Die Geschichte der Ruhr-Universität Bochum

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Die Aktion BlauPause verwandelte die Universitätsstraße am 6. Juni 2015 in eine riesige Festmeile. Über 100 000 Menschen folgten der Einladung, das 50-jährige Bestehen der Hochschule zu feiern.

Der Universitätsstandort Bochum war dabei zunächst nicht unumstritten - schließlich kam auch Dortmund für die Ansiedlung in Frage. Der nordrhein-westfälische Landtag votierte im Juli 1961 dann aber für Bochum.
Der Name Ruhr-Universität war dabei bereits 1960 innerhalb des Kabinetts gebräuchlich, als Dortmund noch im Rennen war. Schon hier wurde also die Marschrichtung festgelegt: Es sollte eine Hochschule für das gesamte Ruhrgebiet werden.
Bereits 1962 fiel dann der Entschluss, auch Dortmund zum Hochschulstandort zu machen – die Geburtsstunde der Technischen Universität Dortmund, die 1968 ihre Eröffnung feierte. Das Ruhrgebiet etablierte sich also innerhalb kürzester Zeit als Wissenschaftsstandort.
Das große Areal in Querenburg war ein wichtiges Argument für Bochum als Hochschulstandort. Schließlich sollte die gesamte Universität auf einem Campus angesiedelt werden – bei einer Volluniversität mit breitem Studienangebot nicht leicht zu realisieren.
In Querenburg stand ein Freigelände von 520 Hektar zur Verfügung. In einem Ideenwettbewerb wurde entschieden, wer die reizvolle Aufgabe übernehmen sollte, die Fläche entsprechend architektonisch zu gestalten.
Die Düsseldorfer Architekten Hentrich und Petschnigg erhielten den Zuschlag. Nach nur 18 Monaten Bauzeit wurde die Ruhr-Universität am 30. Juni 1965 eröffnet.
Von den endgültigen Ausmaßen der Anlage war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch kaum etwas zu ahnen. Ganze zwei Institutsgebäude, erste Studentenwohnheime und eine provisorische Mensa – mehr war noch nicht fertiggestellt.
Im November 1965 startete der Lehrbetrieb. Wie viele Studierende hier lernen sollten, war noch völlig unklar. Manche rechneten mit 10 000 Wissbegierigen, andere glaubten, es könnten durchaus doppelt so viele werden.
Derweil befand sich in Querenburg zeitweilig die größte Baustelle Europas. Ein Planungsstab aus 450 Experten verschiedener Fachrichtungen sorgte für geregelte Abläufe.
Beton ermöglichte serielles und damit schnelles Bauen. Auf dem Gelände wurde eigens eine „Feldfabrik“ eingerichtet, die Betonplatten am Fließband herstellte.
Wie im Ruhrgebiet üblich, erschwerten Bergschäden das Bauvorhaben. Trotz solcher Hindernisse galt die neue Universität hinsichtlich Architektur, Bauweise und Ausstattung als vorbildlich.
Der Universitätsalltag blieb von den gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit natürlich nicht unberührt. Der Erziehungswissenschaftler Hans Wenke, der als Gründungsrektor fungiert hatte, sollte seinen Posten eigentlich über das Jahr 1965 hinaus bekleiden.
Bereits 1964 berichtete das „Spandauer Volksblatt“, dass sich Wenke als Unterstützer der nationalsozialistischen Politik exponiert hatte. Der Wissenschaftler wurde mit der Äußerung aus der NS-Zeit zitiert, dass „Rassenpflege nicht nur eine berechtigte Forderung , sondern eine Notwendigkeit für die Zukunft des deutschen Volkes ist“.
Bei Studenten und zunehmend auch in den Medien schlugen Wenkes Publikationen im Nationalsozialismus hohe Wellen. NRW-Kultusminister Mikat forderte die Bochumer Professoren daraufhin im März 1965 auf, aus ihrem Kreis einen neuen Rektor zu wählen. Der Theologe Heinrich Greeven wurde Wenkes Nachfolger. Ihm folgte 1967 Kurt Biedenkopf.
Während im Studierendenparlament über den Umgang mit der NS-Vergangenheit, die Notstandsgesetze, den Vietnamkrieg und natürlich auch über Hochschulpolitik gestritten wurde, avancierte die Ruhr-Universität selbst zum Motor sozialen Wandels.
Elmar Weiler, bis 2015 Rektor der Ruhr-Universität, verriet bei den Feierlichkeiten zum Jubiläum, dass er selbst ein Erstakademiker ist, also als Erster in seiner Familie studiert hat – für die Bochumer Hochschule nicht untypisch.
Der Anteil von Studierenden aus dem Arbeitermilieu lag Anfang der siebziger Jahre bei 16 % – deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Viele kamen über den zweiten Bildungsweg zum Studium.
Das Image der Universität bekam in der Mitte des Jahrzehnts jedoch erste Kratzer. Die einstmals gerühmte Architektur galt vielen nun als Betonwüste. Der „Stern“ stempelte Bochum gar als „Selbstmord-Uni“ ab. Empirische Studien kamen dagegen zu einem anderen Ergebnis: In Bochum seien die Studierenden nicht stärker suizidgefährdet als anderswo.
Dennoch reagierte die Universität: Mit der OASE wurde eine Anlaufstelle für diejenigen geschaffen, die psychologische Beratung benötigen.
An anderer Stelle musste auf Erweiterungen des universitären Angebots verzichtet werden. Ein zusätzliches Hörsaalgebäude, das geplante Klinikum und ergänzende Sportanlagen konnten nicht realisiert werden. Grund waren die Ölkrisen der Jahre 1973 und 1979/80.
