Aus dem Affenkäfig in die Schulklasse

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    Krefeld: Zoo Krefeld |

Mobbing ist an vielen Schulen ein Thema. Doch wie geht man mit dem Thema um, von dem jeder zehnte Schüler in Deutschland als Opfer irgendwann in seinem Schulleben betroffen ist? Antworten auf diese Frage sucht und findet Biologe Patrick van Veen in der Verhaltensforschung. Seit mehr als zehn Jahren untersucht er das Verhalten von Gorillas und Schimpansen und gewinnt daraus Wissen, das sich oft auch auf Menschen übertragen lässt. Eine Kostprobe seines auf humorvolle und praxisnahe Weise dargebotenen Wissens gab der Gründer des niederländischen Unternehmens „Apemanagement“ im Zoo Krefeld.

Auf das Thema kam Patrick van Veen (44) in der Praxis. Der studierte Biologe stieg nach dem Abschluss seines Studiums zunächst in die Versicherungsbranche ein. Offen bekennt er: „Ich habe irgendwo einen Job gesucht.“ Doch schnell erwies sich der unkonventionelle Einstieg als Glücksfall für den Verhaltensforscher. Immer wieder habe er sich über das Verhalten von Kollegen und Vorgesetzten gewundert und sich über vier Jahre Notizen dazu gemacht. Irgendwann wurde er auf sein Notizbuch angesprochen und musste feststellen, dass die Beobachtung auf wenig Gegenliebe stieß. Van Veen revanchierte sich mit dem Buch „Hilfe, mein Chef ist ein Affe“ und machte sich als Managementberater und Trainer selbstständig.

Vor mittlerweile vier Jahren entdeckte van Veen ein neues Thema für sich. Er fragte sich, ob es auch bei Tieren Mobbing gibt. Den Zugang dazu wählte er nicht mit der Brille der Versicherungswirtschaft, sondern als Wissenschaftler. So stellte er fest, dass das Verhalten, für das es nur in niederländisch, deutsch und französisch eine eigene Vokabel gibt, bereits von Konrad Lorenz bei Tieren entdeckt wurde. Bei seinem Vortrag kommt Patrick van Veen mit seinen Zuhörern ins Gespräch. Er befragt einzelne zu ihren Erfahrungen und Sichtweisen und hat Abstimmungskarten verteilt. Mit einer grünen „Ja“-Karte und einer roten „Nein“-Karte werden die Zuhörer aktiviert und eingebunden. Fast schon mulmig wird den Teilnehmern als sie erfahren, dass weltweit nur drei Projekte nach den Gründen von Mobbing bei Menschen suchen. Viel besser erforscht und dokumentiert ist hingegen das Verhalten von Tieren. So wurde Mobbing-Verhalten bei Vögeln und Affen festgestellt, die wie Menschen in sozialen Strukturen leben


Zunächst geht es van Veen um das Erkennen von Mobbing-Verhalten. Der Vergleich von Lehrer- und Schülerbefragungen zeigt, dass in der Regel nur 20% des Mobbingverhaltens von den Lehrkräften entdeckt werden. Manchmal kommt es auch zu Verwechslungen, sodass Mobbing mit Streit, Neckerei oder ähnlichem verwechselt wird. Doch es gibt klare Unterschiede: Mobbing geht immer wieder los und trifft oft das immer gleiche Opfer. Ein weiteres Unterscheidungskriterium ist die Frage, ob ein Ziel verfolgt wird, denn bei Mobbing gibt es in der Regel kein klares Ziel. Auch dabei sind Affen ein guter Spiegel für das Verhalten von Kindern. In seinem Seminar zeigt van Veen verschiedene Fotos und Videos und erlaubt den Seminarteilnehmern so, das Verhalten von Tätern und Opfern besser zu erkennen. Dabei kommt es auch darauf an, was in einer Gruppe üblich und normal ist.

Während beim Menschen der Abstand von einer Armlänge als soziale Distanz üblich ist, liegt diese beim Gorilla bei drei bis fünf Metern. Wird diese Distanz verletzt, führt das zu Stress und Unzufriedenheit. Schon die Betrachtung eines einfachen Klassenfotos erlaubt dem Experten dabei erste Schlüsse, wer möglicherweise zu den Opfern von Mobbingverhalten gehört. Diese zeigen in der Regel ein Signalverhalten, an dem man die Betroffenheit erkennen kann, selbst wenn diese nicht ausgesprochen wird. Auch in der Arbeitswelt gibt es Mobbing. Studien aus den Niederlanden gehen davon aus, dass jeder 20. Angestellte betroffen ist und durch Krankschreibung und Produktivitätsverlust jedes Jahr ein Schaden von 4 Milliarden Euro entsteht.

