Dinslaken: "Fünf Minuten vor Neutor"

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Jörg Springer und (urlaubsbedingt) nur ein Teil seines Kathrin-Türks-Stadthallen-Teams: Mit Aushilfen im Service und der Security bei Veranstanstaltungen arbeiten bis zu 100 Menschen für die Stadthalle. Foto: Heinz Kunkel
 
Die Dinslakener Freilichtbühne Burgtheater ist bei vielen auch internationalen Künstlern beliebt: Hier Jim Kerr von den Simple Minds beim Flirten mit dem Publikum, welches ihn begeistert feierte. Foto: Heinz Kunkel.
 
Auch Gianna Nannini rockte das Burgtheater bei jubelndem Publikum. Foto: Heinz Kunkel.
 
Der inzwischen legendere Auftritt der Leningrad Cowboys hier in DIN. Foto: Jens Kim.
 
Auch Helge Schneider kommt immer wieder gern nach DIN. Foto: Jens Kim.
Dinslaken: Kathrin-Türks-Halle | Ist die Stadtverwaltung Dinslaken dabei, Wichtiges zu versäumen? Hier der Versuch eines „Weckrufs“ der NA-Redaktion, sozusagen „fünf Minuten vor Neutor“.

Ein nur knappes Zeitfenster bietet jetzt Dinslaken die für lange Zeit einmalige Chance mit intelligenten Lösungen „mehrere Fliegen mit wenigen Klappen“ zu schlagen. Ein „Aufräumen“ und Kreativität sind nötig, um endlich das zwar vielfältige, aber unkoordinierte und sich (oft ungewollt) gegenseitig ausbremsende Dinslakener Kultur- und Geschäftsleben zu bündeln. Und Dinslakens Attraktivität für die weitere Umgebung wirksam zu erhöhen.

Die pure Hoffnung, nach Eröffnung der Neutor-Galerie würde ein kulturelles Angebot - derzeit unvollkommen kommuniziert - das Einkaufs-Publikum sozusagen von selbst durch die bestehenden Einkaufsstraßen zu den Events und spätabends danach in die Altstadt-Kneipen ziehen, gilt längst bei vielen als Kinderglaube.

Doch hängt davon nicht beinahe alles ab - für die erstmal nur so etikettierte„Stadt im Aufbruch“?. Die sich ja auch liebend gern überregional besser vermarkten möchte: Mit publikums-attraktiver Event-Kultur! Welche ja auch dringend (und nicht nur als Anhängsel oder Lockvogel) als Gegenpol zur neuen, ab 2014 dann hoffentlich florierenden Neutor-Galerie-Einkaufswelt für diese Stadt und Region gebraucht wird.
Auf dem Papier klingt manches am Konzept ansprechend und logisch: Einkaufsparadies am Neutor als Magnet für Business und Traffic, sprich Publikums-Verkehr.

Die Aufgabe der Stadtverwaltung und besonders eines endlich funktionierenden „Stadtmarketings“ (in welcher, nur bitte einheitlichen Organisationsform auch immer) wäre es, diese erhofften Menschenströme geschickt in die ganze Stadt zu lenken. Zur Stadthalle und /oder zur Freilichtbühne, mit wirklich attraktiven Events! Und nach den Vorstellungen geht´s ab ins romantische Altmarktviertel mit seinen Kneipen und Restaurants. Wie es z.B. während des Fantastivals oder nach Auftritten von Simple Minds und Gianna Nannini (Burgtheater-Freilicht-Veranstaltungen von Josh Springer) ja auch bestens funktionierte.“Vorhandene Stärken ausbauen“ heißt das zweitwichtigste Gebot der Stunde! Davor gilt aber auch: „Blockaden und Hürden sowie Irritationen beseitigen“. Insgesamt ist Optimierung erforderlich.

Wie soll man`s händeln?

