Neues Jahr 2015: Der alternative Jahresrückblick

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Vor 1000 Jahren: Thusnelda, Gattin des Arminius, wird entführt (Historiengemälde, um 1884).
 
Vor 200 Jahren: Nach den napoleonischen Kriegen wird die Landkarte Europas neu geordnet. Dabei sollen sich die europäischen Mächte gegenseitig so in Schach halten können, dass dauerhafter Frieden möglich wird. Die Provinz Westfalen entsteht als ein Teil Preußens, und Dorsten befindet sich nun genau auf der Grenze zum Rheinland (Karte von 1905).
 
Vor 100 Jahren: Die Fronten im Ersten Weltkrieg haben sich zu erbittert verteidigten Stellungen festgefahren. Millionen von Menschen kostet der industriell geführte Weltenbrand das Leben, darunter auch vielen Dorstenern.
 
Vor 90 Jahren wird Dorsten einen Sommer lang Drehscheibe zur Welt: Vom Freudenberg aus starten Verkehrsmaschinen wie die Junkers F13 (Foto) zu Flughäfen im In- und Ausland. Nach dem Ende der Ruhrbesetzung kommt jedoch das Aus.

Ab jetzt schreiben wir das Jahr 2015. Traditionell geben wir uns im Stadtspiegel zur Einstimmung nicht mit einem einfachen Jahresrückblick zufrieden, sondern beleuchten, was vor 2000, 1000, 500, 200, und in den letzten 100 Jahren so geschehen ist. Reisen Sie also mit uns zurück.

15 n.Chr. - Raub der Thusnelda


Vor 2000 Jahren kommt es zu einer der bekanntesten Entführungen der Weltgeschichte: Thusnelda, die Ehefrau des Germanenfürsten und Varusbezwingers Arminius, wird von ihrem Vater Segestes verschleppt und an die Römer unter Germanicus übergeben. Es ist das tragische Ende einer romantischen Liebesgeschichte. Arminius selbst hatte die junge Frau mit ihrer Einwilligung aus dem Haus ihres strengen Vaters, eines erklärten Römerfreundes, entführt und dabei auch die politischen Spannungen zwischen den germanischen Fürstentümern in Kauf genommen. Arminius, dem so seine Frau und sein ungeborener Sohn genommen wurde, wurde zwar menschlich schwer getroffen, aber militärisch kaum geschwächt. Nur wenige Wochen später lauern die Germanen unter Arminius bei Kalkriese einer römischen Streitmacht auf, die die Toten der Varusschlacht bergen wollen. In der anschließenden Schlacht bringen die Germanen mehrere tausend Römer um und vernichten um ein Haar die gesamte Streitmacht ihrer Feinde. Thusnelda aber wird nach Rom verschleppt und in der ewigen Stadt wie eine Kriegsbeute vorgeführt. Ihren Sohn Thumelicus brachte sie in Gefangenschaft zu Welt, dann verlieren sich ihre Spuren in der Geschichte.

1015 - Der letzte Wikinger


Vor 1000 Jahren wird eine der schillerndsten Figuren des Mittelalters geboren. Harald Sigurdsson war der Sohn eines norwegischen Unterkönigs aus der Umgebung des heutigen Oslo. Sein Leben liest sich wie eine Abenteuergeschichte: Bereits im zarten Alter von 15 Jahren muss Harald aus Norwegen fliehen, weil er sich an der Seite seines Halbbruders Olav an einer verlorenen Schlacht beteiligt hatte. Er kam schließlich im russischen Novgorod unter und machte eine steile Karriere in der Armee des Großfürsten. Von dort aus zog es ihn nach Konstantinopel (heute Istanbul), wo er in der Eliteeinheit Varägergarde diente und sich mit Feldzügen im Mittelmeerraum ein Vermögen verdiente. Mit Ende Zwanzig reiste er wieder nach Norden, mit dem festen Willen, das Königreich Norwegen zu erobern - was ihm auch gelang. Er verbrachte die meiste Zeit seines Lebens auf Kriegszügen und starb 1066 bei dem Versuch, England zu erobern. Harald der Harte, wie man ihn schließlich nannte, wird oft als „der letzte Wikinger“ bezeichnet und war einer der maßgeblichen Gründerväter der heutigen Stadt Oslo.

1515 - Kerzenspende für die Festorgie


Vor 500 Jahren schenkt die Stadt Dorsten dem Franziskanerkloster zwei wertvolle Wachskerzen.

