Traum oder Albtraum? Ein Jahr in den USA

Anzeige
Etwas anders als erwartet, aber sicher ein unvergessliches Jahr erlebte Luis in Texas. Foto: Gerd Kaemper
 
Basketball ist Luis' große Leidenschaft, auch wegen des Trainings in seinem Lieblingssport hat er die unerwarteten Strapazen des Austauschjahrs ausgehalten - und zum Glück gut überstanden. Foto: Gerd Kaemper

Es war sein großer Traum: Ein Schuljahr in den USA erleben, dort Basketball trainieren und Land und Leute kennenlernen - Luis Richter wollte das schon mit zehn Jahren. Mit 16 flog er im letzten August los, doch so richtig traumhaft wurde es nicht...

Jetzt ist er 17 Jahre alt, 1,90 groß und ziemlich erwachsen. Seine Eltern sagen: „Ein Kind haben wir auf die Reise geschickt, einen jungen Mann zurückbekommen.“
Doch von vorn: „Ich wollte wirklich immer dahin, habe das mit meinen Eltern diskutiert“, erinnert sich der junge Bueraner. Die Englischkenntnisse werden sich stark verbessern, war ein schlagendes Argument. Also hat die Familie Richter recherchiert, Luis hat sich bei den verschiedensten Austauschprogrammen und -organisationen beworben und letzlich waren seine Eltern bereit, seinen Aufenthalt in den USA zu finanzieren. „Die Organisation „Step in“ hatte uns überzeugt, es gab tolle Info-Veranstaltungen, Luis wurde gut auf den Aufenthalt vorbereitet und wir hatten vorab schon Kontakt zu seiner Gastfamilie“, erinnert sich Vater Andreas Richter.

Aus dem Kind wurde junger Mann

Dann flog der Sohn - gegen alles mögliche geimpft - los. „Das war schon cool, alleine zu reisen, selbst für alle Details verantwortlich zu sein“, erinnert sich Luis, der von „seiner“ Familie am Flughafen in Texas abgeholt wurde. „Nicht von allen, die hätten nicht ins Auto gepasst“, grinst er. Eine Mormonen-Familie mit sieben Kindern sollte ein Jahr lang sein Zuhause sein...
Dann zog Hurricane „Katy“ über Texas und Luis sanierte erstmal Häuser. „Wir haben drei Tage lang nicht gewusst, wie es ihm geht“, erinnert sich Luis‘ Mutter kopfschüttelnd. Doch dem Sohn war nichts passiert, außer, dass er statt zur Schule - in der obdachlos gewordene Texaner untergebracht waren - zu gehen im Brackwasser der vollgelaufenen Häuser grub. „Da habe ich Glück gehabt, dass ich mir nichts geholt habe.“ Die Nahrung war rationiert - wegen der Umweltkatastrophe, dachte Luis. „Aber Verzicht ist ein großes Thema bei den Mormonen, deshalb gab es nur eine Mahlzeit am Tag.“ Auch als Luis dann zur Schule ging und dreimal am Tag hart Basketball trainierte. „Ich hatte Hunger.“ Die Eltern schalteten sich ein, schlugen vor, Luis mehr Taschengeld zu geben, damit er sich Snacks kaufen kann, doch das wollte Luis‘ amerikanische Familie nicht. „Dann haben wir uns an die Organisation gewandt, das war keine große Hilfe.“ Im Gegenteil: Luis wurde von der amerikanischen Partner-Organisation abgemahnt, musste unterschreiben, dass er sonntags sechs Stunden mit in die Kirche geht und mehr... „Das ging wirklich gar nicht, das war verrückt, an was die geglaubt haben“, schüttelt er den Kopf. Als die Familie mit ihm zelten ging, freute er sich zunächst, legte sich brav hin, als die Familie meinte, es wäre an der Zeit. „Dann haben die alles eingepackt und mich da allein im Zelt zurückgelassen“, erzählt er. In Texas? Mit Schlangen, Spinnen, Moskitos... Was hast Du gemacht? „Ich habe das Zelt zugemacht“, sagt er achselzuckend, während seine Eltern sich jetzt noch grausen.

Eine Mahlzeit pro Tag muss reichen?

