Interview mit Thomas Kufen: "Wir müssen raus aus dem Krisenmodus"

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Borbeck Kurier-Redakteurin Christa Herlinger im Gespräch mit Oberbürgermeister Thomas Kufen. (Foto: Stadtbildstelle)
 
Die aktuelle Situation beschert Essens neuem Oberbürgermeister eine Menge Arbeit. (Foto: Stadtbildstelle)

Noch hat er die ersten 100 Tage im neuen Amt nicht hinter sicher. Zeit für Antrittsbesuche und Kennenlerngespräche gibt es so gut wie keine. „Getroffen hab ich dennoch schon unglaublich viele Leute. Mitarbeiter, Vertreter aus dem Gesundheits- und Bildungsbereich und natürlich aus der Wirtschaft.“

Kennengelernt hat Kufen den Großteil dieser Leute auf Krisensitzungen. „Von denen hatte ich in letzter Zeit eine ganze Menge.“ Den Humor hat der neue Mann an Essens Stadtspitze noch nicht verloren. Und das, obwohl seine Arbeit als Oberbürgermeister en gros derzeit nur von zwei Themen bestimmt wird: „Den beiden großen ‚Fs‘: Flüchtlinge und Finanzen.“
Das zweite war bekannt, das erste in seiner Dimension kaum vorhersehbar. „Wir sind alle gefordert, die ganze Vewaltung. Da zählt der Bereich Bauen ebenso dazu wie der der öffentlichen Ordnung und Bildung. Nur gemeinsam können wir diese Herkulesaufgabe bewältigen.“
Bis Ende des Jahres mussten knapp 6.000 Flüchtlinge in Essen untergebracht werden. Zeltdörfer seien nicht mehr als eine Notlösung, betont Kufen. „Wir müssen Wohnraum schaffen und dabei Konzentrationen, die Entstehung von Parallelgesellschaften, vermeiden. Da sollten wird aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben.“
Dass sich die Lage schnell entspannt, die Flüchtlingszahlen spürbar sinken, das glaubt der Borbecker nicht. „Ab dem 1. Januar wird wieder neu gezählt. Und wie viele noch kommen, wissen wir nicht.“

Wellen schlagen derzeit hoch

Die Wellen schlagen hoch derzeit. Das gilt auch für die Diskussionen, die das neue Konzept der Verwaltung zur Unterbringung der Flüchtlinge entfacht hat. Kein leichter Stand für den neuen OB, auch nicht in seiner Heimat Schönebeck. Zur Prüfung hat der Rat dort Flächen im Hexbachtal ausgeschrieben. Eine Entscheidung wird im Januar fallen. Dann wird Tacheless geredet. Darüber ist sich Kufen klar. Doch es gehe um dauerhafte Lösungen. „Nur so bekommen wir die Lage in den Griff, nur so wird irgendwann die Integration der Asylsuchenden möglich.“ Die werde das weit größere Problem darstellen, ist sich Kufen sicher. Er weiß, wovon er redet, hat er als ehemaliger Intergrationsbeauftragter der Landesregierung (2005-2010) hinreichend Erfahrungen mit dem Thema.

Vorsprechen bei Bund und EU

Deshalb ist für ihn die Debatte um die Flüchtlinge auch keine, die auf kommunaler Ebene geführt werden muss. „Im Gegenteil, da ist in erster Linie der Bund gefordert und auch die EU“, so Kufen. Und an beiden Stellen hat der Essener Oberbürgermeister auch bereits vorgesprochen und auf die Probleme aufmerksam gemacht. „Es kann doch nicht sein, dass NRW mehr Flüchtlinge aufnimmt als Frankreich“, zieht Kufen als Resümee aus seinem Brüssel-Besuch. Dass Essen, die Stadt, für die er nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister die Verantwortung übernommen hat, ihr Gesicht verändern wird, daran lässt Thomas Kufen keinen Zweifel. Und auch daran, dass diese Entwicklung wie alles im Leben zwei Seiten hat. „Eine positive und eine negative.“