Das Musische Zentrum – bereits 1964 geplant – konnte dagegen 1984 als letztes Gebäude auf der Hauptachse des Campus eröffnet werden.
Es gilt auch heute noch als einzigartig in der deutschen Universitätslandschaft. Alle Angehörigen der Universität erhalten hier die Möglichkeit, sich neben Studium und Beruf künstlerisch zu betätigen. Theateraufführungen und Ausstellungen sorgen regelmäßig für ein abwechslungsreiches Programm.
Der Aufruhr, der die Universitäten in den sechziger und siebziger Jahren erfasst hatte, schien allenfalls noch ein Fall für Sozialwissenschaftler und Historiker zu sein. Im Dezember 1997 wurde diese scheinbare Gewissheit vorübergehend erschüttert.
Seit den Achtundsechzigern hatte es keine so große studentische Protestbewegung mehr gegeben. Diesmal ging es jedoch nicht um einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel, wie es Ende der sechziger Jahre der Fall gewesen war. Vielmehr wollten die Studierenden die Aufmerksamkeit auf die mangelhafte finanzielle Versorgung der Universitäten lenken.
Ausgangspunkt der mehrwöchigen Protestbewegung war Gießen. Bochum tat sich in der Folge durch kreative Aktionen hervor. Zu denken ist an Vorlesungen in der Fußgängerzone und in traditionsreichen Buchhandlungen in der Innenstadt.
Im Frühjahr 1998 ebbte die Protestwelle allerdings ab. An der Ruhr-Universität hatten sich jedoch einige politische Gruppierungen gebildet, die sich weiterhin engagierten.
Im neuen Jahrtausend trat die deutsche Hochschullandschaft in eine Phase des Umbruchs. Dies ließ sich auch an der Ruhr-Universität unschwer erkennen. Mit wenigen Ausnahmen führten die Fakultäten gestufte Bachelor- und Master-Studiengänge ein.
Auch in Bochum rief der Abschied von den vertrauten Magister-Studiengängen viele Kritiker auf den Plan.
Sehr öffentlichkeitswirksam war die Bewerbung der Ruhr-Universität um besondere Fördermittel aus der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder.
Dabei wurde dem Bemühen der Bochumer Hochschule um das Prädikat „Elite-Universität“ im Jahre 2006 durchaus Chancen eingeräumt. Am Ende hatten jedoch Universitäten aus München und Karlsruhe das bessere Ende für sich.
Allerdings erhielt Bochum sowohl 2006 als auch 2012 zusätzliche finanzielle Förderung zuerkannt. Bis 2017 fließt damit Geld in bestimmte Projekte der Ruhr-Universität.
Die Kritik, die Exzellenzinitiative führe zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft unter
Deutschlands Universitäten, wurde auch in Bochum laut.
Ist das Bild der Ruhr-Universität auch immer noch maßgeblich von ihrer als wenig einladend empfundenen Architektur geprägt, so hat das ihren Siegeszug doch nicht aufhalten können. – Sie gehört heute zu den größten Hochschulen Deutschlands.
Etwa 43 000 Studierende sind hier eingeschrieben. Sie können aus mehr als 70 Studiengängen aus den Bereichen Medizin, Geistes-, Natur- und Ingenieurwissenschaften wählen.
Wurde das Ziel, fächerübergreifende Kommunikation zu fördern, das bei der
Universitätsgründung im Vordergrund stand, nach allgemeiner Einschätzung nur teilweise erreicht, so gab es anlässlich des Universitätsjubiläums im Juni 2015 doch allen Grund zu Freude und Stolz.
Rund 600 Gäste – neben derzeitigen Mitarbeitern und Studierenden auch viele Ehemalige – fanden sich am 5. Juni 2015 in der Mensa ein. Fast genau 50 Jahre nach der Eröffnung der Universität stand auch Mambo Kurt auf der Bühne, der hier Medizin studiert hatte. Auch Comedian Christian Hirdes, der bei der Gala für Unterhaltung sorgte, ist ein Ehemaliger der RUB.
Die BlauPause am darauffolgenden Tag war für viele Bochumer der Höhepunkt der Festivitäten. An vielen der aufgebauten Stände informierten Institute der Ruhr-Universität über ihre Arbeit und luden zu Mitmach-Aktionen.
Anders als bei der Gala nahmen hier auch Bochumer teil, die sonst wenig Bezug zur Hochschule haben. Die Möglichkeit, bei sommerlichen Temperaturen über die autofreie Universitätsstraße zu flanieren, ließen sie sich nicht entgehen.
Wer nach all diesen Großereignissen noch nicht genug hat, kann seit 1. Juni 2015 „Bochums Bücher“bewundern. Ein Jahr lang stehen die 50 großen Skulpturen auf dem Campus und im Bochumer Stadtgebiet.
Wie Elmar Weiler anlässlich der offiziellen Eröffnung der Freiluftausstellung wissen ließ, ist noch nicht klar, was danach mit den Kunstwerken geschehen soll.
Die Buchskulpturen sind Ergebnis eines Wettbewerbs, bei dem die Bochumer ihre Gestaltungsideen zum Thema „50 Jahre Universitätsstadt“ einreichen konnten. Zeichnungen, Fotos und Texte waren dabei gleichermaßen möglich.
Herausgekommen ist dabei auch viel Nachdenkliches. Einen Überblick bieten ein Katalog und eine Straßenkarte.
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