Ein Berg von einem Mann

Ein Roadmovie der besonderen Art

Mammuth – mit Gérard Depardieu

Es ist bei dem Film „Green Card“ passiert. Da spielte sich dieser Depardieu an der Seite von Andie MacDowell in einen Bereich meiner Herzkammern, aus dem er seither nicht mehr rausgekommen ist. Und auch gar nicht soll. Das war also Anfang der 90er-Jahre und seither ist er für mich einer dieser Schauspieler, die ich heiß und innig verehre und (ja, ich gebe es zu) mit diesem gewissen Etwas ausgestattet sind, das (fast) jedes Frauenherz höher schlagen lässt.

Und dabei ist es mal so was von egal, dass der gute Mann jetzt bereits Anfang Sechzig ist und körperliche Ausmaße eines Walfisches auf die Leinwand bringt. Das Etwas bleibt. Auch mit dreißig Kilogramm Übergewicht.

Trotzdem zucke auch ich zusammen, als ich diesen traurigen Koloss von einem Mann in einem Unterhemd vor seinem Spind sitzen sehe und die Fettpolster von der Kinoleinwand zu kippen drohen. Das ist schon ein sehr gewaltiger Bauch, der da unter dem Hemd spackt. Doch als er sich den Haarschutz vom Kopf zieht und lange blonde Wallelocken in sein trauriges Gesicht fallen, ist es bereits wieder um mich geschehen. Sofort stellt sich ein hoher Sympathiefaktor ein.

Serge, genannt „Mammuth“ teilt seit zehn Jahren Schweine in zwei Hälften und wird nun mit sechzig Jahren in Rente geschickt. Der skurrile Humor, der sich durch den ganzen Film zieht, wird direkt in der ersten Szene überdeutlich, als der Schweinezerteilladen-Besitzer sich an einer Abschiedsrede versucht, in der er allerdings zugeben muss, dass er Serge ja gar nicht kennt. Aber er hätte sich durch seine Leistung ausgezeichnet. Und durch den Umstand, dass er in zehn Jahren nicht einmal krank war. Seine Kollegen wären nicht einfach nur Kollegen, sondern auch Freunde, die sich den kleinen Abschiedsumtrunk für ihn ausgedacht hätten. Diese sogenannten Freunde stehen derweil in ihren blutbeschmutzten Arbeitsklamotten gelangweilt rum und kauen unentwegt in einer Lautstärke Chips, dass man als Zuschauer am liebsten mal in diese illustre Runde reinbrüllen möchte, ob sie denn wüssten, was ein bisschen Anstand so ausmachen kann.
Immerhin haben sie Serge ein Puzzle mit zweitausend Teilen mit auf den Weg gegeben. Seiner Langeweile kann Serge damit allerdings nicht entgehen. Puzzeln ist doof. Das sieht man ihm ganz deutlich an. Stattdessen rennt er wie ein Zoobär in seinem Käfig hin und her und weiß nichts mit sich anzufangen. Serge steht am Fenster, zwei Finger nach oben gestreckt und die Szene wirkt wie eingefroren. Bis ein Auto vorbei fährt und der dritte Finger nach oben schnellt. Melancholie macht sich ganz automatisch in einem breit.

Also geht Serge einkaufen, weiß nicht, wie man einen Einkaufswagen von der Kette befreit, streitet mit dem Mann hinter der Fleischtheke, weil der die Maserung des Fleisches nicht zu würdigen weiß und kauft schlussendlich gesalzene Butter ein, obwohl ihm seine Ehefrau Catherine doch ganz deutlich gesagt hat, dass es ungesalzene Butter sein muss.

Serge trottet gutmütig und völlig hilflos durch die Lethargie seiner Langeweile und muss dann doch endlich mal los. Nämlich um die Rentenbelege seiner früheren Arbeitgeber einzusammeln. Sonst gibt es keine Rente und somit auch bald gar keine Butter mehr. Weder gesalzene noch ungesalzene.

Und ab geht es auf die Straße mit seiner alten Münch Mammut, mit der er doch eigentlich gar nicht mehr fahren wollte. Er muss aber. Denn das durchaus vorhandene Familienauto besitzt leider keine Windschutzscheibe mehr.

Der weitere Verlauf des Films gleicht eher einer Aneinanderreihung von Episoden. Egal wo Serge auftaucht: schnell wird klar, dass man ihn für einen tumben Menschen hält, den man nie bei einer Versicherung angemeldet hat. Er wird selten laut, lässt es sich gefallen, wenn jemand sagt, dass er doch einfach nur blöd ist und sich verpissen soll. Am liebsten würde man diesen freundlichen Berg von einem Mann mal kräftig durchrütteln, damit er sich diese Unverschämtheiten und Respektlosigkeiten nicht länger gefallen lässt. Stattdessen schaut man tatenlos zu, wie sich Serge von einer Beischlafdiebin ausrauben lässt und mit ihrem Lippenstift die bösartige Botschaft „Mit der Rente wird das nichts“ hinterlässt.

Der Film hat eine ganz eigene Art von Humor. Als sich Catherine mit ihrer Freundin auf den Weg macht, um die Schlampe kalt zu machen, die ihr Handy von Serge hat mitgehen lassen, da grinst man einfach vor sich hin. Und als die beiden mordlustigen Mädels dann plötzlich feststellen, dass sie gar nicht wissen, wo sie diese räuberische Schlampe eigentlich finden sollen, dann macht man mit ihnen zusammen ein trauriges Gesicht. Aber die Fahrt mit ohne Windschutzscheibe, die war schon toll.

Ein paar Sequenzen muten auch etwas sehr abgedreht an. Als Serge seinen Cousin nach dreißig Jahren wieder sieht, staunt man schon, dass die beiden nichts anderes zu tun haben, als nackt nebeneinander im Bett zu liegen und sich gegenseitig einen runter holen. Wie in Kindertagen. Aber eben anders. Sehr anders.

Immer wieder erscheint ihm seine Jugendliebe als schöner Geist mit immer noch blutigen Spuren im Gesicht. Sie ist bei einem von ihm verschuldeten Motorradunfall ums Leben gekommen und im Verlauf ihrer Besuche bei Serge wird einem unweigerlich klar, woher diese große Traurigkeit kommt, die Depardieu so famos darzustellen weiß.

Abgebrannt, stinkend und mutlos kommt Serge irgendwann im Hause seines Bruders an. Seine Nichte Miss Ming haust dort allein, baut seltsam anmutende Statuen und Puppengebilde und entpuppt sich selbst sehr schnell als eine Seelenverwandte, die mit den Alltäglichkeiten des Lebens überfordert zu sein scheint, aber dieses Leben umso mehr liebt und zu genießen weiß.

Und hier fängt dann an, was längst überfällig schien. Serge lässt los. Seine Erinnerungen und seine Rente. Aber wie das dann alles so weitergeht und wie dieser Film endet….das muss man einfach selbst gesehen haben.

Der Film ist eine kleine und feine Geschichte über das Leben und die Liebe, angefüllt mit schrägem Humor und einer zu Herzen gehenden Melancholie und mit einem absolut sehenswerten Gérard Depardieu.

Das ist auch ein älterer Text von mir, den ich wieder heraus gekramt habe.
Extra für Klaus Ahlfänger ;-))

Foto: Flimplakat

Autor:

Annette Kallweit aus Düsseldorf

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