Für Mobbing prädestiniert sind Wesen, die sich selbst als Individuen im Spiegel erkennen. Neben Menschen sind das Menschenaffen, Elefanten aber auch Delfine. Wenn Kinder zu Tätern werden, gehen diese in der Regel sehr geschickt vor. Sie tasten ab, welches Verhalten in der Gruppe und vom Lehrer geduldet wird. Durch die vorherige Prüfung, wer zuschaut, wird zudem die Wirkung manipuliert. „Kinder sind sich sehr gut bewusst was passiert“, erklärt Patrick van Veen. Er ist überzeugt, dass Täter und Mitläufer genau wissen, was sie tun. Mitläufer kalkulierten, was aus der Situation für sie geschehen könnte und würden ihr Handeln dann bewusst abwägen. Mobbing habe dabei nicht immer mit Gewalt zu tun. Auch kleine, wiederholte Dinge haben Folgen, so der Experte. Und noch eine Erkenntnis gibt zu denken: „Schweigen ist schlimmer als Schlagen!“ Für soziale Wesen ist der Ausschluss aus der Gruppe nach Ansicht des Referenten deutlich schlimmer als einmalige körperliche Gewalt. Affen seien in diesem Punkt angenehmer: „Tiere grenzen und schweigen nicht aus.“

Für Mobbing gebe es verschiedene Gründe. Für manche gleiche das Verhalten einem Lernprozess oder einer Entdeckungsfahrt, bei der die eigene Rolle aber auch die Gepflogenheiten in der Gruppe festgestellt würden. Bei Affen sei dieses Verhalten gerade bei Jungtieren zu beobachten. Ein anderes Motiv sei die Abgrenzung von Gruppen. Ein Problem in der Schule sei die unrealistische Erwartung, dass sich die im Schulsystem in einer Klasse zusammengewürfelten Schüler automatisch mögen würden. Auch das Testen der Reaktion des Lehrers gilt als häufiges Motiv. So versuchen manche Schüler herauszufinden, ob ihr Lehrer unterwürfig oder dominant reagiert. Manchmal gehe es auch darum, Dominanz zu zeigen. Der Weg vom Verhalten von Tieren und Menschen ist für den Biologen nicht weit. Und auch die eigene Erfahrung ist vorhanden. Van Veen bekennt, als Kind bei alten Leuten Klingelmännchen gespielt und sich an deren Wut und Zorn gefreut zu haben: „Das hat sehr viel Spaß gemacht.“ Helfen könne in Fällen wie diesen, das schädliche Verhalten zu ignorieren und dem Verursacher so die Freude zu nehmen.

Dann geht es zu den Affen. Patrick van Veen führt seine Seminargruppe zunächst zu den Gorillas. Die sitzen im für sie angemessenen sozialen Abstand von mehreren Metern im Gehege. Deutlich sichtbar sitzt der „Gorillachef“ an der besten Position. Diese ist an zentraler Stelle in der Gruppe oder in der Tür zum Futter. „Was beobachten Sie jetzt?“, fragt van Veen und ordnet das Verhalten der Tiere dann fachlich ein. Bei den Gorillas sei eine klare Struktur in der Gruppe wichtig. Nur wenn diese gegeben ist, könnten die Tiere in Ruhe leben. Auch der Lehrer solle eine klare Struktur setzen und wenn nötig zum Beispiel die Sitzordnung bestimmen. Auch sei es wichtig, einzugreifen, bevor Verhalten eskaliere. „Jedes Kind in einer Gruppe kann Opfer werden“, weiß van Veen und erzählt, dass Kraft, Größe, Schönheit oder Beliebtheit keinesfalls davor schützen könnten. Er erzählt, wie Kinder durch Anstarren mit den Augen mobben, andere durch wiederholtes Anstupsen unauffällig mobben und damit oft unter dem Radarschirm des ungeschulten Beobachters blieben.

