Marcus Kiel: Ein Künstler auf Spurensuche

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Mit der Vergangenheit des Krupp-Areals beschäftigt sich der Bochumer Künstler Marcus Kiel. Dazu gehört auch die Geschichte der ersten „Gastarbeiter“ aus der Türkei, die vor 50 Jahren nach Bochum kamen. Jetzt ist er auf der Suche nach Zeitzeugen, alten Fotos und Dokumenten. Foto: Molatta (Foto: Foto: Molatta)
 
Eine Tafel erläutert das Projekt von Marcus Kiel. (Foto: Foto: Molatta)

Marcus Kiel sucht Dokumente und Erinnerungen ehemaliger „Gastarbeiter“ der ersten Generation

Im November letzten Jahres wurde seine Installation „Ein Teil von mir“ am Rande des Westparks offiziell eingeweiht – doch abgeschlossen ist die Beschäftigung damit für den Bochumer Künstler Marcus Kiel noch lange nicht: Für eine geplante Dokumentation sucht er Infos und Zeitzeugenberichte zur Geschichte der ersten türkischen Gastarbeiter in Bochum.

„Ich hatte das Gefühl, dass da ein Teil von mir stillgelegt werden soll“, steht in großen Buchstaben aus Stahl am heutigen Radweg-Tunnel an der Ecke Wattenscheider Straße und Alleestraße. Es ist das Zitat eines ehemaligen „Kruppianers“, der hier viele Jahre lang malocht hatte. Denn ursprünglich wurde der Tunnel unter der Alleestraße von der Krupp-Werksbahn genutzt, verband die Gussstahlfabrik mit der Stahlindustrie.

Geschichte nachvollziehbar machen


Marcus Kiel setzt sich in seinen Arbeiten stets mit der Geschichte seines Umfeldes auseinander: „Die Geschichte und wie sie in einem Ort konkret nachvollziehbar wird, intereressieren mich. Im Kleinen kann man so das große Ganze nachvollziehbar machen.“ Im Falle von „Ein Teil von mir“ sind es der Umbruch in der Montanindustrie und die Auswirkungen auf das Leben der Menschen.
„Ich wollte das Kunstwerk in dem Stadtteil verankern, deswegen fand ich es wichtig, dass auch eine türkische Übersetzung mit dazu kommt. Schließlich sind Stahlhausen und Goldhamme stark durch die Bewohner mit türkischem Migrationshintergrund geprägt. Und die wollte ich mit ins Boot holen.“
Viele türkische Arbeiter haben in den ehemaligen Krupp-Werken gearbeitet. „Bei meinen Recherchen bin ich darauf gestoßen, dass genau 50 Jahre zuvor, am 1. Juli 1964, eine erste Gruppe mit 100 so genannten ‚Gastarbeitern‘ nach Bochum kam, kurze Zeit später folgte eine zweite Gruppe mit 70 Männern.“ Sie sollten zwei Jahre lang bei Krupp ihr Geld verdienen, anschließend wieder zu ihren Frauen und Kindern in ihre Heimat zurückkehren – billige Arbeitskräfte für die boomende Industrie. Doch diese Regelung, so Marcus Kiel, sei ausgerechnet auf Drängen der Krupp-Bosse gekippt, die sagten, Arbeitskräfte nur für eine so kurz Zeit zu holen, lohne sich nicht. So wurden aus „Gastarbeitern“ echte „Kruppianer“, die in Bochum heimisch wurden – doch über ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen, berichtet Marcus Kiel, sei wenig bekannt. „Im Krupp-Archiv konnte man mir noch nicht mal sagen, wie viele türkische Arbeitnehmer hier mal gearbeitet haben.“
Bei seinen Recherchen stieß er durch einen Tipp auf alte Werkszeitschriften des ehemaligen Bochumer Vereins, die heute in der Bibliothek des Ruhrgebiets lagern. „Und dort fand ich das Foto mit der Begrüßung der ersten türkischen Gastarbeiter.“ Den Fotografen, der damals die ersten Gruppen mit der Kamera begleitet hat, konnte Marcus Kiel inzwischen ausfindig machen: Er lebt heute 86-jährig in Hamburg. „Die Originale hat er alle noch in seinem Archiv – doch aufgrund seines Alters kann er das heute nicht mehr selber sichten.“
Jetzt hofft Marcus Kiel auf die Hilfe der Bochumer und der ehemaligen „Gastarbeiter“ der ersten und zweiten Generation: Für eine geplante Dokumentation zu diesem Kunstwerk will er ihre Geschichte, besser als bislang geschehen, dokumentieren: „Fotos, Briefe, Zeitungsartikel, Berichte von deutschen Arbeitskollegen – alles, was diese nicht bekannte Geschichte anschaulich und öffentlich macht.“

Dreiteiliges Projekt

Im nächsten Jahr will er die Dokumentation präsentieren. Dann soll auch sein drittes künstlerisches Projekt, das sich mit dem Areal beschäftigt, abgeschlossen sein: eine Außeninstallation im gesamten Westpark mit historischen Fotografien. 2012 hatte Marcus Kiel bereits den Gedenkort des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers „Saure Wiese“ des Bochumer Vereins künstlerisch gestaltet.
Der 1964 geborene Künstler wuchs selbst an der Goldhammer Straße auf und kennt den heutigen Westpark gut. „Bis zu meinem 12. Lebensjahr haben wir in Goldhamme gewohnt. Damals konnte ich mit dem Begriff ‚Gastarbeiter‘ noch nichts anfangen – dass mein Freund im Nachbarhaus aus der Türkei kam und kaum Deutsch konnte, das habe ich gar nicht weiter hinterfragt. Und beim Fußballspielen haben wir uns ohnehin verstanden.“

INFO: GESUCHT WERDEN:


- Fotos von /über türkische Arbeitskräfte aus der ersten und zweiten Generation (Arbeitsleben, Wohnsituation, Freizeit)
- Erlebnisberichte vom damaligen Leben in Bochum
- Briefe in die Heimat
 Berichte von deutschen Arbeitskollegen über die Zusammenarbeit mit ihren türkischen Kollegen
- Zeitungsartikel
- Wer bei der Spurensuche helfen möchte, kann sich direkt mit Marcus Kiel, Tel.: 5880670 oder post@marcus-kiel.de, in Verbindung setzen.
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