"Am glücklichen Ende einer langen Reise" – Auf der Flucht vor Raketen kam Yamen aus Syrien nach Bottrop

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Schaut einer sicheren Zukunft entgegen: Yamen, 15 Jahre alt. „Aus dem siebten Stock unserer Wohnung hatten wir einen guten Überblick auf Damaskus, auf die Rauchsäulen und Feuer,“ erinnert er sich rückblickend. (Foto: Kappi)
 
Ein Bild der gesamten Familie auf dem Handy seines Bruders ist alles, was Yamen als Erinnrung an Zuhause geblieben ist. Sein eigenes ging auf der Flucht verloren. (Foto: Kappi)

Durch acht Länder in nur 30 Tagen: Wer schon in jungen Jahren viele fremde Nationen erkundet, hat einiges zu berichten. Meist sind es viele positive Erinnerungen, die ihn prägen und von denen er gerne erzählt. Nicht so bei der Geschichte dieses Jugendlichen aus dem Nahen Osten.

Yamen hat als 15-Jähriger sein Heimatland verlassen müssen, weil ihm die Bedrohung seines Lebens durch den Krieg in Syrien keine Wahl ließ. In Bottrop hat er nun eine neue Bleibe und Schutz gefunden. Ein Gefühl der Sicherheit, dass er in dieser Form lange nicht gekannt hat.
Denn im Zentrum von Damaskus, wo er mit seinen Eltern, einem älteren Bruder und einer jüngeren Schwester lebte, war die Gefahr allgegenwärtig. 2014 kam der Krieg näher an den Kern der syrischen Hauptstadt heran. So geschah es, dass das Leben des jungen Syrers, der mit seinem blassen Teint und den rötlichen Haaren so gar nicht arabisch aussieht, gleich zweimal akut bedroht wurde. Nach einem Basketballspiel von Yamens Mannschaft draußen auf dem Freiplatz zwischen den eng gebauten Wohnblöcken hatten sich die Teams gerade getrennt, als eine Rakete plötzlich in der Nähe der anderen Gruppe einschlug.

Raketenangriff nach Basketballspiel

„Ich hatte zuvor noch nicht so viele Verletzte und Blut gesehen“, erzählt Yamen in ernstem Ton. Zwar nennt er die Opfer lediglich verletzt, doch vermutlich waren sie nach der Detonation viel mehr als das.
Woher der Angriff gekommen ist, ob von den Rebellen oder dem IS, kann er nicht sagen. „Auch Assads Truppen haben schon die Zivilbevölkerung beschossen“, weiß Yamen. Ein anderes Mal ist ein Flugkörper nahe seines Wohnortes und nur 30 Meter neben ihm in ein Haus gekracht, die Explosion brachte es zum Einsturz. „Daraufhin habe ich mich eine Stunde lang in einem Geschäft versteckt. Meine Mutter war in großer Sorge“, erinnert sich der Jugendliche, indem er die Situation in bestem Schulenglisch beschreibt.
Für seine Mutter, die Kinder und Haushalt hütet, und seinen Vater, der ein mittelständisches Unternehmen für Küchen- und Innenausbau betreibt, sei klar gewesen, dass sie ihre Heimat nicht verlassen möchten, ihren Kindern aber eine bessere Zukunft wünschen. Deswegen machten sich Yamen und sein älterer Bruder eines Nachts – natürlich im Sommer wenn die See ruhiger ist – auf die Flucht Richtung Europa. Beide mit einem großen Rucksack auf den Schultern, gefüllt mit Erinnerungsstücken, etwas Medizin, Kleidung und Essen sowie jeweils 2.500 Euro, die Vater und Onkel für sie zusammengetragen hatten.

Zuerst ging es in den Libanon, dann mit der Fähre in die Türkei. Meistens bewegten sie sich zu Fuß, manchmal mit dem Zug, selten auch mit dem Taxi. Und wenn, dann nur tagsüber, um das Risiko kleinzuhalten, von Räubern überfallen zu werden, die es insbesondere auf Flüchtlinge abgesehen haben.
Übernachtet wurde je nach Gelegenheit mal draußen auf der Straße, im Wald oder im Hotel. „Ich hatte großes Glück, dass mein Bruder bei mir war, ansonsten konnte ich niemandem trauen“, erzählt Yamen, der als einer der wenigen Flüchtlinge auf der Reise englisch sprach und für andere übersetzten konnte.
„Doch nichts in meinem bisherigen Leben war so schwer wie die Überfahrt als Illegaler von Izmir nach Griechenland zusammen mit 50 anderen in einem Schlauchboot, das für 20 zugelassen war.“ Der Schleuser steckte sich für die fünfstündige Fahrt 1.000 Euro pro Mann in die Tasche. Um bei dem heftigen Seegang zu überleben, wußten sich die beiden Brüder nicht anders zu helfen, als ihre Rucksäcke über Bord zu werfen; nur die wichtigsten Dokumente, die sie am Körper trugen, wie Reisepässe und Geld, blieben ihnen erhalten.

Erst in Griechenland angekommen entschieden sich die beiden jungen Männer, nach Deutschland weiterzugehen. Nach zahlreichen Kilometern, die sie unter anderem durch Mazedonien, Serbien und Ungarn zurücklegten, kamen sie schließlich im Ruhrgebiet an. Yamens Bruder lebt jetzt in Bochum, er selber in der neu eingerichteten Wohngruppe „Horizont“ im Bottroper Caritas Kinderdorf.
Yami, wie er hier auch genannt wird, besucht jetzt die neunte Klasse des Heinrich-Heine Gymnasiums. Zweimal die Woche geht er zum Basektballtraining des DJK Adler Bottrop und besucht zusätzlich einen Uni-Sprachkurs am Essener Campus. Auf dem Schreibtisch in seinem Zimmer türmen sich Bücher, Blätter und Lernutensilien. „Yami ist ehrgeizig und will schnell unsere Sprache lernen“, wie Devrim Huys, sozialpädagogischer Mitarbeiter, bekräftigt.

Maske verbirgt die Schicksalsschläge

„Natürlich vermisse ich meine Familie sehr, aber die Chance, etwas im Leben zu erreichen, ist in Deutschland besser“, erklärt Yamen mit schwacher Stimme. Dass er von all den Schicksalsschlägen begleitet wird, lässt sich der Jugendliche kaum anmerken. „Jeder Betroffene geht mit Posttraumata anders um“, weiß Devrim Huys. „Der eine hüllt sich in Schweigen, der andere kann es besser verbergen.“
Manchmal plagt ihn ein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Familie; in der Vergangenheit war Yamen nie länger als eine Woche von ihnen getrennt. Wenn zuhause in Syrien der Strom nicht ausfällt, telefoniert er über Skype und Whatsapp bis zu vier Stunden täglich mit seinen Verwandten.
„Niemand lässt gerne seine Familie zurück, aber man muss es akzeptieren wie es ist.“ Die Hoffnung, seine Lieben eines Tages wiederzusehen, hat er noch längst nicht aufgegeben: „Ich habe es nicht soweit geschafft, um sie oder mich jetzt abzuschreiben.“
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