Mit Handy und Teppich zum Gebet

Anzeige
Tradition trifft Moderne: Die App zeigt, wo Osten liegt.
 
Erklärt Kimberly N. islamische Religion: Norcan D.
Tage der interreligiösen Begegnung an der Lessing-Realschule

„Verpiss dich, du Jude!“ Unter wütenden Jugendlichen herrscht ein rauer Ton. Auch wenn der so Gescholtene einer anderen oder gar keiner Religion angehört, weiß er, dass ihm mit diesem Satz höchste Verachtung entgegenschlägt...

Eva Wawro, Religionslehrerin an der Lessing-Realschule weiß aus dem Schulalltag, das es unter den Schülern durchaus üblich ist, sich derart zu beschimpfen. Um solchen interreligiösen rassistischen Tendenzen und der Entfremdung der Schüler anderer Kulturen und Religionen mit Aufklärung entgegenzuwirken, machten sie und ihre Kollegen das Thema zum Inhalt von Projekttagen. Vier Tage lang beschäftigten sich Schüler aller 10. Klassen der Schule mit den drei großen Weltreligionen. Dabei wurden sie von Werner Göbelsmann, Interkultureller Arbeitskreis Gelsenkirchen, und anderen externen Vertretern der drei großen Religionen begleitet.
In der Gruppe mit dem Islam als Schwerpunkt geht es praktisch zu: Kaan Gedik hat seine Schuhe ausgezogen und steht vor einem rechteckigen Fransenteppich. Dann holt der Schüler sein Handy aus der Tasche. „Und? Was sagt die App?“ Eine junge Frau in kariertem Kleid und Kopftuch geht zu ihm und schaut auch auf das Handy. „Diese Richtung“, zeigt Kaan, steckt das Handy ein, legt den Teppich in eine neue Position und stellt sich davor. Das Ritual kann beginnen: Kaan will zeigen, wie ein Muslime betet. Dabei wird er von der Islamwissenschaftlerin Norcan Demiryürek und den Sozialpädagogen Halil Aytuna vom Integrations- und Bildungszentrum der Moscheegemeinde Horst mit Erklärungen unterstützt.
„Ich finde es spannend zu sehen, mit welchem Eifer sich die Jugendlichen mit dem Thema Islam auseinandersetzen“, freut sich Norcan D. Sie hat sich unabhängig von einem Verein zur Verfügung gestellt, zu helfen, dass Vorurteile gegen die Islamische Religion abgebaut werden. Und sie nimmt ihre Sache ernst, beschreibt den Schülern an Beispielen aus ihrem Alltag, wie sie selbst ihre Religion lebt.
Vor der Gruppenarbeit zu den drei Weltreligionen, hatten die Schüler in einer großen Runde Fragen gestellt. Kimberly Nie wollte zum Beispiel wissen, warum es so viele Religionen gibt. Sie arbeitet ebenfalls in der islamischen Gruppe und hat, wie sie sagt „schon jetzt eine ganz andere Sicht bekommen.“

Anfangs fanden es die Schüler "doof"

Dabei sah es anfangs so aus, als wären die Projekttage an den Interessen der Schüler vorbei organisiert. Greta Stravinskaite: „Wir fanden das Projekt ziemlich doof. Viele wollten nicht teilnehmen. In unserem Jahrgang beleidigt sich keiner auf diese Art.“ Doch diejenigen Schüler, die nicht zum Tag der offenen Tür ins Berufsbildungszentrum gefahren sind – der Termin war auch auf den Donnerstag gefallen – arbeiteten mit Eifer an ihrer Präsentation.
Greta S., Weyza Caglar und Adrian Napp sitzen in der jüdischen Gruppe an einem Tisch und erarbeiten Themen wie Feiertage, Gebete, Bar Bat Mitzwa, den Raum des Gebetes oder die Propheten. Geta wollte unbedingt in diese Gruppe, weil sie vom Judentum nur wusste, was sie im Zusammenhang mit der Vertreibung und Ausrottung während der Nazizeit gehört hatte. Die Gruppe wird von einem jungen Juden, Anton ..., begleitet, von dem schon die Schüler an den beiden Tagen zuvor sagten: „Was für ein toller Typ! Schade, dass du schon gehst.“
Während von den Teilnehmern in den anderen beiden Gruppen einige der jeweiligen Religionsgemeinschaft angehören, gibt es in der jüdischen Gruppe niemanden mit jüdischem Glauben. „In der ganzen Schule gibt es da nur zwei Schüler“, weiß Adrian, „aber die würden sich nie outen.“ Für ihn sind die Projekttage ein wichtiger Beitrag, das Allgemeinwissen zu vergrößern und Dinge zu über die Weltreligionen zu erfahren, die im Schulunterricht möglicherweise zu kurz kommen.

Gegen das ungesunde Halbwissen


Dass die Projekttage der interreligiösen in der obersten Klassenstufe durchgeführt werden, hat wie Schulleiterin Ch. Kischkewitz erklärt,folgenden Hintergrund: „Wir wollen bei den Jugendlichen das Verständnis erzeugen, dass die weltweiten Probleme derzeit nicht religiösen Ursprungs sind, sondern ganz klar politisch motiviert durch Minderheiten initiiert werden. Das ungesunde Halbwissen der Schüler basiere auf Medienberichten, auf den Austausch untereinander und auf Infos, die man im Internet auf einschlägigen Plattformen findet, weiß der pensionierte Lehrer Werner Göbelsmann.
„Naja, was in den Nachrichten kommt, Pegida und so, interessiert uns eher wenig“, sagt Kristijan Raic. Nachrichten seien für die Meinugnsbildung der meisten Jugendlichen nicht relevant, weil „man sich nicht sicher sein kann, ob die Infos stimmen“. Er und Dominik Miano haben sich entschieden, mehr über das Christentum herauszufinden. Und das, obwohl beide Christen sind. „So kann man sein oberflächliches Wissen vertiefen“, meint Dominik.
Die Arbeitsergebnisse der drei Gruppen werden am Nachmittag präsentiert, so dass sich jeder aus dem Projekttag neues Wissen zu den Religionen mitnehmen kann.
Übrigens: Kaan bestimmte mit einer speziellen App, wo Mekka liegt, also der Osten, nach dem sich die Betenden ausrichten.
0
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.