Endlich durfte er die Familie wechseln, musste aber auch auf eine andere Highschool. „Als die Koordinatorin, die mich zur neuen Familie gebracht hat, sagte, ich solle höflich, gehorsam und nett sein, weil der neue Vater ein bisschen speziell sei, habe ich mich schon gewundert“, berichtet er. Gelandet ist er bei einem alleinerziehenden Vater und Ex-Army-Mann, dessen Sohn nie da war, weil er nur weg von seinem Vater wollte. „Unhaltbar. Unglaublich. Dass die da ein Kind hingeschickt haben“, sagt Andreas Richter. Wieder versuchten die Eltern von Deutschland aus zu helfen, als Luis von diesem „Gastvater“ Schläge angedroht wurden, eskalierte die Situation. „Ich wandte mich an die Presse, bekam einen Bericht bei Spiegel online - und hatte plötzlich die Organisation am Telefon, die meinte, das sei doch nicht nötig, und natürlich könne Luis die Familie nochmal wechseln und selbstverständlich dürften die Eltern ihn besuchen.“ In einer Nacht-und-Nebel-Aktion holte die Koordinatiorin Luis - unbemerkt vom unsäglichen „Gastvater“, der sogar Luis‘ Sachen durchwühlt hatte, -ab.

Dritte Familie selbst gesucht...

Dass Luis aber den Auftrag bekommen hatte, sich selbst eine Familie zu suchen, wusste Andreas Richter da noch nicht. „Zum Glück hatte ich an der neuen Schule viele Freunde gefunden“, erzählt Luis. „Und Emma hat mich dann eingeladen, mit zu ihren Eltern zu kommen.“ Fortan hatte Luis das, was er sich einst erträumt hatte: Eine tolle Familie - mit zehn Kindern - einem Gastvater, der ihm einen Basketball-Korb aufbaute und das auf einer Farm. Plus das Basketball-Training in der Highschool! „Leider war das Team an der neuen Schule sehr viel schlechter, aber das Training hat trotzdem viel gebracht.“ Eigentlich sei er zu spät gekommen, um noch ins Team zu kommen. „Aber ich war zum Glück so gut, dass ich doch spielen durfte“, lächelt er. Das Training begann meistens um 5 Uhr morgens, es wurde viel Kondition trainiert. „Einmal mussten wir mit Fallschirmen auf dem Rücken rennen, das hat total gebremst. Das macht einen wirklich fertig“, erzählt der junge Sportler. „Das Training ist extrem hart, aber mir hat es total viel gebracht.“ Zuletzt reiste Luis doch ein bisschen eher als geplant zurück, weil seine Familie umziehen musste und er nochmal eine neue Gastfamilie hätte suchen müssen. „Dass das Jahr so wird, hätte ich natürlich nicht gedacht, aber ich wollte das unbedingt und ich wollte unter keinen Umständen nach Hause zurück“, sagt er. Und das, obwohl er einen Jungen aus Hamburg an seiner Highschool traf, dem es ähnlich erging wie ihm und der nur noch nach Hause wollte...
Die Eltern sind froh, ihn gesund, wenn auch erwachsener zurück zu haben, empfehlen Eltern, denen auch sowas passiert, den Verein „Aktion Bildungsinformation“ zu kontaktieren. „Das waren die Einzigen, die wirklich weiterhelfen konnten“, bestätigt Andreas Richter, der am Ende in einer WhatsApp-Gruppe mit anderen betroffenen Eltern kommunizierte.

Verein "Abi" konnte als einziger helfen

Luis gehört zu den besten zehn Prozent der Absolventen seiner Highschool, fand insgesamt Schule dort etwas leichter als hier. „Ich hatte spannende Fächer im künstlerischen Bereich, aber auch „Business“ als Unterrichtsfach, was mich total interessiert hat.“ Deshalb wechselt er jetzt aufs Wirtschaftsgymnasium in Buer, um schon die Weichen fürs Berufsleben zu stellen.
War das Abenteuer USA jetzt Traum oder Albtraum? „Ach, am Ende war es toll. Einige der Erlebnisse hätte ich natürlich lieber nicht gehabt, aber trotzdem hat mich das Jahr wirklich weitergebracht.“ Auch beim Basketball: Da spielt er jetzt in der ersten Mannschaft seiner Altersklasse beim FC Schalke 04...
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.