Kleiderkammer St. Marien: Mehr als nur warme Klamotten

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Die "guten Geister" hinter der Kleiderkammer St. Marien Langendreer: Marianne Müller, Margret Pieper und Barbara Wiedemann sind drei von über 60 ehrenamtlichen Helfern. (Foto: Foto: Molatta)
 
Mützen strickt Christa Schnittger (2.v.l.) aus dem Team der ehrenamtlichen Helfer regelmäßig. Vor allem die Herrenmodelle sind momentan sehr gefragt. (Foto: Foto: Molatta)
 
Was heißt wie? Zettel helfen Ehrenamtlern wie Norbert Schulte bei der Verständigung.
Die Helfer erfahren viel Dankbarkeit - und kämpfen gegen Vorurteile

Der erste Schnee glitzert im Sonnenlicht, doch das Thermometer ist unbestechlich: Es zeigt -4 Grad an diesem Montagmorgen um 9.30 Uhr und die Kälte dringt in jede Pore. Noch dauert es eine halbe Stunde, bis die Tür aufgeht, doch vor dem alten Pfarrhaus von St. Marien an der Alten Bahnhofstraße drängeln sich bereits ein gutes Dutzend Menschen. "Das ist hier immer so", erzählt Marianne Müller. Denn das Pfarrhaus ist längst zum "Kleiderhaus" für Flüchtlinge geworden. Und mit fallenden Temperaturen steigt die Nachfrage nach warmer Kleidung rasch. Schon um kurz vor 10 Uhr öffnen sich die Türen: "Die Leute frieren doch."

Marianne Müller ist eine von rund 60 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Im Sommer letzten Jahres ist in dem bis dahin leerstehenden Pfarrhaus eine Kleiderkammer eingerichtet worden. "Nachdem der Beschluss fiel, im nahen Schulzentrum an der Unterstraße eine Erstaufnahmeeinrichtung des Landes einzurichten, war im Gemeinderat sofort klar, dass wir helfen müssen", erinnert sich Barbara Wiedemann, "innerhalb einer Woche stand diese Kleiderkammer - das war der Wahnsinn."
Die 54-Jährige nennen alle nur "die Chefin": "Quatsch, wir sind ein gutes Team", lacht sie, "hier kommen Leute mit ganz unterschiedlichen Qualifikationen zusammen, junge genauso wie ältere." Erna Hohn ist mit ihren 90 Jahren die Älteste in der Runde. Sie ist die Fachfrau fürs Falten von Pullovern: "Helfen ist doch besser, als zuhause rumzusitzen." Und Christa Schnittger strickt Mützen über Mützen - jeden Tag eine. "Vor allem dunkle Wolle für Herrenmützen können wir immer gebrauchen."
"Es war uns von Anfang an wichtig, dass die Kleiderkammer allen Bedürftigen offen steht, nicht nur Flüchtlingen", erzählt Barbara Wiedemann, "damit Sprüche wie 'Es gibt doch auch bei uns genug arme Menschen' gar nicht erst fallen können."

Vorurteile gibt es immer wieder


Trotzdem sehen sich die ehrenamtlichen Helfer immer wieder negativen Kommentaren ausgesetzt. Marianne Müller ärgert das besonders. "Ich gucke schon sehr genau, wem ich erzähle, dass ich mich für Flüchtlinge engagiere." Und auch von Ressentiments weiß sie zu berichten. Erst kürzlich bekam sie in Hattingen ein Knöllchen, als sie den Wagen kurz in der Fußgängerzone abstellte, um dort aus einem Geschäft schwere Kleidersäcke in ihr Auto zu laden. "Nicht die Strafe ärgert mich, aber die unglaublich abfälligen Bemerkungen des Polizisten."
"Für mich ist dieses Haus hier inzwischen zu einem ganz besonderen Ort geworden", berichtet Barbara Wiedemann, "es haben sich hier so viele Leute zusammen gefunden, um mitanzupacken - das ist großartig, auch für den Zusammenhalt im Stadtteil. Man hat hier Menschen kennen gelernt, die man vorher noch nie gesehen hat, obwohl sie vielleicht ganz in der Nähe wohnen." Doch sie gibt zu, die Kleiderkammer, das sei inzwischen durchaus mit einem Halbtagsjob vergleichbar: "Ich war vorher bei Opel, deshalb habe ich jetzt das Glück, Zeit zu haben."
Zwar opfert sie viel Freizeit für dieses Ehrenamt, doch sie bekommt auch viel zurück: "Wer einmal mit diesen Menschen in Kontakt gekommen ist, die alles zurückgelassen haben, bekommt einen ganz anderen Blick auf die aktuelle Diskussion." So wehrt sie sich entschieden dagegen, dass die Vorgänge in der Silvesternacht genutzt werden, um Stimmung gegen Asylsuchende zu machen: "Man darf nicht alle über einen Kamm scheren. Wir werden hier immer höflich und respektvoll behandelt." Für Marianne Müller ist die Dankbarkeit, die ihr entgegengebracht wird, ein Ansporn: "Auch, wenn die Menschen kein Deutsch sprechen - 'Dankeschön' können sie alle sagen."
Die Verständigung mit den Menschen, die sich in die Räume des ehemaligen Pfarrhauses drängen, klappt mit Händen und Füßen - und auch dank einiger Zettel mit arabischen Übersetzungen für Dinge wie Jacke, Hose oder Schuhe. "Wir haben aber auch einige Flüchtlinge aus der Unterkunft selbst, die uns beim Dolmetschen und der Ausgabe helfen", berichtet Marianne Müller.

