"Die schwärzeste Nacht in der Geschichte der Deutschen"

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Heute wurde auf dem Platz der ehemaligen Synagoge der Angriffe deutscher Nazis auf das jüdische Leben in Kleve gedacht. Fritz Gies aus Nimwegen sprach das Kaddisch, das jüdische Totengebet. (Foto: Foto: Heinz Holzbach)

1938. November. Die Nazis sind an der Macht, Propagandaminister Joseph Goebbels putscht die Massen auf. In der Nacht des 9. November brannten in Deutschland die Synagogen.

Kleve machte keine Ausnahme - auch hier verloren die „ganz normalen Menschen“, die Deutschen, ihre Menschlichkeit, sahen zu, wie die Synagoge brannte, wie Menschen schikaniert, Wohnungen verwüstet und geplündert, Fensterscheiben eingeworfen wurden. An diesen schwärzesten Tag der deutschen Geschichte, an diese Nacht, wurde heute auf dem Platz der ehemaligen Synagoge erinnert.

Bürgermeister Theo Brauer: „Dieses Unrecht erfüllt uns mit Trauer, Entsetzen - und mit Scham.“ Nacht sei eine treffende Begrifflichkeit - eine Nacht, in der Klever Leben in Schutt und Asche gelegt worden sei. Eine Nacht, so der Bürgermeister, die ein grausamer Beginn millionenfachen Mordens gewesen sei. „Wie konnte man das zulassen?“, fragte Theo Brauer - eine Frage, der er nachzuspüren versuchte, eine Frage, auf die aber auch er letztendlich keine Antwort fand. Er kritisierte den späteren Umgang mit diesem Thema, stellte fest, dass bundesweit immer „nur“ von 91 Toten in jener Nacht geschrieben worden sei. Es seinen wesentlich mehr gewesen. „Wie konnten Menschen ihren Mitmenschen so etwas antun? Warum gab es so wenig Widerstand?“

Es gebe Antworten, so Brauer. „Aber noch immer stehen wir fassungslos vor dem, was damals geschah.“ Dass Menschen jüdischen Glaubens zurück in dieses Land gekommen seien, sei ein Vertrauensbeweis - und sei Verpflichtung. „Es gilt, aufzustehen. Wohin Vorurteile und Hass führen, hat die NSU Mordserie gezeigt.“ Zur Arbeit der Nachrichtendienste und der Polizei äußerte sich Brauer: „Wir sehen, wie fatal das Festhalten an stereotypen Denkmustern sein kann.“ Demokratie, Freiheit und Mitmenschlichkeit kämen nicht von alleine, dazu brauche es couragierte Mitbürger.

Die Gedenkfeier zum Novemberpogrom wurde auch in diesem Jahr federführend vom Verein „Nachbarn ohne Grenzen“ organisiert. Maria Diedenhoven hatte die Moderation übernommen, der Jugendchor der evangelischen Gemeinde zeichnete für die musikalische Gestaltung verantwortlich.

Mit Ron Manheim trat einer jener Menschen ans Mikrofon, die sich der Mitmenschlichkeit, der Annahme des Fremden und des aktiven Engagements verpflichtet fühlen. Seit mehreren Jahren bereitet er den Bau eines Hauses der Begegnung vor, das in etwa dort stehen soll, wo einst direkt neben der Synagoge die jüdische Schule stand. Er erzählte zwei Geschichten aus jener Zeit. Eine von einem Lehrer, der seine Schüler auf dem Weg zum städtischen Schwimmbad in Höhe der jüdischen Schule aufforderte, das „Moses“-Lied zu singen. Laut und kräftig, damit es auch von den jüdischen Schülern gehört würde. Und die einer Schülerin, die auf dem Weg zur Schule an der zerstörten Synagoge vorkam. Und auch an der jüdischen Schule. „Zwei 12-, 13 Jahre alte Jungen taten es den Erwachensen nach - sie warfen Steine in die Fenster der jüdischen Schule - und niemand stoppte sie.“ Erst als die Lehrerin sich an Polizei und Feuerwehrmänner gewandt hätte, wäre der Spuk zu Ende gewesen. Ron Manheim erinnerte an das Gebot der Nächstenliebe, das auch im jüdischen Glauben seinen Platz habe und alljährlich gebetet worden sei. „Der Fremde, der sich bei Euch aufhält, soll Euch wie ein Einheimischer gelten.“ Das ist auch Leitmotiv des Hauses der Begegnung, das unterhalb der Schwanenburg gebaut werden soll. Im November wird zu diesem Zweck ein Verein gegründet. „Hier wird das Haus der Begegnung stehen. Ein Haus, in dem jeder jeden treffen kann. Ein Haus des Lernens - ein Haus, in dem der gegenseitige Respekt gefördert werden soll.“

An die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Schulhof des heutigen Stein-Gymansisum erinnerten vier Schülerinnen und Schüler. In der Auseinandersetzung mit dem Gestern und Heute hatten sie kleine Momente eingefangen, die umso eindrucksvoller waren.

Ein bisschen gute Laune durfte dann aber auch sein: Schülerinnen der Spyckschule sangen und tanzten ein Lied, das von Verständnis und Toleranz erzählte.
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