Das alleine wäre nichts besonderes, wäre die Aufwendung nicht ein Teil einer ganzen Liste von Ausgaben, die sich Dorsten jedes Jahr um die gleiche Zeit leistet. Bier wird gebraut, Lebensmittel herangeschafft, und wenn die Mönche keine Mittel für die teuren Kerzen haben, werden ihnen welche bezahlt. Sie dienen einer Prozession am Tag der sogenannten „Streitfeier“, die in Dorsten alljährlich zur Erinnerung an den Sieg über ein Mervelder Aufgebot im Jahre 1382 erinnern soll.

An diesem Tag wird reichlich getrunken und gegessen, die Armen bekommen Hering und Brot, und auch die Kirche beteiligt sich an der Feier. Da die Mönche nicht genug Geld für die zusätzlichen Kerzen haben, greift ihnen die Stadt in den Jahren 1515 und 1518 mit Spenden unter die Arme.

Die Feier, ohnehin schon ein ausschweifendes Ereignis, wird nach 1588 anscheinend noch ausgelassener, denn nun kommt der Sieg über die Truppen des Grafen von Oberstein hinzu, den die Dorstener am 28. Februar 1588 mit vereinten Kräften abgeschlagen hatten.

Bis 1771 lassen die Dorstener fortan jedes Jahr am 28. Februar derart die Puppen tanzen, dass der Erzbischof das Streitfest schließlich wegen „Zügellosigkeit“ verbietet.

1815 - Neuordnung in Westfalen


Vor 200 Jahren wird die Landkarte Europas neu geordnet. Nach 25 Jahren ständigen Konfliktes während der Napoleonischen Kriege sollten die Staaten Europas neu geordnet und ihre Macht so ausbalanciert werden, dass ein dauerhafter Frieden möglich werden könnte. Die fast ein Jahr dauernden Verhandlungen gingen als der „Wiener Kongress“ in die Geschichte ein. Das Königreich Niederlande wird neu geschaffen, und während Frankreich alle Eroberungen verliert, bekommen Preußen, Russland und Österreich weite Gebiete hinzu. Auch Dorsten kommt unter preußische Verwaltung und liegt nun an der Grenze zwischen der neugeschaffenen Provinz Westfalen und dem Rheinland.

Ein letzter Versuch Napoleon Bonapartes, das Ruder noch einmal herumzureissen, scheitert in der Schlacht bei Waterloo. Die Ära Napoleons ist damit endgültig vorbei.

1915 - Stahlgewitter im Weltkrieg


Vor hundert Jahren ist die Welt im Griff des Ersten Weltkrieges gefangen. Auch Dorstener sind an den Fronten im Einsatz, an denen der Krieg immer barbarischer geführt wird. Erstmals wird Giftgas eingesetzt, mit fürchterlichen Folgen. Man wünschte, das in diesem Jahr erstmals erfundene „Stop“-Schild, das man heute überall auf unseren Straßen sieht, würde dem Wahnsinn ein Ende setzen können.

1925 - Drehscheibe Dorsten


Vor 90 Jahren wird Dorsten für wenige Monate eine Drehscheibe des Luftverkehrs: Da das Ruhrgebiet seit zwei Jahren von belgischen und französischen Truppen besetzt war, musste ein Ersatzflugplatz in der Nähe her. Man findet eine geeignete Fläche zwischen Dorsten und Erle, an der Borkener Straße am Freudenberg. Wald wird gerodet, Hallen und Flughafengebäude gebaut, und schon am 10. Mai wurde der neue Airport feierlich eröffnet. Dorsten wurde zum Tor der Welt: Propellermaschinen landeten aus Berlin, Breslau, Frankfurt, Amsterdam, München oder Stuttgart, und erhoben sich auch wieder dahin in die Lüfte. Immer mehr Destinationen kamen hinzu, doch der Traum währte nur einen Sommer lang. Als die Ruhrbesetzung endete, wurde der neue Flugplatz in Essen in Betrieb genommen. Schon bald ruhte wieder der Wald, wo einst Passagierflugzeuge starteten. Dafür werfen andere Ereignisse ihren düsteren Schatten voraus: „Mein Kampf“ erscheint auf dem Buchmarkt.

1935 - Nürnberger Gesetze


Vor 80 Jahren herrschen die Nazis im Deutschen Reich, und ihre menschenverachtende Politik wird vor allem gegenüber unerwünschten Minderheiten immer spürbarer. Erster Höhepunkt dieser Politik ist die Verabschiedung der Nürnberger Rassegesetze, das jüdische Deutsche, Farbige und andere Minderheiten als „rassisch minderwertig“ definiert. Sie gelten fortan nicht mehr als Reichsbürger und dürfen keine anderen Deutschen mehr heiraten. Weitere Repressalien folgen nun in immer kürzeren Abständen.

