Kabarettist Philip Simon: Sich vertragen ist doch eigentlich ganz einfach

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Es muss nicht immer Zwangsjacke sein: Philip Simon (links, Mitte und rechts) gastiert am 27. Februar mit „Ende der Schonzeit“ (und einem fetten Update) im Hasper Hammer.
Hagen: Hasper Hammer | Einer der größten Könner des deutschen politischen Kabaretts ist Untertan von König Willem Alexander, verehrt das Grundgesetz und spricht ohne niederländischen Akzent: Auf Philip Simons Gastspiel im Hasper Hammer ("Ende der Schonzeit" am Freitag, 27. Februar) darf man gespannt sein. Ein Gespräch über Satire, Wahnsinn und Frieden.

Herr Simon, wie oft sind Sie in den letzten Wochen gefragt worden, was Satire darf?
Oft, für meinen Geschmack aber nicht oft genug. Der Mordanschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo hat dazu geführt, dass endlich über Satire diskutiert wird. Ehrlich, die Frage kann nicht oft genug gestellt werden.

Was darf sie?
Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe großen Respekt vor religiösen Empfindungen und spreche niemandem das Recht ab, sich zu empören. Aber ich setze auch die Bereitschaft voraus, sich mit Kritik zu beschäftigen.

Ihr Kollege Henning Venske sagte, sein Motiv sei Mitleid.
Bei mir ist es Wut. Ich bin mit vielen Dingen sehr unzufrieden, deshalb bin ich Kabarettist. Mitleid ist es nicht, nein, das klingt gönnerhaft.

Sie spielen Ihr Programm „Ende der Schonzeit“ schon seit 2012. Das wird sich mit der Zeit doch verändert haben.
Ich habe zwischendurch 15 Monate Pause gemacht und dann etwa die Hälfte ausgetauscht. Als ich meine Texte durchging, bin ich auf Sachen gestoßen, die aus den Zeiten der ersten großen Koalition unter Merkel stammten. Ich kann Ihnen sagen: Die Namen ändern sich, aber im Grunde passiert das selbe. Auch deswegen arbeite ich mich jetzt weniger an einzelnen Personen ab. Mir geht es um Begriffe wie Freiheit, Konsum…

Auch Religion? Zu dem Thema haben Sie ja einen sehr prägnanten Monolog im Programm.
Das bleibt auch so, auch wenn sich der Text verändert. Bei der ganzen Koranfrage möchte ich den Christen zurufen: Glück gehabt! Ich bin mir sicher, dass sich jemand finden wird, der sich bei seinen Verbrechen auf die Bibel beruft. 2. Mose 21: „So sollst du geben Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß“. Ein Christ sprengt sich nicht in die Luft, der arbeitet die Ersatzteilliste ab. Es ist doch völlig egal, womit sich diese Leute rechtfertigen, sie bleiben Idioten. Zeit meines Lebens ist der Gaza-Streifen ein Schlachtfeld. Daraus ziehe ich den Schluss: Atheisten hätten diese Probleme nicht.

Woran glauben sie?
An das Grundgesetz. Das lässt sich im demokratischen Prozess der Lebenswirklichkeit anpassen. „Alte Bücher“ kann man nicht weiterentwickeln. Mit der Bibel durchs Leben zu gehen ist, als wenn man mit einer Pferdekutsche in der Formel 1 starten will.

Ein Holländer schwört auf die deutsche Verfassung?
Ja. Ich bleibe aber trotzdem Niederländer.

Das hört man Ihnen aber nicht mehr an.

Ich habe den Akzent als Stilmittel benutzt, damit Dinge weniger hart klingen. Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem ich will, dass es hart klingt.

Aber sie berauben die deutsche Öffentlichkeit einer Illusion, die sich seit Lou van Burg in den Hirnen festgesetzt hat.
Dass wir nicht hochdeutsch sprechen können? Alle Holländer sind in der Lage, hochdeutsch zu sprechen! Ich verzichte auf die Sprachfärbung, weil ich nicht wie Harry Wijnvoord enden will.

Sind Sie einer, der möchte, dass sich die Menschen vertragen?

Stimmt, das wünsche ich mir. Eigentlich ist das ja gar nicht so schwer. Man muss Kompromisse finden, dafür haben wir in der Demokratie die besten Voraussetzungen. Deshalb geht es mir so auf die Nerven, dass viele meinen, Pegida müsste man ignorieren. Diese Haltung entspricht nicht meinem Demokratieverständnis. Da äußern Menschen ihre Sorgen und das wird abgetan. Das ist, als ob ein Arzt die Behandlung verweigert. Ich finde, Sigmar Gabriel hat es richtig gemacht. Er hat sich als Privatmann angehört, was die Demonstranten zu sagen haben. Aber es ist schon tröstlich, dass sich Phänomene wie dieses schnell von selbst erledigen. Lutz Bachmann kann sein Hitler-Bärtchen wieder einstecken.

Was würden Sie Pegida entgegenhalten?
Ganz einfach: Die größte Opfergruppe des Islamischen Staates sind Muslime. Und wenn ständig und überall Enthauptungsvideos laufen, ist doch klar, dass die Oma Angst kriegt.

In Ihrem Programm spielt eine Zwangsjacke eine große Rolle. Wie wahnsinnig ist Ihr Leben im Moment?

Überhaupt nicht. Ich schreibe an einem neuen Programm. Das ist für mich der schönste Teil an meiner Arbeit.

Den andere als unheimlich hart empfinden.

Hart sind für mich die Reisen.

Aber wenn sie in Hagen spielen, können Sie zuhause in Köln schlafen.

Das ist gut. Ich war übrigens schon mal im Hasper Hammer.

Woran erinnern Sie sich?

Ehrlich gesagt, an nichts. Die Erinnerungen an die Auftrittsorte verschmelzen mit der Zeit zu einem einzigen wohligen Andenken.

Hier gibt es Karten.

Malzbierfreund und Mopperkopp

Wer ihn das Wort „Blagen“ aussprechen hört, vermutet richtig, dass Philip Simon prägende Jahre im Ruhrgebiet zubrachte. Nach dem Abitur am Leibniz-Gymnasium Essen-Altenessen studierte er wenige Meter weiter südlich Germanistik, Geschichte und Philosophie.
„Ich bin hingegangen, hatte aber andere Vorstellungen vom Lehrstoff als meine Dozenten“, so der bekennende Abbrecher. An Altenessen schätzt er besonders das dort in hervorragender Qualität hergestellte Pils, das an seinem jetzigen Wohnort Köln partout nicht zu haben ist. „Das Malzbier von denen schmeckt aber auch super!“, weiß der 38-Jährige. Schon während seines Studiums sammelte Philip Simon erste Bühnenerfahrung und wurde als Conférencier schnell zu einer festen Größe in der deutschen Varieté-Szene. 2009 stellte er mit „Abschiedstournee“ seine erste Solo-Show vor.
Für sein zweites Kabarett-Programm „Ende der Schonzeit“ wurde er mit dem Jurypreis des Prix Pantheon und dem Publikumspreis des Großen Kleinkunstfestivals der Wühlmäuse ausgezeichnet. Philip Simon schrieb und produzierte bis 2011 seinen satirischen Wochenrückblick für einen Berliner Lokalsender. Seit 2013 ist er Autor für seine Late-Night-Show „Nate Light mit Philip Simon“ auf ZDFneo. 2012 moderierte Simon auf ZDFneo über 40 Folgen die „Thekenquizzer“. Philip Simon wurde eine eigene Comicfigur auf den Leib programmiert, das Pixel-Alter-Ego „Filipje“.
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