liebe

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Am 18. April ist unser Siamkater nach seinem abendlichen Spaziergang im Garten nicht mehr nach Hause gekommen. Am Folgetag habe ich bei allen Nachbarn geschellt. Haben Sie mein Tier gesehen? Darf ich in den Hinterhof? In die Kellerräume vielleicht? Können wir bitte gemeinsam in der Garage nachschauen? Die meisten waren hilfsbereit und verständnisvoll; nur ein älterer Mann hat mir die Tür ins Gesicht geschlagen - er mache es nicht mit.
Wir haben Suchanzeigen mit einem Foto an alle Türen in unserer Straße geklebt. Danach in den Nachbarstraßen. Abends und nachts zogen wir durch die Straßen - rufen, lauschen, wieder rufen. In den Folgetagen gab es keine Straße im Radius von einem Kilometer, wo unsere Suchplakate nicht zu sehen wären. Ich habe mich bei allen Tierärzten gemeldet, alle Tierheime benachrichtigt und auch besucht. In wenigen Tagen war auch das Internet voller unserer Anzeigen. Und jeden Abend zogen wir wieder das gewöhnliche Programm durch: in der Stadt gehen, rufen, lauschen, wieder rufen. Und wieder weiter gehen. So hoffnungslos unsere Suche zu sein schien, konnten wir einen Gedanken nicht loswerden: Was, wenn unser kleiner Kater irgendwo hilflos auf Rettung wartet? Wenn wir es zulassen, dass uns die Verzweiflung überkommt, dann stirbt er. Und wir gingen wieder durch die Straßen mit einer neuen Portion Anzeigen und Taschenlampe.
An einem Abend wurden wir von einem Mann angerufen, der meinte, unseren Kater unter einem Baum gesehen zu haben, wo man für Straßenkatzen Futter ausstellt. Es sei allerdings vor längerer Zeit gewesen, eine Woche her. Wir kamen dann jede Nacht zu dem Baum. Eine ganze Nacht haben wir auch im Auto vor der Futterstelle schlaflos verbracht, denn wir dachten, dass wir dort vielleicht immer zu falschen Zeiten aufgetaucht waren. Wir wollten es sicherstellen; dieser Anruf war unser einziger wirklicher Anhaltspunkt. Drei verschiedene Katzen sind während unserer Wache aufgetaucht, und sogar ein Igel. Von unserem Kater keine Spur.
Zweieinhalb Wochen später bekam ich eine Krise. Ich habe nur geheult. Ich meinte, ich werde verrückt. Ich hörte die Stimme meines Katers. Er rief laut, intensiv, kläglich. Und ich wusste nicht, wo er war, wusste nicht, wohin ich noch gehen konnte, wo wir nach ihm noch suchen sollten. „ Du brauchst Schlaf“, meinte mein Freund, „Ich gehe alleine, wir haben noch Suchplakate übrig vom letzten Mal.“ Ich habe dann die Jacke angezogen und bin mitgekommen.
Am nächsten Tag bekam ich Anruf von einer Frau. „Wir haben Ihren Kater gesehen, und zwar schon zweimal!“ Sie sei sich absolut sicher, und ihre Kollegin genauso, dass unser Kater sich auf dem Hof des Hotels, wo sie beide arbeiten, seit über zehn Tage versteckt; unsere Anzeige hatten sie allerdings erst jetzt zufällig gesehen, mich dann aber sofort angerufen. So dramatisch sein Zustand zu sein schien, lasse der Kater keinen näher kommen und sei immer abgehauen. An diesem Tag haben die Frauen für ihn rohes Fleisch ausgestellt; es sei dann auch verschwunden. Ich war sofort da, wurde auf den Hinterhof begleitet, habe ganz lange gerufen. Es war zu laut draußen, zu hell, zu heiß. Dann haben wir vereinbart, dass wir am nächsten Tag sehr früh vorbei kommen dürfen und dort nochmals suchen. Nach vier Stunden Schlaf waren wir im Morgengrau wieder am Hotel und liefen die Treppe runter in den Keller.
…Verwahrlost, voll abgemagert, verdurstet und dreckig kroch der Kater aus seinem Versteck in der weitesten Ecke zwischen alten Matratzen raus. Er hat mich erkannt. Und als er endlich auf meinem Schoß war, hat er angefangen zu schnurren…
18 Tage und Nächte (auch die Nacht vor der Futterstelle; ohne es zu wissen, waren wir damals genau an der anderen Seite des Carré, es war allerdings an allen Seiten dicht abgesperrt); um 300 Suchplakaten auf einer Gesamtstrecke von ca. 30 Kilometer, darunter auch die vom Hotelpersonal gefundene Anzeige (wir wussten, dass wir spinnen, es war zu weit weg von unserer Straße, hatte keinen Zweck, auch dort zu plakatieren, und trotzdem haben wir den Unsinn getan); mehrere Hunderte von Kilometer, die wir nachts gemeinsam gelaufen sind (rufen, lauschen, rufen, weiter ziehen, stundenlang). Alles um dieses Fellsäckchen mit herausstechenden Knochen an der Grenze zwischen Leben und Tod endlich zu finden. Es war zu viel, was wir getan hatten. Es war zu wenig. Es war doch genau richtig.
(Der Kater, der die Hälfte seines Gewichts verloren hatte und in den letzten Tagen auch sehr ausgedurstet war, ist laut der Tierärztin nun in einem stabilen Zustand. Er trinkt viel, gewinnt immer mehr an Appetit, pflegt sich wieder oder lässt sich von unserer zweiten Katze pflegen, und spielt sogar, solange seine Kräfte reichen. Überwiegend schläft er aber. Und nur manchmal weint er noch in seinem Schlaf…)
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