„Kein Krieg auf den Körpern von Frauen“

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    Gelsenkirchen: die Flora | Die „flora“- Hausherrin Wiltrid Apfeld überlegte sich gut mit welchen Worten, sie die Anwesenden zur Eröffnung der Ausstellung „Vergewaltigung als Kriegswaffe“ begrüßen wollte. Denn ein Grund zur Freude war es nicht, den Worten der Referentin von medica mondiale für die Demokratische Republik Kongo, Annika Kunze, zu lauschen.

Globalisierung bringt die Welt näher

Brigitte Herde-Bajohr von der Gleichstellungsstelle der Stadt Gelsenkirchen machte deutlich, dass die DR Kongo zwar geografisch in einiger Entfernung zu Deutschland liegt, die „Globalisierung aber die Grenzen gesprengt hat und die EU durchaus eine Mitverantwortung trägt für die Lage der Frauen in der DR Kongo“. Sie wünschte den Anwesenden statt dem sonst an dieser Stelle verkündeten Spaß lieber ein interessiertes Ohr.

Demokratische Republik Kongo?

Dieses war Annika Kunze dann sicher bei ihren Ausführungen über die Lage und die Geschehnisse in der DR Kongo, wobei der Zusatz Demokratische Republik an dieser Stelle durchaus irreführend sein könnte, denn demokratisch ist nach unserem Verständnis etwas ganz anderes.
Kunze erläuterte, dass die sexualisierte Gewalt Bestandteil jedes Krieges ist und zu den am weitesten verbreiteten Menschenrechtsverletungen zählt. Denn dabei werden Frauen zur Kriegsbeute und ihre Vergewaltigung dient der Demoralisierung der Gegner.

Wo Krieg herrscht gibt es Gewalt gegen Frauen

Sie nahm die Anwesenden mit auf eine geschichtliche Zeitreise und erinnerte an die Zeit des II. Weltkrieges als hunderttausende Frauen, vor allem Jüdinnen und Roma-Frauen, Wiederständlerinnen und Frauen in den von Deutschland besetzten Gebieten vergewaltigt wurden. Später fielen dann die deutschen Frauen den Besatzungsmächten zum Opfer.
Sie führte aus, dass während des Krieges in Bosnien-Herzigowina von 1992 bis 1995 mehr als 20.000 Frauen vergewaltigt wurden. Im Kosovo waren es in den Jahren 1998 und 1999 zwischen 23.000 und 45.000 und während des Völkermordes in Ruanda geht man von 90% der weiblichen Bevölkerung aus, wobei diese außerdem auch systematich mit HIV infiziert wurden.

Die Situation in der DR Kongo

Die DR Kongo ist ein großes Land in Zentralafrika in dem es vor allem in Nord- und Süd-Kivu zu besonders vielen Fällen von Gewalt gegen Frauen kommt. Das Land ist rund sechs Mal so groß wie die Bundesrepublik, hat etwa 60 Millionen Einwohner und wird vom Präsidenten Joseph Kabila regiert.
Dank seiner Bodenschätze wie Diamanten, Gold, Zinn und Coltan, von dem rund 80% des weltweiten Vorkommens im Kongo zu finden sind, konnte das Land eines der reichsten Gebiete der Welt sein. Doch die schwachen staatlichen Strukturen, die hohe Korruption, die geringe Infrastruktur und die Grenzsituation zu vielen kleineren afrikanischen Staaten lassen das Land nicht zur Ruhe kommen und nicht wirtschaftlich gedeihen.

Rebellen kontrollieren die Bodenschätze

„Das Problem liegt darin, dass es mehrere Dutzend Rebellengruppen gibt und die Regierung keine Chance gegen sie hat. Hinzu kommt, dass die Rebellen die Rohstoffe kontrollieren. Darüber hinaus kann man durchaus von Kriegsökonomie sprechen, denn die Regierung, die Rebellen und andere Organisationen profitieren vom Krieg, nur nicht die Bevökerung“, führt Annika Kunze aus.
Und so geht die UN davon aus, dass allein im Ost-Kongo pro Jahr rund 16.000 Vergewaltigungen zu verzeichnen sind. Eine neue Studie spricht allerdings von 400.000. Beteiligt daran sind Rebellen, Regierungstruppen, Zivilbevölkerung und sogar die von der UN eingesetzen Soldaten.