1945 - Bomben auf Dorsten


Vor 70 Jahren wird der 22. März zum Schicksalstag für Dorsten: Kurz nach 14 Uhr erscheinen britische Bomber am blauen Himmel über der Lippestadt. 377 Tonnen Sprengbomben trudeln aus den Schächten der Flugzeuge und verwandeln die Stadt in ein brennendes Inferno. Über 300 Menschen kommen ums Leben, die Altstadt wird fast völlig zerstört. Der Krieg, den Hitler vor sechs Jahren entfesselt hatte, ist nun über das Deutsche Reich gekommen. Als am 8. Mai endlich Frieden herrscht, liegt das Land in Trümmern. Die Stunde Null - der Wiederaufbau beginnt.

1955 - Deutschland in der NATO


Vor 60 Jahren formieren sich in Europa zwei große Machtblöcke: Während sich im Osten unter der Führung der Sowjetunion der Warschauer Pakt gründet, wird das ehemals besetzte Deutschland in die NATO aufgenommen. Auf einmal ist die MUNA in Wulfen, einst als Munitionslager für die deutsche Armee gegründet und seit 1945 unter britischer Kontrolle, eines der wichtigsten Versorgungszentren des Nordatlantikpaktes. Sollte der Kalte Krieg je heiß werden, so fürchten nicht wenige Anwohner, wären sie eines der ersten Ziele für einen Angriff. Ab sofort gehören regelmäßige Sirenenproben zum Alltag in Wulfen.

1965 - Hello Vietnam


Vor 50 Jahren lässt sich Amerika in den Vietnamkrieg hineinziehen. Die kommunistischen Vietcong, die bereits die alte französische Besatzungsmacht bekämpft hatten, versuchten das Land unter einer marxistischen Ideologie zu vereinigen. Die Amerikaner fürchteten eine weitere Ausbreitung des Kommunismus in Asien, und sandten Truppen nach Vietnam. Der folgende Krieg kostete fast 60.000 amerikanische und mehrere Millionen vietnamesische Leben und endete 1975 mit einer Niederlage für die westliche Supermacht.

1975 - Kommunale Gebietsreform


Vor 40 Jahren wird die Landkarte in Nordrhein-Westfalen umgekrempelt: Mit einer umfassenden kommunalen Gebietsreform werden die Kreisgrenzen neu gezogen. So wandern die münsterländischen Gemeinden der Herrlichkeit Lembeck ins Vest Recklinghausen - nicht gerade zur Freude der Landbürger. Noch heute sind die folkloristischen Grenzen zwischen den Nordgemeinden und dem Süden erkennbar.

1985 - Hilfe für Afrika


Vor 30 Jahren sind die Menschen erschüttert von den Fernsehberichten aus Äthopien, wo Tausende unter den Augen der Weltöffentlichkeit vor Hunger sterben. Spenden werden mit teilweise riesigen Aktionen gesammelt: Die Live Aid Konzerte sind die bisher größten Rockkonzerte der Geschichte, und die Liste der teilnehmenden Musiker les sich wie das Who-is-Who der Musikszene. In Dorsten selbst wird auch gesammelt - und eine neue Freundschaft besiegelt: Mit dem französischen Ernée geht man eine Städtepartnerschaft ein.

1995 - Erster hauptamtlicher Bürgermeister


Vor 20 Jahren sieht es nicht gut aus für den Frieden in der Welt: Auf dem Balkan schlachten sich verfeindete Volksgruppen gegenseitig ab, wobei das Massaker von Srebenica Erinnerungen an den Holocaust hervorruft. In Israel wird der Ministerpräsident Jitzchak Rabin wegen seines Friedenskurses gegenüber den Palästinensern ermordet, und in Oklahoma City detoniert eine von Rechtsextremen gelegte Autobombe. In Dorsten ändern sich die Zeiten dagegen still und friedlich: Mit Karl-Christian Zahn (gestorben 2007) hat die Stadt ihren ersten hauptamtlichen Bürgermeister. Bisher war dieses Amt eine Nebenaufgabe, die von einem Ratsmitglied übernommen wurde. Jetzt übernimmt der Bürgermeister auch die Aufgaben des bisherigen Stadtdirektors und dient als Bindeglied zwischen Verwaltung und Politik - ein Vollzeitjob.

2005 - Ein gewandeltes Land


Vor zehn Jahren wird ein Deutscher Papst und eine Frau Kanzlerin. Das Land hat sich seit der Nazizeit von Grund auf gewandelt, doch die Verbrechen sind auch sechzig Jahre nach Kriegsende noch immer sehr präsent. Zur Erinnerung an die ermordeten Juden aus Dorsten kommt der Künstler Gunter Demnig in die Stadt und verlegt vielerorts goldene „Stolpersteine“ vor den alten Wohnorten der ehemaligen Mitbürger.
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1 Kommentar
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Manfred Kramer aus Dorsten | 30.12.2014 | 21:37  
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