Wenn die Stille der Heiligen Nacht das Herz nicht mehr erreicht

    Bochum: Lokalkompass-Feuilleton | ~ * ~ * ~

„Wirklich Weihnachten ist dann,
wenn die Stille der Heiligen Nacht
auch in unser Herz gefunden hat“
(Unbekannt).

Es ist schon ein paar Jahre her, als eine arbeitslose Frau beschloss, eine Behandlung aufzunehmen, weil sie unerträglich unter Depressionen litt. Weil sie nicht die Kraft hatte, mit ihrer Lage und ihrer Erkrankung umzugehen, war es zum Zerwürfnis mit einer anderen Frau gekommen, die sie eigentlich gut leiden mochte, an deren freundschaftlicher Verbundheit sie jedoch zu zweifeln anfing, weil sie sich nicht ernst genommen fühlte.
Als sie diese Frau mit ihren Worten sehr verletzte, war es ihr zuvor schon lange nicht mehr gut gegangen. Mit schweren Vorwürfen gegen sich selbst nahm sie die psychotherapeutische Behandlung auf. Sie wollte lernen, mit ihren Depressionen umzugehen, um zu verhindern, dass etwas Vergleichbares noch einmal geschieht.

Die Behandelnde, der sie sich gegenüber sah, war ungefähr im gleichen Alter. Ihr unkompliziertes Wesen war ihr auf Anhieb sympathisch, sie wirkte jugendlich und warmherzig. Man verstand sich vom ersten Augenblick an gut. Deshalb war einvernehmlich schnell eine angenehme Nähe hergestellt. Das Verhältnis zueinander war dem zweier Freundinnen vergleichbar, die seit Jugendzeiten alle Sorgen miteinander teilten.

Es tat gut, weil der Frau neben Ehe und Familie eine tiefe und vertrauensvolle Freundschaft fehlte. Schließlich sprach die Behandelnde auch aus, was immer deutlicher zu spüren war, wenn man sich zur Behandlung traf. Sie bezeichnete das Miteinander als freundschaftliches Verhältnis. Die ihr aus Freude über die gegenseitige Sympathie angebotene Tasse Kaffee verschob sie auf die Zeit nach Beendigung der Therapie. Sie bestätigte, dass es nicht unmöglich sei, Kontakte nach Beendigung einer Behandlung aufrecht zu erhalten und erzählte, dass sich aufgrund therapeutischer Gespräche schon einmal eine Freundschaft ausgebildet hatte, weil man sich sympathisch fand. Eine gute Freundin schien gefunden.

Mit der Zeit fing die Patientin an, zu zweifeln. Schließlich sollte sich nicht wiederholen, was zuvor passiert war. Sie durfte nicht noch einmal an eine Freundschaft glauben, die nicht wirklich ernst gemeint war, weil die Verletzung nicht noch einmal zu ertragen wäre. Sie hatte Angst vor den Folgen dieses Miteinanders.
Trat diese Frau ihr gegenüber wirklich ehrlich auf? War die Sympathie, mit der sie ihr begegnete, auch aufrichtig gemeint und der ihr gezeigte Charme auch echt? Durfte die Verbindung, die sie als freundschaftlich bezeichnet hatte, wirklich eine Zukunft haben?, waren Fragen, die sie quälten. Eine Freundschaft war ihr längst entstanden, weil die Nähe eine völlig selbstverständliche geworden war. Es war nicht mehr rückgängig zu machen.

Ihre Depressionen nahmen zu. Je weniger die Behandelnde, die ihre Sympathie stets neu versicherte, ihr gegenüber greifbar schien, desto schlimmer wurde die Erkrankung. Die Patientin kündigte in größter Sorge an, das therapeutische Verhältnis aus wachsender Unzufriedenheit heraus in Gefahr zu bringen und bat um Hilfe. Methoden, mit denen sie sich selbst in der Erkrankung hätte helfen können, wurden jedoch nicht vermittelt.

Es ging schief. Als eines Tages deutlich wurde, dass die Behandelnde, der sie vertraute und die ihr Verschwiegenheit versichert hatte, Informationen über sie an andere verbreitet hatte und ihr plötzlich distanziert begegnete, kam es zu dem befürchteten Zusammenstoß. Sie fühlte sich betrogen. Das sensible Empfinden der Patientin war derart tief verletzt, dass sie mit Worten wütend um sich schlug.