Die Folgen der Misshandlung

„Den misshandelten Frauen fehlen die Möglichkeiten ihre Peiniger anzuzeigen, weil sie gar nicht wüssten wo und bei wem. Außerdem besteht die Gefahr der Stigmatisierung und Ausgrenzung, weshalb viele Frauen schweigen“, wie Kunze erklärt.

Die Zusammenarbeit von medica mondiale und PAIF

Seit 2004 arbeitet medica mondiale mit der kongolesischen Frauenrechtsorganisation PAIF (Promotion et Appui aux Initiatives Féminines) zusammen, die in den Kivu-Provinzen gezielte Unterstützung für vergewaltige Frauen und Mädchen leistet. PAIF steht den Betroffenen emotional und beratend zur Seite, unterstützt sie wirtschaftlich und bringt sie in Krankenhäuser, zur Polizei und vor Gericht. Darüber hinaus klärt PAIF Familien, Gemeinden und Institutionen über Gewalt gegen Frauen auf, dokumentiert Fälle sexualisierter Gewalt und setzt sich dafür ein, dass die Täter bestraft werden.

medica mondiale ist auf jede Hilfe angewiesen

„Aber auch hier kann jeder helfen. Sei es durch Mund-zu-Mund-Propaganda um auf unsere Arbeit aufmerksam zu machen. durch ehrenamtliche Mitarbeit oder durch eine Spende“, rief Annika Kunze die Anwesen auf, sich einzubringen.
In Gelsenkirchen engagiert sich die Aktion weitblick für die Arbeit von medica mondiale (siehe Info-Kasten).

„Carte Blanche“, ein Film zur Ausstellung

Der Dokumentarfilm „Carte Blanche“ von Heidi Specogna wird am Donnerstag, 7. März, um 19.30 Uhr in der „flora“, Florastraße 26, passend zur Ausstellung gezeigt. Darin geht es um die Ermittler des Internationalen Strafgerichtshofes, die Beweise suchen für die Verbrehchen an der Menschheit.

medica mondiale

Während des Bosnien-Krieges erfuhr die Gynokologin Monika Hauser von den unzähligen vergewaltigten Frauen in zu Bordellen umgewandelten Hotels und Fabriken, in denen Frauen tage- oder monatelang gefangen gehalten wurden.
Sie entschloss sich, vor Ort tätig zu werden, reiste ins Kriegsgebiet und baute, in Zenica ein Frauenzentrum auf.
Mit 20 bosnischen Psychologinnen und Ärztinnen entwickelte sie Konzepte, wie kriegstraumatisierten Frauen und ihren Kindern noch während des Krieges geholfen werden kann.
Am 4. April 1993 startete die Arbeit von Medica Zenica mit der Einweihung eines Projekthauses, das neben einer gynäkologischen Praxis und eines Operationssaales auch Räume für psychosoziale Beratung und die Unterbringung von Frauen umfasst.
1994 baute Hauser gemeinsam mit fünf Mitarbeiterinnen ein Büro in Köln auf. medica mondiale entsteht.
Auf der Grundlage des in Bosnien entwickelten ganzheitlichen Ansatzes – gynäkologische Versorgung, psychosoziale Beratung und Rechtshilfe – weitete medica mondiale in den Folgejahren ihr Engagement auf viele andere Länder aus. Mit Therapiezentren in Afghanistan, Kosova, Albanien und Liberia und in Kooperation mit Partnerorganisationen in der Demokratischen Republik Kongo, Uganda und Israel – um nur einige Bespiele zu nennen – unterstützt medica mondiale traumatisierte Frauen und Mädchen weltweit.

Aktion Weitblick in Gelsenkirchen

Die Menschenrechtsorganisation medica mondiale hatte 2002 auf die Katastrophe der Frauen im Krieg in Afghanistan öffentlich aufmerksam gemacht. Monika Hauser, war eine der ersten, die nach Afghanistan reisten, um den Frauen zu helfen.
Frauen aus diversen Organisationen (Frauenreferat des evangelischen Kirchenkreises, Frauenbüro der Stadt Gelsenkirchen, Lokale Agenda 21, Kinderschutzbund, katholische Frauengemeinschaft, DGB u.a.) schlossen sich in Gelsenkirchen zusammen und sammelten Spenden für Frauen, die durch Krieg und Gewalt in Afghanistan traumatisiert wurden.
Kooperationspartnerin ist seit Beginn der Aktion Weitblick der Verein medica mondiale.
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