Bäume fällen oder schützen?

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Gabriele Kipphardt: „Man sollte alles daran tun, diese Postkartenidylle zu bewahren!“ Foto: Bangert
 
Der Baum mit seiner abgebrochenen Spitze vermittelt kein schönes Bild. Foto: Bangert
Essen: Kettwig-Kurier |

Bei der Sitzung der Bezirksvertretung wurde angeregt über Kettwiger Bäume diskutiert


Den Kettwiger Stadtführern Helmut Wißler und Armin Rahmann, bekannt auch als Nachtwächter zu Kettwig, ist die geschädigte Zeder am Mühlengraben schon länger ein Dorn im Auge. Vor mehr als 30 Jahren wurden am Kettwiger Mühlengraben zwei Zedern gepflanzt, die zwischenzeitlich zu beachtlicher Größe herangewachsen sind. Beim Ela-Sturm 2014 wurde eine der Zedern in der Baumkrone stark beschädigt.

Nun beantragten die Kettwiger die Fällung dieser Zeder aus einer Vielzahl an Gründen: „Sie beeinträchtigt den ungehinderten Blick auf die Altstadt mit ihren denkmalgeschützten Häusern, der Baum mit seiner abgebrochenen Spitze vermittelt kein schönes Bild, letztendlich sind Zedern auch nun wirklich keine ortstypischen Bäume.“ Allerdings gestaltete sich der richtige Behördenweg als schwierig. Die Untere Landschaftsbehörde ist hier nicht zuständig, da es sich um eine städtische Grünanlage handelt, die somit ausschließlich im Zuständigkeitsbereich des Essener Grünflächenamtes liegt. Dieses Amt teilte aber nach einem Gespräch ihres Baumexperten Arne Thun mit den Herren Rahmann und Wißler mit: „Die Zeder wächst ursprünglich im nordafrikanischen Atlasgebirge. Atlaszedern sind schon seit sehr langer Zeit ein gestalterische Element in europäischen Parkanlagen, so wie auch viele andere, herkunftsmäßig hier nicht heimische, Baumarten. Die hier in Rede stehende Zeder hat einen umfangreichen Schaden durch den Orkan Ela erlitten, welcher sich nicht wieder durch zukünftige Zuwächse kompensieren wird.“

Das liebe Geld

Soweit, so gut, genauso empfinden es die Stadtführer auch. Aber nun die entscheidende Wende: „Die Stand- und Bruchsicherheit der Zeder ist weiterhin gegeben - nur der ursprüngliche Habitus nicht mehr. Seitens des Grünflächenamtes ist eine Fällung aus Gründen einer nicht mehr gegebenen Verkehrssicherheit nicht vorgesehen.“ Allerdings gäbe es ein Hintertürchen: „Es wird angeregt, eine Entfernung durch die BV IX beschließen zu lassen - letztendlich fallen dann Kosten außerhalb einer Gefahrenabwehr an, die die Bezirksvertretung zu tragen hat. Diese belaufen sich auf rund 500 Euro netto.“
Nun wandten sich die engagierten Kettwiger an die Bezirksvertretung, die angeregt diskutiere. Gabriele Kipphardt brach eine Lanze für das Anliegen: „Man sollte alles daran tun, diese Postkartenidylle zu bewahren! Wir sollten die Maßnahme unterstützen und die 500 Euro geben.“ Damit hatte allerdings Hans Joachim von Hesler-Wirtz von der neu gegründeten Bürgerlich-Liberalen Fraktion erhebliche Bauchschmerzen: „Der Baum vermittelt in der Tat kein schönes Bild, aber er ist nicht krank, es liegt keine Gefährdung vor. Als Privatmensch bekäme man keine Fäll-Genehmigung!“

Salomonische Entscheidung

Dem erwiderte Michael Nellessen: „Der Baum ist in der Hälfte gebrochen. Im Sommer liegen da Leute drunter, das ist mir zu gefährlich. Das Grünflächenamt regt ja auch eine Entfernung an, will sie nur nicht bezahlen. Vielleicht wäre eine Ersatzbepflanzung ein Kompromiss?“
Holger Ackermann mahnte, hier keinen Präzedenzfall zu konstruieren. Diese Gefahr sah Gabriele Kipphardt nicht, es handele sich um eine besondere Situation: „die Zeder steht in Kettwigs Vorgarten.“ Anna Leipprand von den Grünen konnte sich eine Fällerlaubnis durchaus vorstellen, wenn nachgepflanzt würde. So riet Bezirksbürgermeister Dr. Michael Bonmann zur salomonischen Entscheidung: Wegen des markanten Punktes wird ausnahmsweise der Fällung zugestimmt, gleichzeitig ein heimischer Baum gepflanzt, der nicht so schnell wächst, die Kosten dafür übernimmt die Bezirksvertretung. Dieser Vorschlag wurde bei zwei Enthaltungen der Bürgerlich-Liberalen Fraktion angenommen.

„Gefahrenbäume“

Dass die Bezirksvertretung um jeden Baum kämpft und nicht leichtfertig Genehmigungen zur Fällung verteilt, wurden bei anderen, von Bürgern als „Gefahrenbäume“ deklarierten, deutlich. Ein Thema, welches die BV seit Jahren verfolgt. Hier berichtete Michael Nellessen: „An der Bachstraße heben die Wurzeln schon das Pflaster hoch! Auch sind bereits Schäden entstanden, aus einem als sicher eingestuften Baum brach die Krone heraus, fiel auf Gartenmöbel und ein Auto, Sachschaden 3.000 Euro.“ Die BV hatte daher bereits im Januar den Rückschnitt der Bäume beschlossen, doch das Grünflächenamt zögert: „Ein externer Sachverständiger wird die Bäume noch hinsichtlich der zu gewährleistenden Verkehrssicherheit überprüfen. Danach wird sich entscheiden, welche fachlichen Maßnahmen erforderlich sind. Das Gutachten liegt voraussichtlich im Sommer vor. Vorab ist noch der zweite Vegetationsschub im Juni und Juli abzuwarten, um die Vitalität optimal zu beurteilen.“

Ein Kompromiss

Bei einer Platane an der Thiemannstraße versucht eine Hausgemeinschaft seit über zwei Jahren, den Baum, der auf einem städtischen Grundstück steht, beseitigen zu lassen: „Abgesehen davon, dass der Baum bei den Bewohnern Allergien verursacht, ist er kopflastig, es kommt zu regelmäßigen Windbruch und er hat seit Ela eine ungleiche Symmetrie, vor allem zur Straßenseite hin. Zudem gibt der Befall mit Massaria umliegender, teils bereits gefällter Platanen, Grund zur Sorge. Grün und Gruga war bereit, den Baum in einer Ausbildungsmaßnahme kostenneutral zu beseitigen, allerdings nur mit der Zustimmung des Oberförsters der Stadt, der jedoch in der Folge die Genehmigung verweigerte.“ Hierzu teilte das Grünflächenamt mit: „Die Platane wird alle vier Monate hinsichtlich eines möglichen Massariabefalls kontrolliert. Die letzten Kontrollen ergaben, dass keine Massaria feststellbar war. Auch sonst sind keine Defekte erkennbar die anzeigen, dass die zu gewährleistende Stand- und Bruchsicherheit vermindert oder nicht gegeben ist. Hinsichtlich des Sturmschadens erfolgt bei dem Baum noch eine Kronenkorrektur. Eine Entnahme der Platane aus Gründen der Verkehrssicherheit wird für nicht erforderlich erachtet.“ Das sei doch ein vernünftiger Kompromiss, meinte Michael Nellessen, Rückschnitt ja, Fällung nein.
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