Der Kegelclub „Neuntöter“ wird stolze 100 Jahre alt

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v.l.n.r.: hinten Dr. Michael Bonmann, Dr. Dietmar Rudert, Alfred Fiedler, Wolfgang Hüsgen, Georg Weber, Wulf Willig, Wolfgang Grünig. vorne Helmut Stiepel, Rolf Hochfeld, Reinhold Munsch, Horst Homberg.

Seit 1904 ist Joseph Breuer Bürgermeister der Stadt Werden - der letzte seiner Art. Bis zur Eingemeindung nach Essen 1929 bleiben dem kleinen Abteistädtchen noch 16 Jahre „Freiheit“. Die Männer vom Katholisch-Kaufmännischen Verein (KKV) sind ein wenig enttäuscht, denn es schüttet wie aus Kübeln, die Fronleichnam-Prozession ist abgebrochen.

Man will sich aber nicht trennen. So früh nach Hause? Nö! Da hat Karl Albermann die Idee: „Lasst uns doch kegeln!“ Gesagt, getan. Die Bahn im Kolpinghaus wird unsicher gemacht, kurzerhand gründen die Werdener einen Kegelclub: Die „Neuntöter“. Der Ursprung des Namens ist schnell erklärt - beim Kegeln geht es halt darum, die „Neun“, also alle neun Kegel, zu „töten“, sprich umzuwerfen.
Der genaue Termin der Geburt ist auch festgehalten, es war an einem 22. Mai. Das Jahr? Ein ganz wichtiges, ein Vorkriegsjahr. 1913. Ein Jahr voller Aufbruch und Energie. So eröffnet Anna Albrecht, die Mutter von Karl und Theo, am 10. April ein Lebensmittelgeschäft in Schonnebeck . Am 31. Mai wird Peter Frankenfeld geboren - für viele Deutsche „der“ Showmaster. Er wird die Fernseh-Unterhaltung revolutionieren.

Ältester Kegelclub in Essen

Hundert Jahre sind nun seit diesem schicksalshaften 22. Mai 1913 ins Land gezogen, die „Neuntöter“ sind somit der älteste Kegelclub Essens, sogar einer der ältesten in ganz Deutschland.
Karl Albermann war natürlich auch der erste Präsident, ihm folgte 1921 Ludger Fendel, der bis 1967 erster Kegler war. Dann übernahm Heinz Weilekes das Zepter, wurde 1973 von Ludger Hüsgen abgelöst. Seit 1978 ist Rolf Hochfeld der „Präses“ .

"Bildungsreisen"

Gesellig und spaßig geht es zu, die Touren sind Legende. Alle fünf Jahre geht es auf Städtereise, Berlin, Wien, Hamburg, Prag… „Aha“, meint der Kenner, „auf Bildungsreise!“ Naja, die Kegler sind da ehrlich: „Bei uns liegt der Schwerpunkt vom Wissens-Durst mehr auf dem zweiten Wort…“ Immerhin ging es für die fidelen Bahnsportler noch nie an den „Ballermann“, da sind sie eisern. Lieber waren ihnen da Fahrten in deutsche Weinbaugebiete. So ein Gläschen in Ehren…
Dort wurde oft auch Unfug getrieben. Einmal wären die Werdener bei einem Weinfest fast verhaftet worden, da ein Scherzbold einen Abreißblock mit falschen Fünfern und Zehnern hergestellt hatte.

„Achtung Falschgeld!“

Die Frau vom Wurststand akzeptiere zunächst, schaute dann aber genauer hin und alarmierte die Polizei. Ab auf die Wache! Der junge wie gestrenge Ordnungshüter nahm das Protokoll auf, das „Falschgeld“ wurde beschlagnahmt, da schlenderte ein älterer Polizist herein, erkannte die Situation und löste sie resolut auf: „Kollege, Du musst noch viel lernen. Und Ihnen, meine Herren, noch viel Spaß!“
Ein anderes Mal hatte der Kassierer seinen Koffer auf dem Bahnsteig stehen lassen, eilte kurz aus der Bahn, um sein Gepäck zu holen, da rollte der Zug Richtung Düsseldorf davon. Die Stimmung in der Bahn war getrübt. Kein Kassier, kein Koffer, keine Tour-Kasse: „Wer soll das bezahlen?“ In Düsseldorf angekommen, wartete schon gespielt-gelangweilt der Kassierer auf seine Kegelbrüder, war von Mietwagenfahrer Willi Lüning in höchstem Tempo in die Landeshauptstadt gefahren worden: „Seid Ihr immer so langsam?“ Die Kasse war wieder da, die Tour gerettet!
In diesem September geht es übrigens ins Ahrtal, es ist die die 60. Kegeltour der Neuntöter, da wird Helmut Stiepel sicherlich die eine oder andere neue Anekdote für seine Club-Chronik dazu bekommen.

2619 Kegelabende

Und der Sport? Wird großgeschrieben, nur eben nicht verbissen gesehen. Alle 14 Tage mittwochs rollt die Kugel, zunächst werden „Kegelkönig“ und „Vizekönig“ ausgeworfen. Die Beiden stellen dann ihre Teams zusammen, so ist stets ein fairer Wettbewerb zweier ausgeglichener Mannschaften möglich. Seit 100 Jahren funktioniert das prächtig, der Chronist hat nachgezählt: „Bisher haben insgesamt 62 Mitglieder vom Gründungstag bis heute stolze 2619 Kegelabende durchgeführt!“ Respekt!
Heutzutage funktioniert alles vollautomatisch, doch früher mussten Jugendliche die umgefallenen Kegel mit der Hand aufrichten. Auch Rolf Hochfeld hat sich als „Kegel-Bursche“ ein wenig dazu verdient: „Wir bekamen pro Stunde eine Mark fuffzig und eine Sinalco“. Viel Geld damals. Aber man konnte auch bei den Alten zuschauen, wie sie ihre geschickten Würfe ansetzten, da gab es viel zu lernen.
Die Wirte sind gekommen und gegangen, der Kegelclub blieb. Meistens im „Schwatten“. Dort wird auch jetzt noch der Zapfhahn zum Glühen gebracht, denn in schöner Regelmäßigkeit werden Runden geschmissen. Die nette Bedienung bringt den Nachschub, es ertönt ein mächtiges „Silentium!“

Der Zapfhahn glüht

Alle verstummen, denn Präsident Rolf Hochfeld setzt zu einem Trinkspruch auf den edlen Spender an. Wie immer mit Pfiff, treffend und lustig. Der Präsident weist noch darauf hin, dass „wir noch nie jemanden mit Gewalt davon abgebracht haben, eine Runde zu geben!“ Dann wird gesungen: „…Unsren besten Dank dafür, Dankeschön, Dankeschön!“ Auch hier ist es wie beim Kegeln: manche können es, manche sind durchaus noch lernfähig.
Bezirksbürgermeister Dr. Michael Bonmann fühlt sich wohl: „Bei Ihnen lebt die Gemeinschaft, nicht nur die sportliche. Alles Gute für die nächsten 20 Jahre!“ Dann halten die „Neuntöter“ wieder die Gaststätte auf Trab, Vereinswirt Michael Deumlich zapft, muss dabei lächeln: „20 Jahre schaffe ich vielleicht noch, aber weitere 100 Jahre halte ich nicht durch!“ Die Neuntöter schon. Locker!
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