"Über meine Leiche" im Theater Unten überzeugt auf der ganzen Linie

Anzeige
Friedrich (Matthias Eberle) hat es mit den Ärztinnen (links Bettina Engelhardt, rechts Karolina Horster) nicht leicht. (Foto: Küster)

Friedrichs Leben ist bislang ohne große Katastrophen verlaufen – allerdings ist er linkisch und schüchtern und zieht Missgeschicke schon seit der Zeit des Mutter-Kind-Turnens magisch an. Der junge Mann muss plötzlich damit fertig werden, dass bei ihm Krebs im Endstadium diagnostiziert wird. - Das ist die Ausgangssituation in Stefan Hornbachs preisgekröntem Stück „Über meine Leiche“, das die junge Regisseurin Anne Liebtrau im Theater Unten auf die Bühne bringt.

Friedrich (Matthias Eberle) zieht nach der Diagnose zurück ins Haus seiner Mutter (Bettina Engelhardt), die in ihren Versuchen, ihren Sohn aufzumuntern, wenig überzeugend wirkt. In Wahrheit wünscht sie sich in ihrer Verzweiflung, ihr Sohn möge zumindest noch so viel Zeit haben, die eine oder andere verpasste Erfahrung nachzuholen.
Friedrichs ehemalige Mitschülerin Jana (Karolina Horster) weicht nicht mehr von seiner Seite: In einer eigenartigen Mischung aus Todessehnsucht und Lebenshunger möchte sie von „Fritz“, wie sie ihn hartnäckig nennt, lernen, wie man stirbt. Verschiedene Ärztinnen – ebenfalls dargestellt von Engelhardt und Horster – machen immer wieder eher hilflose Versuche, den Patienten zu beruhigen. Der klammert sich ans Leben.

Sprachlich brillant

Man weiß in diesem Fall kaum, wessen Leistung man am meisten loben soll: Hornbachs Stück ist nicht nur inhaltlich relevant, sondern auch sprachlich brillant. Dass sich Tumor auf Humor reimt, ist vielleicht doch mehr als ein Zufall – Hornbach gewinnt der bedrohlichen Situation eine eigentümliche Komik ab.
Matthias Eberle wächst bei der Darstellung des tollpatschig-sympathischen Friedrich über sich hinaus. Bettina Engelhardt liefert eine Leistung ab, die sich mühelos mit ihrer hervorragenden Darstellung des weiblichen Parts in „Gift. Eine Ehegeschichte“ messen kann. Beide setzen ihre Stimme virtuos als Instrument ein. Und Karolina Horster entfaltet eine unglaubliche physische Präsenz.
Dorothea Lütke Wöstmanns Bühnenbild liefert Spielraum für Interpretationen: Versinnbildlicht es ein wucherndes Krebsgeschwür oder das Gewebe aus Begierden und Sehnsüchten, in dem sich Friedrich im Angesicht des Todes verfängt?
Anne Liebtrau, als Regieassistentin am Schauspielhaus tätig, erweist sich als kundige Regisseurin, die die Fäden in der Hand hält, ihrem großartigen Ensemble aber die nötigen Freiräume lässt.

Termine
„Über meine Leiche“ ist wieder am Dienstag, 6. Juni, um 19.30 Uhr im Theater Unten des Schauspielhauses, Königsallee 15, zu sehen.
weitere Termine: Dienstag, 13. Juni, 19 Uhr; Montag, 26. Juni, 19.30 Uhr; Montag, 10. Juli, 19.30 Uhr.
Die Theaterkasse ist unter Tel.: 33 33 55 55 zu erreichen.
1
Einem Mitglied gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.