Wohnungslosen-Seelsorger: "Zu den Menschen gehen"

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Daniel Schwarzmann vor der Kirche seiner Heimatgemeinde, St. Barbara Ickern.

„Mir ist schon klar gemacht worden, dass ich nicht die ganze Welt retten kann. Jesus hat auch nicht alle gerettet.“ – Daniel Schwarzmann (36) aus Ickern ist Wohnungslosen-Seelsorger in Dortmund. Sein Einsatzort ist der Großraum Hauptbahnhof.

Vor rund drei Jahren ist der Pfarrer, der aus der Gemeinde St. Barbara Ickern stammt, im Jahr 2000 sein Abitur am Adalbert-Stifter-Gymnasium ablegte und 2009 zum Priester geweiht wurde, mit der Aufgabe betraut worden, sich um die Wohnungslosen in Dortmunds Norden zu kümmern.

„Die Stelle wurde neu geschaffen. Mein Vorgänger Alfons Wiegel, der sich selbst im Ruhestand noch um die Wohnungslosen kümmerte, hat sich in Paderborn dafür stark gemacht, dass zumindest eine halbe Stelle auf diese Aufgabe entfällt“, erzählt Schwarzmann im Gespräch mit dem Stadtanzeiger.

Diplomarbeit

Worauf sich der bekennende BVB-Fan, der unter anderem in der Dreifaltigkeitskirche am Borsigplatz tätig ist und sich mit der zweiten halben Stelle um die Arbeit mit Messdienern und Jugendlichen kümmert, mit der Übernahme dieser speziellen Aufgabe in Dortmunds Norden einlassen würde, ahnte Schwarzmann schon. Denn er hat seine Diplomarbeit zu dem Thema „Armut in Dortmund“ über die Dortmunder Tafel geschrieben. Und so verbringt er viel Zeit auf der Straße. „Mein Priesterbild sagt mir, ich muss zu den Menschen gehen, da wo sie sind.“ Das sei ihm wichtiger als im Pfarrhaus zu sitzen. Wenn er zu den Wohnungslosen unterwegs ist, dann ist Schwarzmann als Priester erkennbar. „Das ist auch ein bisschen Selbstschutz. Ich fühle mich dann sicherer. Und es verleiht Respekt.“

Er sei auch schon mal in der Nordstadt mit einem Messer angegriffen worden. „Ich versuche dann, auf Gewalt mit Liebe zu reagieren.“ Passiert sei am Ende nichts.

Grundsätzlich sei seine Erfahrung aber: „Je offener ich auf die Menschen zugehe, desto offener reagieren sie. Die Menschen müssen merken, ‚das ist mein Freund. Ich kann ein beflecktes Schäfchen sein‘. Dann öffnen sie ihr Herz.“

Kein Bargeld

Und wie sieht seine Hilfe konkret aus? „Wenn jemand bei mir klingelt, dann nicht, weil er ein Taufzeugnis haben will, sondern weil er Hunger hat. Einer wurde zusammengeschlagen und bat um Erste Hilfe."

Wer in Not sei, der erfahre Hilfe. So gibt Schwarzmann zu essen, zu trinken, einen Schlafsack, ein Bahn-Ticket oder Medikamente - und er hört zu. Geld gebe es nicht mehr. Zu oft sei er enttäuscht und ausgenutzt worden. "Es gibt auch unter den Armen gute und böse".

Rund 700 Wohnungslose, so schätzt Schwarzmann, hat er in den vergangenen drei Jahren betreut. Sechs von ihnen hat er dauerhaft „von der Straße geholt.“ Aber die Aufgabe als Wohnungslosen-Seelsorger könne man nicht an Zahlen festmachen.
Sein Engagement für die Armen, „eine überaus sinnvolle Arbeit“, bedeute für ihn aber auch eine starke Belastung.

Damit der Mensch Daniel Schwarzmann da nicht zu kurz kommt, gibt es nicht nur Hilfe aus Paderborn (Supervision). „Es tut gut, abends mal mit Freunden zu sprechen.“ Er laufe auch mal zehn Kilometer, um den Kopf frei zu bekommen. Und dann gibt es ja auch noch die Familie. In Castrop-Rauxel. In Ickern.
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