Anders ist die Stimmung bei den Schimpansen. Schon auf Entfernung hört man diese schreien und umherlaufen. Seinen Gästen gibt Patrick van Veen den guten Tipp, nah an der Glasscheibe zu bleiben. Dort können die Affen die Gäste nicht mit ihrem gelegentlich geworfenen Kot erwischen. Doch auch hinter dem Glas haben die Affen ihre Besucher schnell entdeckt. Einer klopft an die Scheibe. Ein anderer rennt mit Anlauf auf die Gäste zu und springt vor die Scheibe. Dabei achten die Tiere genau auf die Reaktionen der Zoobesucher. Und auch bei den Schimpansen gibt es eine Struktur. So holt ein in der Gruppe weniger wichtiges Tier zunächst die Erlaubnis eines anderen ein, um dann auch gegen die Scheibe zu springen. Das schade den Tieren nicht, sei aber ein unerwünschtes Verhalten. Konzepte der Tierpfleger um dieses zu reduzieren seien aber oft durch den häufigen Kontakt der Tiere zu Zoobesuchern kaum wirksam.

Dann geht es wieder zurück in den Seminarraum. Dort beschreibt Patrick van Veen, dass es Mobbing immer schon gegeben hat. Aktuell eskaliere es aber schneller und weiter. „Es gibt keine Hemmung mehr“, resümiert der Biologe seine Beobachtungen. Dann geht es um den richtigen Umgang mit Mobbing. Manches Verhalten können seinen Reiz verlieren, wenn man es ignoriert. Manchmal könne auch eine Belohnung für erwünschtes Verhalten helfen. Diese wirke in der Regel besser als eine Strafe für schlechtes Verhalten. Überdenken solle man auch, ob man die Umgebung verändern und so für eine bessere Atmosphäre sorgen könne. Bei den Affen könne man zum Beispiel das Futter tiergerecht verstecken, statt es auf einen großen Haufen zu legen. In Schulen könne manchmal ein neuer Anstrich helfen. Auch die Gestaltung von Gebäuden sei wichtig. Ein Schulhof ohne unbeobachtete Ecken mache es den Lehrern leichter.

Eine gute Anti-Mobbing-Strategie habe mehrere Elemente. Zunächst sei es wichtig, das Verhalten der Schüler bewusst zu beobachten. Dabei soll man sich immer auf einen Teil der Gruppe konzentrieren. Hilfreich sei es, das Gesehene zum Beispiel in einem Tagebuch stichwortartig zu dokumentieren. Dann gelte es, das Verhalten einzuordnen und zwischen Mobbing, Necken, Spielen, Aggression und Dominanz zu unterscheiden. Helfen könne auch der Blick auf Übersprunghandlungen. So verbrächten Mobbingopfer dreimal so viel Zeit auf der Toilette wie ihre Altersgenossen. Auch häufiges Kratzen, Ritzen oder das Ziehen an der eigenen Kleidung gelten als Warnsignale. Mobber hingegen würden die Lehrkräfte oft ganz genau anschauen, um die richtigen Momente zu finden, um unentdeckt zu agieren. Wer sich bei der Einordnung von Verhalten nicht sicher sei, könne darauf achten, ob eine Versöhnung ausbleibt, ob keine klaren Ziele des Verhaltens erkennbar sind und auch ob es endlich ist oder immer weiter geht. Auch die Rolle der verschiedenen Beteiligten kann Hinweise geben. Die Dokumentation in einem wertneutralen Ethogramm helfe bei der Entscheidung über das spätere Handeln, denn nach der Beobachtung folgt die Klassifizierung des Erlebten. Im Kontext der eigenen Normen und Werte müsse man dann über ein Eingreifen entscheiden. Nichts zu tun sei das klare Signal „Das ist hier erlaubt“, warnt van Veen. In extremen Fällen müsse der Täter der Ansatzpunkt sein und ohne lange Diskussionen aus der Klasse oder sogar von der Schule verwiesen werden. Hilfreich sei es, sich in einer Schule bewusst mit dem Thema zu beschäftigen und zum Beispiel mit einer halbjährlichen Fragebogenaktion den Stand der Dinge zu erfassen. Schon das wirke als Prävention. Die komplett mobbing-freie Schule sei leider eine Utopie, gesteht Patrick van Veen ein. Eigentlich müsse man schon im Kindergarten damit beginnen, schlechtes Verhalten zu sanktionieren. Dort werde manches „Ekel“ heute oft noch mit der rosa-roten Brille gesehen und werde so in seinem Verhalten bestätigt und später für andere zum Problem. Ziel müsse es dennoch sein, Eskalationen zu vermeiden und die Verantwortung nicht weiterzugeben. Eltern, Lehrer und Schulleitungen sollten sich der Verantwortung stellen. Manchmal könne das Eingreifen ganz einfach gelingen: „Lehrer können mit den Augen und einem Nicken sehr effektiv kommunizieren – genau wie die Affen für Ruhe in der Familie sorgen“.
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