Sucht im Alter – ein Problem mit hoher Dunkelziffer

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Kreuzbund-Mitglieder bei ihrer Arbeitstagung „Senioren/55 plus“: Die Frage nach der Kunst des abstinenten Älterwerdens steht im Mittelpunkt.
Kreuzbund-Selbsthilfegruppen können helfen

Bei Alkohol und Drogen denken viele Eltern sofort an ihre Sprösslinge, die bei ihren nächtlichen Exzessen in Clubs und Diskotheken über die Stränge schlagen. Für einige der jungen Leute kann das der Start in eine Suchtkarriere bedeuten. Die Sorgen um den Nachwuchs sind deshalb groß. Viel weniger beschäftigen sich die Menschen mit den Suchtproblemen der älteren Generation. Denn über dieses Thema will keiner sprechen – sowohl die Betroffenen als auch deren Angehörige nicht. Darauf macht jetzt der Essener Kreuzbund aufmerksam, für den „Sucht im Alter“ in diesem Jahr ein Schwerpunktthema ist.

„Es handelt sich meist um eine verborgene Sucht, die stark tabuisiert ist. Die Dunkelziffer ist hoch. Öffentlich wahrgenommen wird die Abhängigkeit von Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen. Auch über die klassische Szene, zum Beispiel am Bahnhof, wird oft diskutiert“, erläutert Werner Frochte, Mitglied im Vorstand des Essener Kreuzbunds. Aber die Problematik der Sucht im Alter tauche in den Medien nur sehr selten auf. Hinzu komme, dass ältere Menschen aus Scham oft davor zurückschrecken, sich Hilfe zu holen. Sie seien skeptisch, ob sich jüngere Berater in ihre Situation hineinversetzen können.

Ältere Menschen werden schneller abhängig

Sucht im Alter ist meist eine Abhängigkeit von Tabletten und/oder Alkohol. Männer sind häufiger von Alkohol, Frauen häufiger von Medikamenten abhängig. 40 Prozent aller Abhängigen sind Frauen. „Insgesamt sinkt die körperliche Toleranzgrenze gegenüber Suchtstoffen im Alter – Abhängigkeit ist schneller erreicht“, hebt Frochte hervor.

Ältere suchtkranke Menschen haben weniger Zugangsmöglichkeiten zu Therapien. Das zeigt die Statistik. So sind die Patienten in der Suchttherapie selten älter als 55 Jahre. Da die jüngeren Menschen meist im Arbeitsleben stehen, haben die Rentenversicherungen großes Interesse an Rehabilitationsmaßnahmen. Zudem fehlt bei älteren nichtberufstätigen Kranken oft die soziale Kontrolle am Arbeitsplatz. Sie ist aber ganz besonders wichtig für einen ersten Anstoß, damit ein Suchtkranker eine Therapie anstrebt. „Die Behandlungsmöglichkeiten für ältere Betroffene haben sich allerdings in der Vergangenheit bereits verbessert. So gibt es heute mehr Angebote für diese Gruppe als noch vor zehn Jahren“, erklärt der Kreuzbund-Vorstand. Inzwischen existieren spezielle Gruppen für ältere Menschen in vielen Suchtkliniken. Und auch in den Selbsthilfegruppen treffen sich immer mehr ältere Abhängige. Inzwischen sind 16 Prozent der Kreuzbund-Mitglieder über 60 Jahre. „Die Erfolgsrate der Therapien ist bei älteren Abhängigen sogar höher als bei jüngeren“, sagt Frochte, der selbst seit mehr als 30 Jahren abstinent lebt.

Vertraulichkeit hat höchste Priorität

Vertraulichkeit und Anonymität nach außen wird groß geschrieben. „Jeder bestimmt selbst, ob und wann er sich outen möchte“, unterstreicht Frochte. „Da gibt es bei uns kein Pardon. Es muss sich also keiner Sorgen machen, wenn er zu uns kommt.“ Es geht in der Therapie und in der Selbsthilfe um das Wieder-Lernen der Fähigkeit, mit belastenden Situationen ohne Suchtmittel umzugehen. „Sucht hat mit verletzten Gefühlen zu tun, daher bietet die Therapie Möglichkeiten, Gefühle wie Leere, Langeweile, Einsamkeit, Trauer ohne Scham zu äußern“, erläutert Frochte. In der Behandlung benötigen ältere Abhängige mehr Zeit, ihre Lebenszusammenhänge darzustellen und belastende Ereignisse einzuordnen.
Deshalb hat der Kreuzbund Essen bereits vor einiger Zeit einen „Gesprächs- und Aktivkreis 55 Plus“ ins Leben gerufen. Dieser Kreis ist kein Ersatz für den Besuch einer „normalen“ Kreuzbundgruppe, sondern ein Zusatzangebot für Menschen ab 55 Jahren. Frochte: „Wir hatten festgestellt, dass ältere Gruppenmitglieder weitere Angebote wünschten. Sie ergänzen die wöchentlichen Gruppenabende und Aktivitäten wie Ausflüge, Fahrradtouren, gemeinsame Spaziergänge, Kegeln, Grillnachmittage, Weihnachtsfeiern oder unser traditionelles Fischessen am Aschermittwoch.“
Erfolge können sich sehen lassen

Insgesamt sprechen die Erfolge von Selbsthilfegruppen in der Suchttherapie für sich. Erhebungen zeigen, dass mehr als 80 Prozent der Suchtkranken, die regelmäßig eine Selbsthilfegruppe besuchen, dauerhaft abstinent leben. Dieses Ergebnis belegt die äußerst effektive Arbeit der Gruppen und ihrer Mitglieder. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Rückfälligen zu 80 Prozent mit Hilfe der Gruppe wieder stabilisiert werden können.
Größter Verband seiner Art

Der Kreuzbund e.V. ist der größte Suchtkrankenselbsthilfeverband in Deutschland. Mehr als 500 Mitglieder treffen sich - allein in Essen - wöchentlich über 20 Gruppen zu ihren Sitzungen. Deutschland weit sind es etwa 28.000 Menschen in rund 1.400 Gruppen.

Informationen unter www.kreuzbund-stadtverband-essen.de
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