"Wir müssen in die Zukunft schauen!" "Bezirksversteher" Hanslothar Kranz wird 80 – na und?

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1963: Hanslothar Kranz wird vom späteren OB Horst Katzor (r.) in das Amt des Werdener Bürgerausschuss-Vorsitzenden eingeführt. An der Wand wacht der heilige Ludgerus über die Zeremonie.

Mittwochnachmittag, 15.25 Uhr Werdener Ortszeit. Im dortigen Rathaus läuft der Countdown, noch gut achteinhalb Stunden, dann wird „der Hanslothar“ 80. Achtzig. „Du meine Güte“, denkt man, dann: „Wo lässt er die ganzen Jahre?“ Ein reger Geist, der zu erzählen weiß. Deswegen dauert das Interview auch länger. Macht aber nix.

Hanslothar Kranz blättert in seinem umfangreichen Archiv, überfliegt alte Zeitungsauschnitte, durchstöbert Fotos, weiß zu alles und jedem etwas zu berichten. Das wird nie langweilig, denn er ist ein beredter Zeitzeuge, holt längst vergessen geglaubte Menschen wieder zurück ins Licht. Dabei merkt man schnell, wen Hanslothar mag und wen nicht.
Mit Horst Katzor verband ihn eine Freundschaft. Nicht nur, dass er als 28-jähriger „Jungspund“ durch den späteren Oberbürgermeister Essens ins Amt des Werdener Bürgerausschuss-Vorsitzenden eingeführt wurde. Nein, Hanslothar Kranz betrachtet 52 Jahre später die gerührt die vergilbten Fotos und weist auf einen grimmig schauenden Herrn: „Das war der Willi Gottlob, damals mein Stellvertreter. Ein hervorragender Sozialdemokrat!“ Überhaupt: Flüssig sprudeln ihm die Namen der alten SPD-Leute von der Zunge, die damals bei einem Geheimtreffen verraten wurden und von den Nazis gegängelt.

Ein guter Rat

Ein guter Rat eines alten SPD-Ratsherrn: „Hanslothar, du wirst was in deiner Partei. Aber du musst immer für den kleinen Mann da sein. Die anderen können sich einen Rechtsanwalt leisten…“ Noch heute beherzigt Kranz diesen Spruch, schaut seinen Mitbürgern aufs Maul und richtet danach sein politisches Schaffen aus.

Hanslothar und das "C"

Zurück zu Horst Katzor. Der war auch „Sozi“, die beiden Politiker verstanden sich dennoch bestens. Gerne erzählt Kranz von Besuchen im Katzor‘schen Heim hinterm Heidhauser Rathaus, der beindruckenden Weinsammlung. Denn sein Leitspruch ist „über die Parteigrenzen hinweg“, hier meint er besonders die „staatstragenden Parteien“, nämlich die SPD und „seine“ CDU. Hanslothar ist ein Christdemokrat. Wie aus dem Buche: „Bei mir zählt das C für christlich noch!“ Oha, ein Seitenhieb auf den einen oder anderen Parteikollegen? Angst, sich den Mund zu verbrennen, hatte dieser aufrechte Demokrat nie. Auch wenn er sich dafür eine blutige Nase holt. Werdener Verkehrskonzept? Hier mahnt er an, nicht wie geplant die Werdener Nordstadt durch eine zur „Autobahn“ ausgebaute Abteistraße abzuschneiden. Sein Credo: „Wir von der CDU haben uns immer dadurch ausgezeichnet, dass man die Minderheiten mitnimmt!“ So war und ist sein Kampf für die Flüchtlinge in den 90ern und momentan vielleicht ein einsamer, aber das ist ihm so was von egal.