Der größte Teil des Rates und mancher städtische Mitarbeiter ist sich der großen Verantwortung bei dieser Weichenstellung sicher auch bewußt. Doch wie soll man´s „händeln“, wenn man´s noch nie gemacht hat. Sich keine Vorbilder andernorts anschaut, unkonventionelle Lösungen durch unpassende Organisationsformen verhindert sieht, kulturpolitische Visionen vermissen muss.

Meist folgte der Schritt in teure Gutachten oder nun der Ruf nach einer starken GmbH außerhalb der Stadtverwaltung, deren Geschäftsführung man alle Pflichten übertragen möchte, aber auch - alle Veranwortung beim Mißlingen aufbürden kann?
Das Zeitfenster hat sich bedrohlich früh geöffnet auch für die neue Intendantin (oder wird´s ein halbes Jahrhundert nach Kathrin Türks wieder ein Mann?) des hier eher provisorisch ohne rechte Spielstätte in einem Bauernhof untergebrachten und chronisch unterfinanzierten Landestheaters des Kreises Wesel / irritierend genannt: Burghofbühne Dinslaken.

Kontakte nutzen!

Eine wirklich Künstlerische Leitung (die erst 2014/2015 erstmals spielplanbestimmend wirken kann) ist nunmehr professionell in die örtliche Planung attraktiver Events besonders im Kindertheater-Bereich in die Pflicht zu nehmen.

Aber auch für endlich attraktives Erwachsenen-Theater braucht es allerdings den Mut (weniger neue Finanzkraft), auch neue Wege zu gehen. Ein praktikables Beispiel: Warum z. B. nicht auch mal über den niederrheinischen Tellerrand der kleinsten NRW-Landesbühne hinaus schauen: Schon im nahen Revier leben Schauspiel-Hochkaräter, die weiß Gott nicht das ganze Jahr über internationale Filme drehen. Mit geschickt angestossenen Kooperationen auf der Ebene aller Landestheater (die gemeinsame Vermarktung läuft ja ohnhin zentral in Neuss) ist z. B. eine prominent besetzte „Räuber Hotzenplotz“-Premiere im Burgtheater-Freilicht kein unbezahlbarer Wunschtraum mehr. Und sicher mehrfach ausverkauft, kostendeckend, gewinn- und publikumsträchtig. Hotzenplotz-Kinostar Armin Rohde etwa wohnt nicht weit entfernt in Bochum-Stiepel. Und fährt (ebenso wie Herbert Knebel und Helge Schneider nach ihren Auftritten hier) abends in heimische Bettchen. (Hotelbetten für 40 andere Räuber übrigens gäbs zwar gerade noch genug in DIN, fürs Publikum aber blieb da wenig an Betten übrig – ein weiteres Problemfeld: Es gibt inzwischen eigene Initiativen der Hotellerie, nachdem die Stadt das Thema nicht wirksam anging.)

„Never Change a Winning Team“? Natürlich steht und fällt die beste Idee mit ihrem Macher. Die Stadtverwaltung verhandelt derzeit im Auftrag des Rates intensiv mit Stadthallenpächter Jörg Springer über eine Neufassung, sprich wesentliche Erweiterung seines Aufgabenbereiches. In Wahrheit über das häufig zitierte eierlegende Wollmichvieh. Springer soll nicht nur seine erfolgreiche Arbeit in Stadthalle und Freilicht-Spielstätte Burgtheater fortsetzen, sondern auch das derzeit personell und finanziell (damit auch inhaltlich) auf Sparflamme köchelnde städtische Marketing-Instrument DINAMIT GmbH in diese neuzugestaltende städtischen Gesellschaft einbinden. Was ja auch Sinn machen würde. Denn im Event- und Kulturbereich gibt es keine Selbstläufer: „Klappern gehört zum Handwerk“:
Wer nicht weiß oder verwirrt bleibt, was wo hier bei uns in Dinslaken alles los ist, kommt einfach gar nicht erst. Es sei denn zu Mega-Selbstläufer-Events (die wiederum aber erst einmal finanziert werden müssten).