Mitarbeiter leisten tolle Arbeit

Positiv wird sich nach Ansicht von Kufen der Zuzug auf die demografische Entwicklung auswirken.“ Vor Probleme wird die anstehende Alphabetisierung die Kommunen stellen. „Nicht dass die Flüchtlinge nicht lesen und schreiben können“, erläutert Kufen die Hintergründe. Aber viele von ihnen stammen aus dem arabisch sprachigen Raum, haben die lateinischen Buchstaben bislang nicht erlernt.
Kufen wirbt für Verständnis bei den Bürgern seiner Stadt. Und würdigt in einem Atemzug das, was die Mitarbeiter der Verwaltung in diesen Tagen leisten. „Da kann ich nur den Hut ziehen, was da alles möglich gemacht wird.“ Dennoch müsse man irgendwann wieder aus dem Krisenmodus herauskommen. „Wir dürfen die anderen Aufgaben nämlich nicht aus den Augen verlieren: Und auch da warten eine ganze Menge.“
Keine leichte Zeit, gerade jetzt ein Amt wie das des Oberbürgermeisters zu übernehmen. Auch das ist dem Borbecker klar. „Ich hoffe“, räumt er freimütig ein, „dass mir trotz all dieser Probleme nicht die Fröhlichkeit abhanden geht.“ Der 42-Jährige will der bleiben, der er schon immer war. Amt hin oder her.
Ein klares Bekenntnis zur Authentizität. Das gilt auch für das Private. Aus seiner Homosexualität hat Kufen keinen Hehl gemacht. Auch im Wahlkampf nicht.
Am Nikolaustag hat er seinem langjährigen Lebenspartner das Ja-Wort gegeben. Das Datum war bewusst gewählt. „Denn an einem 6. Dezember haben wir uns auch kennengelernt.“

Sich nicht selbst verlieren

Morgen ist Heilig Abend. Für Essenens neuen OB das erste Fest als verheirateter Mann. Ein paar neue Laufschuhe hat er im letzten Jahr unter dem Baum gefunden. Verbunden mit dem Wunsch des Schenkenden, der Empfänger möge sich trotz großen Termindrucks die Zeit nehmen, etwas für sich zu tun.
Der Wunsch ist angekommen. „Ich bin mir schon bewusst, dass ich mich selbst nicht verlieren darf“, räumt der Schönebecker ein. Sein Büro hat er sich bereits ein wenig wohnlicher gemacht, so gut es ging. Aus dem Depot des Folkwang Museums gibt´s neue Bilder. „Als Leihgabe, selbstverständlich.“ Neu - und ebenfalls geborgt - sind auch die beiden Sessel aus dem Aalto-Theater. „Ich habe einen Leihschein für die Dauer einer Amtszeit“, berichtet Kufen. „Sollte ich wiedergewählt werden, werde ich mich sofort um eine Verlängerung bemühen.“
Die Rathaus-Türen haben sich bereits am Freitag für die Mitarbeiter der Verwaltung geschlossen. Bis zum 30. Dezember bleiben fast alle Dienststellen und Ämter geschlossen. Notdienste sind eingerichtet.
Für Thomas Kufen bedeutet Weihnachten Zeit für die Familie. Aber ganz loslassen wird ihn sein Amt nicht. Deshalb fallen auch seine Weihnachtswünsche in diesem Jahr ein wenig anders aus als in den Vorjahren. Weltfrieden steht ganz oben auf der Liste. „Hört sich pathetisch an“, erklärt er. „Aber hinter diesem Wort steht für mich die Hoffnung, dass wir es vielleicht doch noch irgendwie hinkriegen, dass auf dieser Welt Menschen verschiedener Religionen, egal ob Christen, Muslime oder Juden, friedlich miteinander leben können.“
Ein Wunsch, mit dem Thomas Kufen nicht alleine dasteht. Seine Erfüllung hätte für ihn aber direkte Konsequenzen. Zumindest, was eines der großen „Fs“ betrifft, die sein momentan sein Arbeitsleben bestimmen.
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3 Kommentare
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 22.12.2015 | 20:10  
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Otto Reschke aus Essen-West | 30.12.2015 | 09:10  
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Ursula Dotzki aus Essen-Nord | 30.12.2015 | 10:16  
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