So könnte die Zukunft Barkenbergs aussehen

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Die „Verantwortlichen“ des Programms Hausaufgaben in Barkenberg.
 
Mitorganisator Jan Kampshoff und Dagmar Hoetzel von der renommiertesten Architekturzeitschrift Deutschlands, der Bauwelt.
  Dorsten: Ehemaliges EDEKA-Lokal |

Am Freitagabend stellten Architekturstudenten aus Münster (msa münster school of architectur) im Rahmen der Serie Hausaufgaben in Barkenberg ihre Ideen für die Zukunft des Dorstener Stadtteils vor. Sie hatten sich zuvor monatelang mit diesem Thema beschäftigt. Rund 90 Gäste und Interessierte waren in das ehemalige Ladenlokal von Edeka an der Dimker Allee gekommen, um sich die Visionen anzuhören. Dabei ging es um die zentrale Frage: Kann Barkenberg sich in den nächsten Jahrzehnten den aktuellen demografischen bzw. statistischen Trends widersetzen oder müssen alternative Wege gefunden werden, die sich mit den anhaltenden Entwicklungen auseinandersetzen?

„Wenn wir über Zukunftsfragen nachdenken, ist das immer spekulativ, das ist ganz wichtig“, beschrieb Prof. Joachim Schulz-Granberg von der msa die Aufgabe und Grenzen von Szenarien. „Alles was wir heute Abend diskutieren, könnte eintreffen, muss aber nicht eintreffen. Auf jeden Fall soll es zur Diskussion anregen, denn die Auswirkungen der Trends hängen entscheidend davon ab, wie stark sich Politik und Verwaltung, die Wirtschaft und natürlich die Bürger aktiv, regulierend oder deregulierend in die Entwicklung einbringen.“ Ein Weg beschreibt das Szenario „Der Superbürgermeister“, bei dem die Politik versucht, aktiv gegen demografische Entwicklungen zu arbeiten. Durch erfolgreiche Reformen schafft es das Szenario, eine Oase und ein Paradies durch Alternativen zum teuren urbanen Wohnen zu realisieren. Dabei ist eine Chance für Barkenberg, dass einige der Herausforderungen großer Städte hier nicht zutreffen. Also was tun? Ein Superbürgermeister erkennt dies und weiß den modernen Städtebau wertzuschätzen. Entgegen der aktuellen (Außen-)Wahrnehmung sorgt er dafür, dass Barkenberg in die Baukulturerbeliste aufgenommen wird. Den Rückgang der Bevölkerung fängt er durch eine Reaktivierung des öffentlichen Raums und neue öffentliche Einrichtungen auf. Ein staatlich gefördertes Bildungsinstitut zur Anerkennung von Berufsqualifikationen führt dazu, dass gebildete und motivierte Zuwanderer in Barkenberg ihr neues Zuhause finden.

Und mit Hilfe innovativer Energielösungen und neuer grüner Denkweisen macht er Barkenberg zum Vorbild für andere Städte. Das Ganze mit aktiver Unterstützung der Bürger vor Ort, die großes Vertrauen in ihre Politik haben. Ein zweites Szenario geht davon aus, das der Kampf der Politik gegen die „Windmühlen der Demografie“ scheitert und die Stadt, wie schon einmal, zu einem Labor für Experimente wird. Barkenbergs Zukunft entsteht dabei aus den Ideen von Initiativen und Aktiven, die zum Zuge kommen und bei ihrer Umsetzung durch die Stadt unterstützt werden. Raumpiraten erobern Leerstände, freie Flächen oder einsame Ladenlokale und aktivieren Orte, um die sich aktuell keiner kümmert. Andere beginnen, Freiflächen zu bewirtschaften, um sich und die Nachbarschaft mit Lebensmitteln und Energie zu versorgen. Nach und nach entstehen ein neue Art der Selbstversorgung und eine Aussteigerkommune, an dem sich die Menschen finden, die der Konsumgesellschaft entfliehen wollen. Das „Village of Nature“ transformiert Barkenberg bis 2030 in ein urbanes Urlaubs- und Naturparadies. Aus der Kombination von naturnahmen Wohnen und dem Modell der Center Parcs entsteht dabei eines der ehrgeizigsten Tourismus- und Immobilienprojekte Europas. Die Kollektiven Raumunternehmer als drittes Szenario setzen auf das starke Vereinswesen in Barkenberg und die Wulfen-Konferenz als den Verein, der vielleicht in Zukunft alle Initiativen koordiniert. Die Bürger und Vereine nehmen bei dieser Idee die Situation selbst in die Hand. Aus dem Zusammenspiel kollektiver Aktionen und Impulse entsteht zum Beispiel eine perfekte Stadt für 60 plus. Anstatt dagegen zu wirken, wird der demografische Wandel einfach akzeptiert. Bürger ab 60 sind die neuen Zuzügler, alle Aktivitäten vor Ort fokussieren sich auf deren Bedürfnisse.

Strategien für Barrierefreiheit werden durch Vereine erarbeitet und Baugruppen kümmern sich darum, den Stadtteil bewohnergerecht umzubauen. Eine weitere Idee setzt auf neue Energieformen, die durch Vereine entwickelt werden. Die Ecocity nutzt dabei die Do-It-Yourself Bewegung. Durch das kollektive tüfteln an ökologischen Themen entsteht ein Energiepark mit gemeinschaftlichen und neuen hybriden Nutzungsstrukturen. Die Ökotopie entwickelt darüber hinaus ein lokales Kreislaufwirtschaftskonzept und macht Barkenberg zum Zentrum einer landwirtschaftlichen Region. In der lebhaften Diskussion unter Moderation von Dagmar Hoetzel, versuchten die Diskussionsteilnehmer, gemeinsam mit den Gästen Antworten darauf zu finden.

Eine zentrale Erkenntnis: Es ist notwendig, dass sich Politik mit möglichen Szenarien auseinandersetzt, denn „wir alle haben uns verändert“, so Swen Geiss, Professor an der Alanus Hochschule. „Unsere Ansprüche haben sich verändert und das betrifft die Bewohner genauso, wie die Rolle der Architekten sowie der Politik und der Verwaltung.“ Es geht also nicht mehr darum, dass die Stadt oder der Architekt die Lösungen mitbringt, sondern es braucht den gemeinsamen Dialog und das Aufzeigen von Perspektiven und Alternativen. Und im Mittelpunkt muss immer die Frage stehen „Wo wollt ihr als Bewohner hin?“. Hierfür präsentieren die Szenarien einen idealen Baukasten mit vielen Ideen, so waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig.

Gemeinsam gilt es nun, diesen weiterzudenken und zu überlegen, „woran und womit wir als Barkenbergerinnen und Barkenberger weiterarbeiten wollen“. Ob hierfür der Superbürgermeister der richtige Weg ist, wurde eher kritischer gesehen. Vielmehr steht und stand Barkenberg schon immer für ein besonderes zivilgesellschaftliches Engagement. Auf dieses gilt es auch in Zukunft stärker zu setzen. Der durch den Werkstattprozess angestoßene Dialog sollte deshalb nicht nur in den nächsten Tagen, sondern auch darüber hinaus gerne verstetigt werden, so Holger Lohse, Stadtbaurat der Stadt Dorsten. Damit dabei aber auch Neues entsteht und Barkenberg, wie schon einmal in der Vergangenheit Wege bereitet, müssen wir den praxisorientierten Dialog fortsetzen, schloss Jan Kampshoff den Abend.

Lesen Sie zu diesem Thema auch Die Lieblingsorte der Barkenberger
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