Das Zeitfenster ist nicht groß: Die erste Durststrecke vor der Eröffnung der Neutor-Galerie hat für viele Geschäftsleute ja begonnen. Immer wieder verschobene Pläne zur kompletten Schließung der Stadthalle (wegen inzwischen dringend nötiger Instandsetzungen u.a. an Klimaanlage, sogar der Toiletten) sind gerade jetzt geradezu gefährlich. Überregionale Veranstalter und Agenturen planen in der Regel zwei Jahre im Voraus ihre Gastspieltermine.

Planungssicherheit?

In der derzeitigen Situation können die Kathrin-Türks-Stadthalle, können die Menschen, die hier ihre Arbeitplätze haben, überhaupt nicht planen. Schlimm wäre, wenn Dinslakens auch überregional geschätzte Spielstätte wegen derzeitiger Unplanbarbeit das gerüchteweise immer mal wieder auftauchende Etikett „2015/16 ohnehin irgendwann geschlossen“ an der „Backe“ hätte. So etwas hält sich in einem so sensiblen wie konkurrenzreichen Geschäft nachhaltig. Und alle in vielen Jahren aufgebauten Kontakte und Beziehungen - selbst bei einem Netzwerker und vorallem lokalkompetenten Kommunikator wie Jörg Springer - sind gefährdet, attraktive Gastspiele so kaum zu gewinnen. Daher muss - ein schon jetzt vorzubereitender - „Plan B“ her - falls sich eine Stadthallen-Schließung 2015 wirklich nicht vermeiden lässt.

Denn nichts wäre peinlicher und schädlicher (bei allen schon vorhandenen Problemen): Die Neutor-Galerie läuft bestens an und funktioniert. Der schöne Plan zur Umlenkung des Besucher-Traffics zum Altmarkt hin aber klappt allein wegen Schließung der Stadthalle nicht. Und all die im Vorfeld genannten Befürchtungen der Geschäftsleute treten allein schon deshalb ein.

Hier ist der Baudezernent, Kämmerer und studierte Architekt Dr. Thomas Palotz schon jetzt in der Pflicht, rechtzeitig eine Ersatzspielstätte vorzubereiten. Denn auch der ab Oktober neu aufgestellte Fachdienst Kultur (mit Thomas Termath als würdigem Nachfolger von Fachdienst-Kultur-Übervater Klaus-Dieter Graf) braucht selbstverständlich Planungssicherheit für das Spielzeitprogramm.
Hier könnte Dezernent Thomas Palotz beste Kontakte nutzen zu Prof. J. Alexander Schmidt von der Universität Duisburg-Essen (war schon vor Ort in Sachen Stadtentwicklung mit seinen Studenten tätig und ist der einstige Doktorvater von Dr. Palotz). So gilt es etwa, mit eben diesen Studenten eine bezahlbare Lösung für eine Stadthallen-Ersatzspielstätte auf der benachbarten Freilichtbühne zu entwickeln.
Dinslaken wäre nicht die erste Stadt, die ihre Hauptspielstätte während einer Umbauzeit in ein Theaterzelt umquartiert.

Dies böte sogar einige künstlerische und szenische Chancen - auch für Gastspiele! Für Architektur- Studenten (und ihre späteren Kunden) ist es optimal, in der Praxis an einem konkreten Projekt Erfahrungen zu sammeln. Vielleicht kommt dabei sogar noch eine preiswerte flexible Überdachungslösung für die Freilichtbühne „Burgtheater“ dabei heraus. (Eine, die später die besondere Atmosphäre des Burgtheaters optisch nicht stört und im Sommer nur bei Regengefahr eingesetzt wird? Das wäre ja fast schon eine Diplomarbeit, große Beispiele von Bad Hersfeld bis Avignon beweisen die Machbarkeit. Die Ersatzspielstätte in unmittelbarer Nähe der KTH-Stadthalle würde zudem auch die beschworenen Besuchereffekte für die Altstadt-Kneipen und Restaurants möglich machen.

Theaterzelt in der Freilichtbühne?