Koffer ersetzen den Kleiderschrank


Gefragt sind an diesem Montagmorgen vor allem Koffer - rund 40 Stück gehen in einer halben Stunde weg. "Die Koffer dienen den Flüchtlingen ja als Schrankersatz", erläutert Barbara Wiedemann. "Und außerdem merken wir immer, wenn wieder ein Transport ansteht, um die Leute woandershin zu verteilen. Dann wollen alle Koffer haben, um das wenige, was sie inzwischen schon besitzen, mitnehmen zu können." Doch auch Wolldecken sind an diesem kalten Morgen gefragt, genauso wie warme Schuhe. "Für diese besonders begehrten Dinge führen wir Listen. Jeder Flüchtling erhält ein Papier, wo vermerkt wird, was er wann bekommen hat, damit es nicht zu 'Hamsteraktionen' kommt."
Den Überblick in diesem Gewusel zu behalten, ist gar nicht so leicht. Dabei gibt es hier einen eigenen Raum nur für Kinderkleidung, einen Raum für Damenkleidung und einen für Männersachen. "Männerkleidung gibt es generell am wenigsten - Männer werfen ja nichts weg, sondern tragen immer alles auf", schmunzelt Margret Pieper, ebenfalls ehrenamtliche Helferin in der Kleiderkammer. Und gerade Jacken für junge Männer in kleinen Größen sind immer heiß begehrt. Frauen- und Kinderkleidung dagegen ist reichlich vorhanden. "Wir haben aktuell den ganzen Keller voll mit Sommersachen", lacht Barbara Wiedemann. Deshalb bittet sie darum, bei Kleiderspenden darauf zu achten, dass sie der Jahreszeit entsprechen. "Und natürlich kam es auch schon vor, dass sich die 'Spenden' eher als eine 'Entsorgung' herausstellten", berichtet sie aus Erfahrung. "Dinge, die niemand mehr tragen kann, werfen wir weg. Was für uns nicht geeignet ist, etwa Herrensachen an Übergröße, geben wir weiter, zum Beispiel an die Obdachlosenhilfe."

Würde zurück geben


Die Menschen, die gekommen sind, werden schnell fündig, verstauen ihr neues Hab und Gut in den begehrten Koffern oder großen Plastiktüten und machen sich auf den Weg zurück zu ihrer Unterkunft durch den kleinen Park. "Bei uns können sich die Leute die Sachen aussuchen, sogar anprobieren, wenn sie wollen. Das ist schon Luxus", erzählt Barabara Wiedemann. "Aber sich seine Kleidung aussuchen zu können, das gebe den Menschen auch ein Stück Würde zurück. Auch Marianne Müller ärgern Sprüche wie: "Die können doch froh sein, wenn sie was kriegen'. "Vielleicht sollte man sich mal fragen, ob man das selber nehmen würde..."
Nicht nur Kleidung kann gespendet werden. Größere Dinge, wie etwa Hochstühle oder Kinderwagen, werden in Garagen zwischengelagert. "Wenn wir Anfragen bekommen, können wir dann meistens schnell helfen." Auch Hygiene-Artikel wie Shampoo oder Duschgel werden hier angenommen - wenn sie denn ungeöffnet sind. Norbert Schulte verteilt sie in der Unterkunft an der Unterstraße. Und Monika Nolte sammelt gezielt Haushaltsgegenstände für die Menschen, die - etwa am Wiebuschweg in Langendreer - bereits eine eigene Wohnung beziehen konnten: "Zwischendurch hatten wir hier schon Töpfe, Geschirr oder Wäscheständer stehen."

INFORMATIONEN
Die Kleiderkammer St. Marien befindet sich im ehemaligen Pfarrhaus an der Alten Bahnhofstraße 182a, Zufahrt über Lünsender Straße.
Montags von 18 bis 20 Uhr und mittwochs von 10 bis 12 Uhr können Spenden abgegeben werden, montags und freitags von 10 bis 12 Uhr sowie donnerstags von 16 bis 18 Uhr ist die Kleiderausgabe für die Flüchtlinge geöffnet, samstags von 10 bis 12 zusätzlich für Flüchtlinge, die bereits die Sammelunterkünfte verlassen haben und in Wohnungen gezogen sind, sowie für Bedürftige aus dem Stadtteil.
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