Die Behandelnde drohte Konsequenzen an. Wochen später, mitten in der schwersten Krise, die sie der Patientin durch ihr Verhalten selbst verursacht hatte, und mitten in der Wiederholung dessen, was nicht mehr passieren sollte, beendete sie fristlos die Behandlung, obwohl sie die Entschuldigung ihrer Patientin angenommen hatte.
Mit den Worten, dies sei heute ihre letzte Sitzung, hatte die Patienten in der Phase größter Hilfsbedürftigkeit zu akzeptieren, dass ihre Behandlung vorzeitig beendet war, ohne dass sie eine Hilfestellung zur Handhabung ihrer Erkrankung erhalten hatte.
Verzweifelt versuchte sie, wenigstens den menschlichen Aspekt zu retten. Doch die bis dahin warmherzige Behandelnde begegnete ihr kühl. Sie verstehe nicht, was die Patientin meine, was man gemacht habe, sei eine Therapie gewesen.

Ihre Welt fiel in ein Trauma. Unfähig, sich aus der menschlich engen Verbindung zu lösen, die so warmherzig gewesen war, stand die Patientin vor den Trümmern der Behandlung. Vergeblich begann sie, gegen die Wände ihres inneren Gefängnisses anzulaufen, um sich aus dem Trauma zu befreien. So konnte es nicht bleiben. So abrupt durfte die Verbindung nicht beendet sein. Es musste einen Weg geben, trotz aller Fehler der Behandlung die Menschlichkeit des Miteinanders noch zu retten. Dankbar griff sie den Vorschlag ihrer Krankenkasse auf, die Behandelnde noch einmal anzuschreiben. Sie bat um Hilfe, um einen Weg zu finden, den sie gehen könne.

Die Angeschriebene begegnete ihr mit Ablehnung und Härte. Das Trauma wurde größer, je deutlicher die Ablehnung durch den als so erfrischend natürlich erlebten Menschen wurde. „Haben Sie geglaubt, ich bin privat so eine Zicke?“ hatte die Behandelnde in der Therapie gefragt und sympathisch glockenhell gelacht. Für die verzweifelten Bemühungen um Aufrechterhaltung des Kontakts, der Nähe und der Freundschaft, von der sie selbst gesprochen hatte, zeigte sie ihre Patientin an.

Die traumatisierte Frau konnte nicht mehr loslassen. Sie versuchte, den Menschen zu ergründen, der hinter der Behandlung stand. Sie wollte wissen, wo die Nähe war, die unzweifelhaft bestanden hatte. Es wurde schlimmer, als sie sich mit der Behandlungsstätte und der Therapieform auseinandersetzte, die die Behandelnde ohne ihr Wissen an ihr angewendet hatte.

Das Ergebnis war ernüchternd. Die Behandelnde war Auszubildende, ohne es ihr mitzuteilen und sie war Ausbildungspatientin gewesen, ohne zugestimmt zu haben. Die regelmäßigen Aufzeichnungen ihrer Gespräche hatten dem Zweck des Abhörens mit Dritten gedient und nicht der Dokumentation ihrer Behandlung. Die ihr versicherte Verschwiegenheit hatte nicht bestanden.
Das Therapieverfahren arbeitete abweichend von der gängigen Behandlung. Es setzte ganz bewusst alle Signale zwischenmenschlicher Verständigung zur Gestaltung der Verbindung durch den Therapeuten ein. Die Patientin hatte glauben sollen, die Behandelnde sei an ihr interessiert.
Sie hatte es geglaubt, weil die ihr gesendeten Signale so natürlich wirkten und sie selber ehrlich war, wenn es um Freundschaft ging. Freundschaft war für sie augesprochen wertvoll.

Die Natürlichkeit, die Unkompliziertheit, die Wärme, der Charme,
das alles konnte nicht gelogen sein.
Doch das menschliche Interesse ihres Gegenübers war ganz offenbar
zu keinem Zeitpunkt echt gewesen.
Die neue gute Freundin war nichts anderes gewesen, als eine kühl berechnende Behandelnde,
die das Manipulieren des zwischenmenschlichen Erlebens gut beherrschte.
Der Betrug an ihren über die Jahre gewachsenen sicheren Intuitionen festigte das Trauma.
Ihre Seele verbrannte an der Flamme der Freundschaft, die so wunderbar gewärmt hatte.

Die Stille der Heiligen Nacht hat das Herz der Frau nie mehr erreichen können.

© Sabine Schemmann, Freie Erzählungen 22. Dezember 2011
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