Und die Ängste der Altmarkt-Gastronomie vor dem Neutor-Magnet zumindest abmildern. Auch die Besucher müssten sich nicht an einen neuen Standort gewöhnen, verständliche Benennung und Beschilderung einmal vorausgesetzt.
Doch bevor diese und andere Vorschläge konstruktiv-kreativ umgesetzt werden können, muss das drängende Zeitfenster genutzt, müssen die richtigen Weichen gestellt werden, braucht es Planungssicherheit. Der Bürgermeister ist - nicht nur vor Kommunalwahlen - der Dienstherr seiner Dezernenten. cd / Hu

INFO: UMBENENNEN HILFT - UND HILFT NICHT

Helfen könnte für auswärtige Interessenten klare Benennung hier: Das Burgtheater ist nicht das Burgtheater, sondern die Freilichtbühne. Die Burghofbühne ist nicht die Bühne im Burghof, sondern die Landesbühne des Kreises Wesel. Die sitzt aber nicht im Weseler Bühnenhaus, sondern in Dinslaken. Aber nicht in der Kathrin-Türks-Halle, die nach der Gründerin des Theaters benannt ist und Dinslakens renovierungsbedürftige Stadthalle ist. Sondern in einem Bauernhof hinterm Bahndamm, der keine richtige Spielstätte hat. In der Stadthalle spielt es nur selten, im Burgtheater nur zweimal im Jahr ein Kinderstück. Im Rahmen des Freilicht-Fantastivals darf das Theater nicht mehr spielen, seit es nicht genügend Besucher anlockte.

Nichts „geholfen“ hat Umbenennung hier: Die städtischen Ämter sind zwar noch welche, heißen aber „Fachdienst“. Für die Reparatur einer öffentlichen Toilette mitten auf dem Altmarkt brauchte der zuständige Dezernent mit seinen Fachdiensten Monate. Nach dem Willen des Dezernenten und Kämmerers sollte der städtische Vorverkauf für Kulturveranstaltungen geschlossen werden.

INFO: KONKURRIERENDES WERBEN UNTER GLEICHEM NAMEN

Die Struktur der Werbegemeinschaften und der städtischen Werbe-Gesellschaft ist zerfasert und durch personelle Unverträglichkeiten resp. Besetzungen ineffektiv. „Stadtmarketing“ gibt es sogar zweimal, eine städtische Institution und einen Zusammenschluss von Geschäfsleuten, die getrennt unter verwirrend identischem Namen operieren. Der Stadtgründung DINAMIT GmbH wurde längst der Zünder entfernt.

INFO: ANGST UND HOFFNUNG NEUTOR GALERIE


Soft-Standortfaktor Kultur-Events: Nach langem Siechtum und Besitzerwechseln wurde Dinslakens Kaufhaus am historischen einstigen Viehmarkt am Neutor abgerissen. Mit Verzögerungen entsteht hier die Einkaufswelt Neutor-Galerie: Die Geschäftsleute der angrenzenden Fußgängerzonen befürchten nach dem Vorbild etwa Oberhausens unkoordinierten Umsatzverlust. Mancher sieht in der städtischen Verheißung, es gelte vom Neutor als Magnet künftig die Käuferströme zu den bisherigen Geschäften zu weiterem Einkauf und weiter zu Abend-Veranstaltungen in Stadthalle und Freilichtbühne sowie danach in die Altstadtgastronomie zu lenken, ein Trost-Argument, dem bislang keinerlei vernünftige Event-Strukturplanung entspricht. Die überfällige Renovierung etwa der Stadthallen-Toiletten wurde immer wieder aufgeschoben und droht nun die Schließung der Halle kurz nach Neutor-Eröffnung für ein Jahr nötig zu machen. Stadthallen-Pächter Jörg Springer, einst auch Altstadt-Gastronom, ist nun der Kandidat für eine Koordinierungs-Figur, die als GmbH-Geschäfsführer vielerlei vereinen soll.
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