Flucht, neue Heimat, Integration - wie passt das zusammen? Sieben Weseler Statements.

Anzeige
Ob die Brandleger von Xanten sich ihre verachtenswerte Tat überlegt hätten, wenn sich Kinder wie Hanan in der Flüchtlingsunterkunft befunden hätten? In Wesel und Hamminkeln geht es in den Asylbewerbercamps bislang friedlich zu. Wir nähern uns dem Thema auch im aktuellen Weseler. (Foto: CARE/Laura Sheahen)
   
Jutta Radtke (Foto: privat)

Die Weseler Facebookgruppe "Vesalia Hospitalis - Wir helfen den Flüchtlingen" wächst beständig an. Die Administratoren freuen sich über große Resonanz und Unterstützung in der Bevölkerung - aber auch durch die Stadt Wesel und die Behörden.

Doch wer sind eigentlich diese Ehrenämtler, die große Teile ihrer Freizeit opfern, um den Asylbewerbern in Wesel ihren Aufenthalt mit allen Widrigkeiten zu erleichtern?

Im Rahmen einer aktuellen Verlagskampagne möchten wir die Einschätzung der Gruppen-Admins kennenlernen und fragten sie: Flucht und neue Heimat - passt das überhaupt irgendwie zusammen? Wie bringt man in Wesel die Willkommenskultur auf den Weg. Wie kann die Integration der Flüchtlinge gelingen?

Lesen Sie hier die Statements der Befragten.

Cirstin Rehberg

„Wir wünschen uns, dass die Flüchtlinge in unserer Stadt eine neue Heimat finden, in der sie integriert und akzeptiert werden und sich vor allem wohlfühlen.
‚Weltoffenes Wesel‘ heißt für uns, wir sind für alle Menschen, aller Nationalitäten da. Jetzt sind natürlich die Flüchtlinge in unserer Stadt im Vordergrund.
Eine Voraussetzung, den Flüchtlingen zu helfen, ist eine gute Zusammenarbeit aller die Helfen wollen. Dieses klappt in meinen Augen sehr gut. Durch Sachspenden und Hilfe vor Ort können wir somit den Einstieg in die Integration etwas erleichtern und den Flüchtlingen zeigen, dass sie in unserer Stadt willkommen sind.
Persönlich bin ich stolz auf die Bürger unserer Stadt, die immer wieder zeigen, dass Helfen nicht einmalig ist und das sie um das Wohlergehen der Flüchtlinge sehr bemüht sind. “

Simon Bleckmann

„Was man tun kann, damit die Flüchtlinge hier eine neue Heimat finden? Das kann ich nicht sagen. Wer weiß, ob es ihre Heimat wird? Für mich zählt der Moment! Die kleinen Gesten: Die Hand reichen, ein Lächeln, willkommen heißen. „Vesalia Hospitalis“.
Wesel ist lebens- und liebenswert. Das möchte ich leben - gerade für die Menschen, die in Not und Verzweiflung hier hinkommen. Wir sind verpflichtet zu zeigen, dass unsere Stadt den Namen zurecht trägt. Ich kann Sorgen und Ängste mancher Einwohner verstehen. Mit Sicherheit ist diese Situation nicht einfach und birgt Risiken. Aber noch größere Chancen – diese sollte man zumindest versuchen zu nutzen und nicht von vornherein kapitulieren. Es sollte daher auch mehr Aufklärung für die Einwohner stattfinden. Wir müssen zeigen: „Ihr seid willkommen“.
Für alles Weitere ist der Gesetzgeber zuständig, aber das Zwischenmenschliche ist unser Auftrag. “

Jutta Radtke

„Meine persönliche Erfahrung hat gezeigt, dass eine vorbehaltlose und freundliche Begegnung mit Menschen aller Kulturen eine besondere und wertvolle Erfahrung ist.
In Wesel gibt es viele Anstrengungen, vor allem auch durch eine enorme Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, bei den Flüchtlingen ein Gefühl von Heimat aufkommen zu lassen. Jeder hat die Möglichkeit, sich persönlich einzubringen. Engagement in Vereinen und Hilfestellungen durch Patenschaften sind von entscheidender Wichtigkeit, um die Erwachsenen und Kinder in unsere Gemeinschaft einzubeziehen, ihnen das Leben hier durch Integration zu erleichtern und ein Gefühl von neuem zu Hause zu geben.
Durch die Zusammenarbeit aller Beteiligten, zum Beispiel der Facebookgruppe „Vesalia Hospitalis“, sind wir zu aktiven Brückenbauern zwischen den Menschen geworden, die auch über die aktuelle Flüchtlingshilfe hinaus Bestand haben wird.“

