"Wir fangen alle bei Null an"

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Einige der neuen Bewohner der Gartenhöfe: Jung und Alt möchten Nachbarschaft hier aktiv mitgestalten. (Foto: PR-Fotografie Köhring/PK)
 
Yvonne Feuser und Tobias Steinert mit Söhnchen Ben. (Foto: PR-Fotografie Köhring)
 
Siegmund und Helene Schmutzer. (Foto: PR-Foto Köhring/PK)

Am Anfang steht eine Idee. Und dann kommt erst einmal viel Arbeit. Das war bei den Gartenhöfen Saarn nicht anders. Die Mülheimer Wohnbau eG (MWB) realisierte auf der Saarner Kuppe ihr erstes Mehrgenerationenhaus - und die künftigen Mieter der Genossenschaft waren von Anfang an in die Planung mit einbezogen.

Zehn der neuen Bewohner der Gartenhöfe sitzen in lockerer Runde im neuen Gemeinschaftsraum zusammen. Die einen kennen sich schon besser, für die anderen sind noch manche Gesichter neu.

Am längsten dabei sind Serdal Boyraz (36 Jahre) mit Ehefrau Sibel (33) und den Kindern Bengü (13) und Betül (10), die seit Anfang an bei dem Projekt engagiert sind. Rund eineinhalb Jahre haben sich Yvonne Feuser (31) und Tobias Steinert (38) an den Vortreffen und Arbeitskreisen beteiligt. Inzwischen sind sie zu dritt. Söhnchen Ben kam vor sieben Monaten zur Welt.

Siegmund Schmutzer (68) und Ehefrau Helene (66) haben sich dem Projekt später angeschlossen. Weil jemand abgesprungen war, „ergatterten“ sie noch eine Erdgeschosswohnung. Erst vor einem halben Jahr entschied sich Angelika Jürs (68) zum Einzug und fühlt sich auf 74 Quadratmetern „pudelwohl“.

Am 26. März 2011 stellt die MWB das geplante Projekt erstmals vor. Genossenschaftliches Wohnen für Jung & Alt in Saarn ist die Devise. „Miteinander Wohnen ohne Barrieren“ ist der erste Titel des Projektes, und das ist auch wörtlich gemeint. Denn barrierefrei wird in den drei Häuserriegeln mit insgesamt 45 Wohnparteien gebaut. Für das „Miteinander Wohnen“ ist der Nachbarschaftsverein des MWB zuständig. Mit Unterstützung der Agentur für Wohnkonzepte aus Köln werden erste Treffen mit Interessierten durchgeführt, bei denen das Projekt vorgestellt, das Konzept in Workshops vertieft wird und Arbeitskreise gebildet werden.

„Die Zusage für diese Wohnung war wie ein Sechser im Lotto“, freut sich Serdal Boyraz. Die vierköpfige Familie reizte der Erstbezug einer Erdgeschoss-Wohnung, bei der man auf die Gestaltung der Wohnung auch noch zusätzlich Einfluss hatte. „Und es ist wirklich schwierig in Mülheim, eine schöne Wohnung in der Preisklasse zu bekommen.“ Boyraz bewarb sich gleich zu Beginn des Projektes und bekam die Wunschwohnung.

Ähnlich dachten Yvonne Feuser und Tobias Steinert. Eine Wohnung mit Garten sollte es werden, denn Nachwuchs war geplant. Beim MWB gab es bereits eine Warteliste. Vor eineinhalb Jahren dann kam die Nachricht: Sie konnten nachrücken, eine Wohnung wurde frei.

Rund vier Jahre trafen sich die potentiellen Mieter, um die Details zum Projekt und für das künftige Zusammenleben zu gestalten: Wie soll die Außenanlage aussehen, was ist in der Hausordnung wichtig, wie soll der Gemeinschaftsraum genutzt werden? Die einen oder anderen sprangen ab, und irgendwann kam der Punkt, wo die Fluktuation wuchs. „Es war manchmal schon etwas mühsam, denn das Projekt zog sich“, bekennt Alexandra Teinovic, die für den Nachbarschaftsverein die Mietertreffen organisierte und begleitete. Und noch immer fehlten die Familien, die man unbedingt im Projekt haben wollte. Und dann kamen sie doch. „Das ist eine Entwicklung, die normal ist, Familien kommen immer zuletzt“, weiß Teinovic, aber die Freude darüber ist spürbar. Zehn Kinder gehören nun zu den Bewohnern der Gartenhöfe.

Siegmund und Helene Schmutzer wohnten komfortabel: Das 39 Jahre alte Eigenheim bot 190 Quadratmeter auf zwei Etagen. Doch irgendwann waren die Kinder aus dem Haus, die Wohnung zu groß. In der Zeitung stieß Helene Schmutzer auf das Projekt. „Ich fand das sofort toll. Siegmund aber meinte: ‚Um Himmelswillen, nie im Leben!‘“ Doch der Gatte ließ sich überzeugen - und sagt nun aus vollem Herzen: „Jetzt sind wir total happy. Alles ist neu, alles ist schön.“ Und mit den Nachbarn verstehen sie sich hervorragend.