Schreiner, Maurer, Bauingenieur

In Duisburg geboren, siedelte der kleine Hanslothar mit der Familie nach Werden um, ging in die Luciusschule und auf die Ludgerusschule. Dann kam die Schreinerlehre bei Döllken, später eine Maurerlehre bei Frielingsdorf, 1959 machte er sein Examen als Bauingenieur. Sein Spezialgebiet: Flachdächer. „Sie haben mich scherzhaft Flachdachpapst des Ruhrgebietes genannt!“ Immer ging der Beruf vor, deswegen wurde es auch nix mit dem Landtagsmandat. Diese jungen Berufspolitiker, die hat er gefressen. „Kreißsaal-Hörsaal-Plenarsaal“ - dieser Weg war nie der seine. Der ewige Junggeselle hat seine Bestimmung in der Politik gefunden, die ihm viel gab.

Posten und Ehrenämter

All‘ die Posten und Ehrungen aufzählen? „Wie viel Zeit hast Du?“
Also gut, im Eildurchlauf. Chef der Werdener CDU? Seit 52 Jahren. Vorsitzender von Bauausschuss und Aufsichtsrat der Allbau AG. Bundesverdienstkreuz. Ehrenplakette der Stadt Essen. Immerhin war Kranz von 34 Jahre lang Bezirksvorsteher und -bürgermeister, seit 1969 Ratsherr. Ehrenamtlicher Verwaltungsrichter. Ehrengabe des Kommunalverbandes. Dort war Kranz Vorsitzender der Verbandsversammlung, im Grunde also Bürgermeister des Ruhrgebiets. Jetzt ist der dort Alterspräsident.

Ruhr 2010

Sein absolutes Highlight: 2004 gab es eine Kampfabstimmung, ob Essen oder Bochum sich als Europas Kulturhauptstadt bewerben sollte. Hanslothar muss grinsen: „Es gab 46 Wahlberechtigte, aber zwei waren krank. Mit allen anderen habe ich gesprochen - am Ende waren 21 pro Bochum und 23 pro Essen!“ Die Kulturhauptstadt kam, Hanslothar immer mittendrin. Er trägt zum Interview das hellblaue „Ruhr 2010“-Shirt.
Seine Projekte? Das Werdener Hallenbad, Hanslothar kramt die Einladung hervor, er sammelt halt alles: „Am 27.8.1969 war der erste Spatenstich. Tja, so haben wir viele Dinge auf den Weg gebracht!“ Die Sporthalle im Löwental, der spätere Ausbau der Außenanlagen, Ludgerusbrunnen, „besonders für den Kettwiger Skulpturenpark habe ich mich wahnsinnig eingesetzt“. Und so weiter und so weiter.


Gegenwind

Doch dann kam einiges an Gegenwind. Bebauung Grüne Harfe? Schließung Volkswald? Ewig lange Kanalbaustelle? Kranz bekam Haue, nicht zu knapp. Die Wahlergebnisse im katholischen Werden schwächelten, dann kam der bittere Moment, da er als Vorsitzender des Bauausschusses in Sachen Parkpalette von seinen eigenen Leuten überstimmt wurde. Das war zu viel.

Parteisoldat

Plötzlich sollte er kein Bezirksbürgermeister mehr sein? Dann sollte er nach 45 Jahren nicht mehr für den Rat kandidieren? Hanslothar Kranz war immer Parteisoldat bis zur Selbstverleugnung, aber wie da mit ihm umgesprungen wurde? „Nein“, lächelt der Jubilar tapfer, „es wurde Zeit, ich bin ja nicht mehr der Jüngste. Obwohl, eine zehnte Amtszeit im Rat wäre schon schön gewesen…“ Doch er mag nicht nachkarten: „Um Gottes Willen, wir müssen in die Zukunft schauen!“ Eine ungewöhnliche Bemerkung für einen 80-Jährigen, aber genau richtig für Hanslothar Kranz.

So, jetzt sind zwei Stunden rum, der Ehrentag naht, man geht auseinander: „Bis demnächst!“ Aber sicher doch, Hanslothar.

„Herzlichen Glückwunsch!“

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