Alternativer chlorfreier Vernetzer wird im Produktionsprozess eingesetzt
PCB: Firma BIW stellt Fertigung um

Ralf Stoffels und sein Sohn Lutz sind Geschäftsführer der BIW Isolierstoffe. Foto: Pielorz
  • Ralf Stoffels und sein Sohn Lutz sind Geschäftsführer der BIW Isolierstoffe. Foto: Pielorz
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Am Freitag, 21. Februar, 18 Uhr, findet die zweite Bürgerversammlung im Haus Ennepetal zum Thema PCB statt. Nachdem im Oktober 2018 im Gewerbegebiet Oelkinghausen in Ennepetal ein Niederschlag in Form weißer, schneeähnlicher Flocken gefunden wurde und erste Untersuchungen eine Belastung mit PCB ergaben, wurden weitere Maßnahmen in Gang gesetzt wie ein Löwenzahnblätter-Screening, Grünkohlproben sowie Emissions- und Bodenmessungen. Für das festgestellte PCB 47 wurde die Firma BIW Isolierstoffe im Industriegebiet Oelkinghausen als Verursacher ermittelt. Kurz vor der zweiten Bürgerversammlung erklärt jetzt das Unternehmen, im Produktionsprozess weitgehend auf einen alternativen, chlorfreien Vernetzer umzustellen.
Untrennbar mit der sachlichen Aufarbeitung der Problematik verbunden ist eine in der Zwischenzeit sehr emotional geführte Debatte. Sie schließt verbale persönliche Angriffe auf Personen des Unternehmens ein – sowohl im Hinblick auf die Geschäftsführung als auch auf die Mitarbeiter, die teilweise bedroht und beschimpft wurden. Mehrfach, so betont die Geschäftsführung, habe man auch der Bürgerinitiative Gesprächsangebote unterbreitet, die nicht wahrgenommen wurden. Zeitgleich sei man nicht nur um Aufklärung, sondern auch um Alternativen im Produktionsprozess bemüht.
BIW Isolierstoffe verarbeitet Silikonkautschuk und stellt für nahezu alle Industriebranchen – als Beispiele seien die Autoindustrie, die Medizintechnik, die Luftfahrt und die Haushaltstechnik genannt – Schläuche, Dichtungen und andere Funktionselemente her. Viele Produkte werden speziell für die Bedürfnisse einzelne Großkunden entwickelt und hergestellt. Insgesamt umfasst die Produktpalette rund 165.000 Artikel für weltweit 2500 Kunden, unter ihnen Schwergewichte wie Airbus. Die Geschäftsführung macht in einem Gespräch deutlich, dass zwischen fünf und zehn neue Produktentwicklungen pro Woche auf den Markt kommen. Für den Maschinenbauer im Betrieb BIW bedeutet dies nicht selten ein mehrmaliger Wechsel in den Produkten pro Schicht. Das, so erklären die Geschäftsführer Ralf und sein Sohn Lutz Stoffels, mache ein kurzfristiges Reagieren auf Ereignisse nicht einfacher.
Auf mittlerweile vier Betriebsversammlungen informierte die Geschäftsführung, zu der auch Thorsten Schwippert und Frank Miska gehören, die rund 550 Mitarbeiter in Ennepetal über die aktuelle PCB-Problematik. In die Gespräche eingebunden ist auch Betriebsratsvorsitzender Jens Trust. Gegenüber Medienvertretern betont das Unternehmen die Eindeutigkeit der Rechtslage. Eine Genehmigungspflichtigkeit für die Produktionsanlagen nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz bestehe nicht. Es bestehe allerdings die Verpflichtung zur Verhinderung von schädlichen Umwelteinwirkungen, die nach dem Stand der Technik vermeidbar sind. Daran habe man sich stets gehalten.

Bürgerversammlung am 21. Februar

PCB steht für Polychlorierte Biphenyle, die als umwelt- und gesundheitsschädlich gelten. PCB ist nicht natürlichen Ursprungs, sondern menschengemacht und ist eine giftige Substanz. Unterschieden wird zwischen dioxin-ähnlichen PCBs und nicht-dioxin-ähnlichen PCBs, zu denen auch das PCB 47 gehört, um das es in Ennepetal geht. Grundsätzlich werden PCBs durch Nahrung oder Luft aufgenommen. Einige setzen sich im Körper ab – je älter man ist, desto höher kann der Nachweis im Blut oder in Organen ausfallen. Andere PCBs werden vom Körper auch verstoffwechselt und ausgeschieden. Über das Verhältnis von Dosis und Wirkung gibt es bis heute viele Unklarheiten. BIW gibt an, für 44 Mitarbeiter ein eigenes Bio-Monitoring durch die RWTH Aachen durchgeführt zu haben, dass keine besorgniserregenden Ergebnisse gebracht hat und noch weit unter den Richtwerten liegt.
Die aktuelle Diskussion um PCB hat bereits Mitte 2019 bei BIW Isolierstoffe zur Auflage eines Projektes geführt, nach dem Einsatz von alternativen chlorfreien Vernetzern zu suchen. Man sei auch fündig geworden. Die Alternative sei allerdings teurer und in den Eigenschaften nicht ganz identisch mit dem alten Vernetzer. In diesem Monat hat der Schwesterbetrieb des Unternehmens, die BSP Silikon-Profile GmbH in Iserlohn, die Betriebsgenehmigung deshalb erhalten, weil hier bei der Produktion auf Chlor als Vernetzer bereits verzichtet wird. In Ennepetal werden Produkte, bei denen es möglich ist, derzeit ebenfalls auf diese Alternative umgestellt. Die Geschäftsführung von BIW erläutert, dass die Alternative am Markt in ausreichender Menge zur Verfügung gestellt werden müsse. Hinzu komme ein Wettbewerbsnachteil, weil andere Unternehmen bisher nicht mit dem alternativen Vernetzer arbeiteten. Hier fordert man den Gesetzgeber, sich zu einem Verbot für chlorbelastete Vernetzer auszusprechen, um den Gleichheitsgrundsatz für die produzierenden Betriebe wiederherzustellen.
Als kurzfristige Maßnahmen habe man den Reinigungszyklus deutlich erhöht sowie den Umbau der Schornsteine von der Senkrechten auf die Waagerechte vorangetrieben. Das Unternehmen gibt ebenfalls den Hinweis, bei der in diesem Zusammenhang fototechnisch abgebildeten „weißen Flocke“ handele es sich nicht um PCB. Vielmehr spricht man von einer Abplatzung von einem Kamin, belastet mit PCB 47. PCB sei geruchlos und gasförmig und optisch so nicht darstellbar.
Während bei der Entwicklung neuer Produkte aus dem Unternehmen bereits der alternative chlorfreie Vernetzer zum Einsatz kommt, ist die Umstellung bei den bestehenden Produkten nicht so einfach. Testverfahren für jedes einzelne Produkt sind bei BIW notwendig. Die Kunden, beispielsweise aus der Medizin- oder Luftfahrttechnik, erhalten zwar ein unverändertes Endprodukt, aber mit Veränderungen im Fertigungsprozess, die mit der eigenen Qualitätskontrolle abgestimmt werden müssen.
Auf der Bürgerversammlung am 21. Februar werden Vertreter des Unternehmens vor Ort sein. Ob sie sprechen dürfen – bei der ersten Versammlung gab es nach Auskunft des Unternehmens kein Rederecht für die Geschäftsführung – ist zum gegenwärtigen Stand ungewiss.

Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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