Eine wunderbare Reise durch die Gänsewelt des Ruhrgebiets - 12

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Manche Gänse können nicht fliegen - ihre Flügel sind falsch angewachsen.
 
Am Wassergraben rund um das Schloss leben viele Wasservögel.
Herne: Schloss Strünkede | Es wurde Herbst und bunte Blätter fielen von den Bäumen. Meine Mutter beschloss, dass wir einen Ausflug zu ihrer Schwester machen. Wir sollten unsere Tante und unseren Onkel kennenlernen, die in einem richtigen Schlosspark leben. An einem schönen sonnigen Tag brachen wir auf zum Schloss Strünkede in Herne. Mit großem Getöse rannten wir auf unseren großen kräftigen Füßen über das Wasser des Harpener Teichs und hoben mit kräftigem Flügelschlag in die Luft ab.

Wir überflogen den Ruhrpark, ein großes Einkaufszentrum, mit vielen kleinen Autos und vielen kleinen Menschen. Wir flogen über Autobahnen, Siedlungen, große Friedhöfe und ein Gewirr aus Bahngleisen, bis wir auf einer grünen Wiese vor einem Schloss landeten. Starten und Landen konnten wir Gänsekinder inzwischen richtig gut, wir beherrschten es spielend auf jedem Untergrund.

Unter den Bäumen an einem Wassergraben stand eine Gruppe von Gänsen und Enten. Meine Eltern wollten, dass wir noch schnell unser Gefieder ordneten und dann liefen wir laut schnatternd auf die Gruppe zu. Die Schlossgänse begrüßten uns freundlich. Anhand der Stimme konnte meine Mutter ihre Schwester schnell in der Gruppe ausfindig machen. Die Wiedersehensfreude war groß und wir Gänsekinder wurden stolz als die neuen Nichten und Neffen vorgestellt. Meine Tante war sehr erfreut. Meine Mama hatte wohl gehofft, dass sie selbst auch Nichten und Neffen bestaunen kann, aber ihre Schwester hat in diesem Jahr nicht gebrütet. Die Anzahl der Brutplätze ist begrenzt und nur wenige Gänse sind auserkoren, sich die begehrten Brutplätze zu sichern. Der größte Teil der Gänse gehört meistens zu den sogenannten Nichtbrütern.

Eine Gans mit zerfledderten Flügeln

Während die Familie über die alten Zeiten schnatterte, machte ich mich zu einer Erkundungsrunde um das schöne Wasserschloss auf. Dort fiel mir eine Gans mit ziemlich zerfledderten Flügeln auf. Was es wohl damit auf sich hatte? Ob ich sie das fragen durfte? Ich musste es wagen.

Die Gans reagierte sehr freundlich auf meine Frage, warum sie so ein zerfleddertes Federkleid trage: „Was du hier siehst, sind sogenannte Kippflügel. Das ist die Auswirkung einer Wachstumsstörung im Kükenalter. Normalerweise wachsen die Knochen und Federn von Gänsen und Enten aufeinander abgestimmt. In seltenen Fällen wachsen die Federn aber viel zu schnell und hierdurch verkippen die Flügelknochen. Die Knochen wachsen falsch zusammen und die Federn stehen dann struppig vom Körper ab.“

Gänse mit Kippflügeln können nicht fliegen

Ich schaute mir das Federgestrüpp an und fragte mich, ob man mit solchen Flügeln wohl fliegen kann. Die Gans konnte offenbar meine Gedanken lesen, denn sie ergänzte sogleich, dass man mit diesen Flügeln nicht fliegen kann. Oh je, dachte ich – ein Vogel, der nicht fliegen kann, das ist ja schrecklich! „Ja, das ist schrecklich.“, sagte die Gans. „Ich träume nachts oft davon, fliegen zu können. Aber ich werden wohl mein Leben lang hier, wo ich geboren bin, bleiben müssen. Die Ursache dieser Krankheit ist nicht bekannt, aber es ist vermutlich erblich bedingt. Immer wieder gab es in meiner Familie Gänse mit solchen Kippflügeln." Traurig steckte die Gans ihren Schnabel unter ihren Kippflügel. Mir fielen keine tröstenden Worte ein und so ging ich ein wenig betrübt weiter und zurück zu meiner Familie.

An diesem Abend flogen wir nicht wie gewohnt zurück zu unserem Schlafgewässer, sondern verbrachten die Nacht bei der Verwandtschaft. Wir schliefen im bunten Laub am Schlossparkgraben. Es war meine erste Nacht, die ich nicht auf dem heimatlichen Teich verbrachte - auch das war irgendwie aufregend.
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3 Kommentare
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Dieter Kunkel aus Marl | 19.03.2016 | 17:11  
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Britta Müller aus Marl | 20.03.2016 | 18:32  
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Britta Müller aus Marl | 25.03.2016 | 13:26  
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