Wobei das bei Angelika Jürs auch keine Kunst ist. Die quirlige Rentnerin hat viele Interessen und sprüht nur so vor Ideen. „Ich musste mit dem vorlieb nehmen, was noch da war“, flachst sie. Auch ihr wurde als Alleinerziehende mit zwei Kindern die Wohnung zu groß, nachdem der Nachwuchs flügge wurde. Ihre Tochter machte sie auf das Projekt aufmerksam. „Ich habe in einem ‚veralteten‘ Mehrfamilienhaus gewohnt. Hier sehe ich wieder Kinder aufwachsen“, freut sich die Oma von fünf Enkeln. „Das war auch allen klar: Wen Kindergeschrei stört, der sollte hier nicht einziehen“, ergänzt Tobias Steinert.

Auch optisch wurde beim Bau darauf geachtet, dass Kommunikation zwischen den Nachbarn gefördert wird. So sind die Wohnungen auf allen Etagen über Laubengänge erreichbar, der Innenhof mit seiner Gartenfläche ist für alle gemeinschaftlich nutzbar. Im Haus Nummer 9 befindet sich der Gemeinschaftsraum mit Küche, der sowohl von den einzelnen Mietern für private Feiern, als auch für gemeinschaftliche Angebote und Veranstaltungen des Nachbarschaftsvereins genutzt werden kann. Der Raum ist vom Nachbarschaftsverein angemietet, der wiederum die Kosten auf die Mieter umlegt. Es gab bereits eine Vernissage, auch eine Frühstücksreihe findet großen Anklang. Und so mancher, der anfangs im Projekt engagiert war und doch nicht eingezogen ist, kommt gerne noch vorbei und pflegt die Freundschaften, die entstanden sind. Am kommenden Samstag findet auch die erste private Feier statt: Helene Schmutzer feiert ihren Geburtstag.


Siegmund und Helene Schmutzer freuen sich auf die kommende Zeit. „Die Gemeinschaft muss natürlich erst einmal wachsen“, meint der Senior. „Aber ich finde das total spannend“, ergänzt seine Frau.
„Einen Vorteil hat das Projekt: Wir fangen alle bei Null an und alle sind noch sehr freundlich miteinander“, flachst Angelika Jürs.

Wo Neuankömmlinge es woanders schwerer haben und länger brauchen, um in verschworene Hausgemeinschaften hineinzuwachsen, befindet man sich in den Gartenhöfen Saarn noch in der Schnupperphase. Und freut sich über viele nette, kleine Gesten. „Wir haben zum Einzug von der Nachbarin einen Gutschein zum Babysitten bekommen“, erzählt Tobias Steinert. Angelika Jürs nahm die italienische Nachbarin mit zum Einkaufen, als deren Lebensgefährte zur Kur war. Der Dank: Eine Tupperdose mit selbstgemachtem Risotto vor der Haustür.

Silvester fanden sich einige Bewohner beim Feuerwerk spontan auf der Dachterrasse eines anderen Anwohners wieder, wo zusammen weiter gefeiert und der tolle Blick über Saarn genossen wurde. „Wir gehen auch gerne zum Stammtisch der Gartennhöfe, der jeden zweiten Samstag im Monat im Kellermanshof in Saarn stattfindet“, erzählt Yvonne Feuser. Ihr Partner weiß auch, was auf jeden Fall demnächst stattfindet: Der passionierte Griller will seine Leidenschaft gerne mit anderen teilen.

Angelika Jürs hat auch schon die nächste Idee im Kopf: „Wir kochen alle zusammen ein Sieben-Gänge-Menü, jeder steuert etwas bei.“ Internationale Küche ist garantiert, und die ersten Zustimmungen kommen schon in kleiner Runde. Keine Frage. Die Gemeischaft ist noch ein zartes Pflänzchen, aber sie wird wachsen.

Kurz vor Weihnachten zogen die ersten Mieter in die Gartenhöfe ein, inzwischen sind alle Wohnungen belegt. Damit sich die Nachbarschaft besser kennenlernt, spendiert der Nachbarschaftsverein am 24. April ein Grillfest. Weitere Veranstaltungen wie ein internationales Literaturcafé werden in Planung und Durchführung gerne unterstützt. „Doch irgendwann muss das ein Selbstläufer sein“, merkt Alexandra Teinovic an. Wobei der Nachbarschaftsverein regelmäßige Aktivitäten für alle MWB-Mieter anmietet, wie Fahrten zu Weihnachtsmärkten oder Festen.

Hintergrund

>> 4.500 Quadratmeter umfasst die Fläche, auf der ein dreiteiliges Gebäude entstanden ist mit durchgängigen Laubengängen.
>> 46 Wohnungen zwischen 52 und 98 Quadratmeter sind entstanden.
>> Als Mitglieder der Genossenschaft haben die Mieter einen Dauernutzungsvertrag
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