Zeitzeichen: Die älteste Apotheke der Stadt

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In der Altstadt, ungefähr dort wo heute das CVJM-Haus steht, befand sich lange Jahre die Engel-Apotheke. (Foto: Stadtarchiv)

30. Juni 1767: Herrschaftliche Prüfung der Konzession der Engel-Apotheke

Wenn heute jemand die Engel-Apotheke in der Schloßstraße 26 oder die neue Filiale im Ruhrquartier an der Bahnstraße 4 betritt, dann ahnt wohl kaum einer, dass es sich um die älteste Mülheimer Apotheke handelt.



Von Annett Fercho, Stadtarchiv

1835 werden in einer Liste drei Apotheken in Mülheim genannt, die bis 1886 auch die einzigen für Mülheim blieben. Die Hirsch-Apotheke erhielt ihre Zulassung 1767, die Adler-Apotheke 1777 und die Engel-Apotheke wird mit 1732 angegeben. Erstellt wurde diese Liste vom Kreis-Physikus, der im Auftrag des Oberpräsidenten der Rheinprovinz die Aufsicht über die Apotheken des Kreises Duisburg, zu dem Mülheim damals gehörte, ausübte.

Hintergrund war eine Aufforderung der Königlich-Preußischen Regierung an die Landräte, Angaben über die in ihrem Zuständigkeitsbezirk vorhandenen Apotheken zu machen. Denn auch das Medizinalwesen war durch die Franzosen im Großherzogtum Berg geordnet worden. So waren Apotheken beispielweise ab Neujahr 1810 verpflichtet, Verzeichnisse über ihre Medikamente zu führen.
Bevor die erste Apotheke in Mülheim die Einwohner mit Arznei versorgte, taten dies Wundärzte, Heilpraktiker, Marktschreier oder Scharlatane. Auch Bader und Barbiere sahen in den Apotheken eine Konkurrenz.

Der aus Nürnberg stammende erste Mülheimer Apotheker Friedrich Albert Künzel erhielt seine Konzession 1732 von der damaligen bergischen Unterherrschaft Broich, vom Grafen Christian Karl Reinhard von Leiningen-Dachsburg.
Benannt nach ihrem Besitzer - was zu dieser Zeit üblich war - befand sich die Künzel´sche Apotheke auf dem Kirchenhügel im später als Kortum-Haus bekannten Gebäude in der Kettwiger Straße.

Künzel war mit der Tochter des Bochumer Apothekers Georg Franz Severin verheiratet, in dessen Alte-Apotheke er als Provisor tätig gewesen war. Als er 1741 starb, übernahm Christian Friedrich Kortum, der bis dahin als Provisor in der Apotheke gearbeitet hatte, die Geschäfte und heiratete 1742 die Witwe des verstorbenen Apothekers. In dieser Ehe wurde 1745 der spätere Arzt und Dichter, Karl Arnold Kortum geboren. Sein Vater starb, als er drei Jahre alt war.

Da die Apotheke nur kurze Zeit von 1741 bis 1748 durch Christian Friedrich Kortum geführt wurde, behielt sie auch immer die Bezeichnung Künzel´sche Apotheke.
Bis Johann Friedrich Künzel - ein Halbbruder Karl Arnold Kortums - volljährig wurde und die Apotheke übernehmen konnte, musste die Mutter die Führung der Apotheke Provisoren überlassen.

Am 30. Juni 1767 wurde Johann Friedrich Künzel durch die Verwaltung der Herrschaft Broich aufgefordert, bis zum 1. Juli den Nachweis über die Konzession seines Vaters (von 1732) vorzulegen. Er führte die Apotheke bis zu seinem Tod 1810. Danach übernahm sein Sohn Adolph Künzel die Apotheke, die er aber nur sechs Jahre besaß und wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen verkaufen musste. Mit ihm endete die Ära der Künzel´schen Apotheke.

Neuer Besitzer wurde 1816 Mathias Gronarz, der 1824 die Apotheke von der Kettwiger in die Bogen-, heutige Bachstraße 7, verlegte und sie bis 1841 führte. In dieser Zeit muss die Apotheke den Namen „Engel-Apotheke“ erhalten haben, weil sie in der Apotheken-Liste von 1835 unter diesem Namen genannt wurde, 1802 aber noch in einem Bericht über die Visitation der Apotheken zu Mülheim in der Akte 1011/574 der Herrschaft und Rentei Broich unter dem Namen Künzel´sche Apotheke auftaucht.

Danach wechselte die Apotheke häufiger ihren Besitzer. 1885 ließ der damalige Besitzer, Karl Theodor Davidis, das Eckhaus modernisieren. Es folgte 1938/39 ein weiterer Umbau, zu der auch eine neue Fassade gehörte. In der Nacht des verheerenden Bombenangriffs vom 22. auf den 23. Juni 1943 wurde das Haus durch Brandbomben zerstört. Von 1947 bis 1955 fand die Engel-Apotheke im Gebäude Kohlenkamp 37 ein neues Zuhause. In die Schloßstraße 26 zog die „Engel-Apotheke“ 1955 im Zuge der Neuordnung der Innenstadt. Der Umlegungsausschuss beschloss, dem damaligen Inhaber, Dr. Herbert Ulbrich, dieses Grundstück im Austausch für das in der Bachstraße zu geben.

Das Haus Kettwiger Straße 6, das ehemalige Kortum-Haus wurde 1957 abgerissen. Es befand sich etwa dort, wo heute das CVJM-Haus steht.
Die Tradition der ältesten Mülheimer Apotheke führt seit 2009 die jetzige Apothekerin, Masoumeh Hediehlou, fort.

Einen Überblick über alle Zeitzeichen mit weiterführenden Links findet man auch im Internet auf der Seite des Stadtarchivs: www.stadtarchiv-muelheim.de
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