Karl Heinz Hildebrandt

„Eine zwingende Voraussetzung damit die Integration der neuen Mitbürger gelingt, ist meiner Erachtens das Verhindern neuer Ghettobildungen. Die Städte und Gemeinden sollten die Neubürger gleichmässig über die
Orte verteilen.
Leider plant die Verwaltung Wesels aus „Zeit“- und Kos-tengründen nichts dergleichen, sondern wird diese Menschen wieder zentrieren.
Es steht zu befürchten, dass das ein großes Hemmnis auf dem Weg zur Integration sein wird. Heimat kann diese Stadt nur werden wenn wir den Menschen die Chance auf ein Miteinander einräumen ohne daß sie ihre Werte und Kultur verleugnen müssen.
Meine Mitarbeit in der Gruppe muss sich auf Infos und Beratung der Mitglieder zum Thema Notunterkünfte und bürokratische Prozesse beschränken. Fehlende Zeit und mögliche Interessenkonflikte auf Grund meiner beruflichen Tätigkeit verhindern leider eine weitergehende Mitarbeit vor Ort.“

Hilmar Schulz

„Akzeptanz und Toleranz heißen meiner Meinung nach die Zauberwörter, damit die Gäste unserer Stadt hier eine neue Heimat finden. Hierbei müssen wir auf Verständigung, Austausch und kulturelle Bildung setzen. Für Interkulturalität muss der nötige Raum geschaffen werden. Ängste werden auf beiden Seiten abgebaut, wenn man sich neuem öffnet.
Vorbehalte und dümmliche Kommentare gerade in den sozialen Netzwerken sind meiner Meinung nach nur Ausdruck von fehlender Empathie. Zum Glück ist die Stimmung in Wesel den Gästen gegenüber sehr freundlich und offen. Nazis und „besorgte“ Bürgerinnen und Bürger dürfen nicht toleriert werden. Unsere Antwort muss Zivilcourage sein, so wie es in unserer Facebookgruppe vorgelebt wird. Hier ist soviel positive Energie zu finden, die anspornt weiter zu machen.“

Daniela Staude

„„Ich habe den Eindruck, dass das Thema Integration in den letzten Monaten sehr viel mehr ins Bewusstsein gerückt ist. Es ist kein neues Thema, aber vielleicht ist nun der Zeitpunkt da, anders damit umzugehen und neue Wege einzuschlagen. Integration kann nicht von oben verordnet werden, vielmehr kann jeder in seinem Rahmen etwas dazu beitragen. Sich zu öffnen, halte ich für den wichtigsten ersten Schritt.
Nicht jeder verfügt über viel Zeit oder Mittel, um sich zu engagieren. Zu überlegen, wie man sich einbringen kann, wenn man es möchte, fällt oft schwer. Ich glaube, dass niederschwellige Möglichkeiten gute Ansätze sind. Ein Beispiel dafür ist „vesalia hospitalis“.
Ich bin froh über den Schulterschluss vieler Weseler, gemeinsam helfen zu wollen. Integration vor Ort ist ein langer Weg, doch Wesel hat in den letzten Wochen riesige Schritte gemacht und Großes geleistet.““

Manfred Schramm

„Wesel, eine neue Heimat für die Flüchtlinge? Ganz schön viel verlangt. Heimat ist ein Ort tieferen Vertrauens, an dem Mensch Sicherheit und Verlässlichkeit seines Daseins erfahren hat.
Es wird lange dauern , bis Flüchtlinge dieses tiefe Vertrauen entwickeln können. Wir können dazu beitragen. Das machen wir aber nicht, indem wir Nahrung und Unterkunft bereitstellen, sondern indem wir verlässlich, geregelt und dauerhaft Wege anbieten, auf denen die Menschen in ein eigenverantwortliches Leben in unserem Land gehen können.
Was die vielen freiwillig helfenden Menschen im Moment machen, ist so etwas wie erste Hilfe, ist Notfallversorgung und trägt dazu bei, den Menschen erst mal Sicherheit zu geben. Und es ist eine Selbstverständlichkeit, das zu tun.
Ich denke aber auch, dass viele eigentlich viel lieber in ihrer ursprünglichen Heimat wären, wenn die denn sicher wäre.“

Hier lesen Sie die kleine fiktive Geschichte von "Zahira", die bereits seit Mitte März online ist.

Und einen Kommentar zum Brandanschlag auf die Flüchtlingsunterkunft in Xanten.
8
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
4 Kommentare
5.020
Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 06.10.2015 | 22:36  
5.782
Neithard Kuhrke aus Wesel | 06.10.2015 | 23:19  
Dirk Bohlen aus Wesel | 07.10.2015 | 07:08  
711
Helmut Buteweg aus Wesel | 09.10.2015 | 10:57  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.