Die Luft war voller Gewürze

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Verschnaufpause während des Spaziergangs durch Damaskus – nicht für Rafik Schami. Er nutzte die Zeit , um die Bücher seiner Fans zu signieren.
 
Die Buchhändlerin Anneliese Strawitzki aus Buer besitzt jetzt alle Schami-Bücher und alle sind sie signiert.
Gelsenkirchen: Consol Theater | Rafik Schami erzählte von einem Damaskus, das es heute nicht mehr gibt

Ein Spaziergang im Spannungsbogen eines Krieges auf der einen und einer Welt voller orientalischer Geschichten auf der anderen Seite – kann das unterhaltsam sein? Es kann und wurde im Gelsenkirchener Erzählfrühling mit dem syrischen Autor Rafik Schami, der am vergangenen Samstag im Consol Theater poetisch wie politisch zu berühren wusste.


Der kleine Stehtisch mit der Flasche und dem Wasserglas wirkte auf der leeren schwarzen Bühne im Consol Theater ein bisschen verloren. Als Rafik Schami die Bühne betrat und der Applaus in dem ausverkauften Haus hochbrandete, verschwanden Bühne und Tischchen in den Hintergrund und der Meistererzähler projizierte mit seinen Erinnerungen an das Damaskus seiner Kindheit Bilder über Bilder in die Köpfe der Zuhörer.

Vor dem Heiteren kam der Ernst

Zuvor jedoch unternahm er mit ihnen einen Exkurs in die momentane und vergangene Kriegsrealität der syrischen Hauptstadt. „Damaskus ist 12.000 Jahre alt, hat Krieg und Katastrophen überlebt und sich wieder aufgerichtet“, sagte er. Er berichtete von korrupten Sippen, die das ganze Land in den Untergang und letztendlich jetzt Tausende Kinder in Flüchtlingslager trieben, wo sie Jahre ihres Lebens verlieren und nur noch lernen zu überleben. Ihnen zu helfen, hat sich in Tübingen ein gemeinnütziger Verein gegründet, der Flüchtlingskindern in Lagern in Jordanien, Türkei und im Libanon helfen will, mehr als Überleben zu lernen. Einzige Bedingung: „Wir unterscheiden nicht nach Religion.“ (Schami).

Danach wurde es heiter. Es begann mit den Eigenheiten der Araber, die Rafik Schami dem Publikum nahe brachte, denn um Damaskus mit den richtigen Augen zu sehen, müsse man die Araber verstehen. Diese hätten immer die Wüste im Hinterkopf und wenn es dort keine Malerei gebe, dann solle man sich doch mal fragen, was die Wüstenbewohner malen sollten: Gelb in vielfacher Schattierung? „Bei uns hat das Auge nicht viel zu tun, dafür bewegt sich der Mund umso mehr.“ Indirekt verrät Schami damit, warum der Orient das Land der Geschichtenerzähler wurde. Wenn man sicht trifft, dann werden Gerüchte ausgetauscht, und des Nachts vor dem Schlafen überlegten die Damaszener, wieviel Gerüchte sie empfangen und verbreitet haben. „Drei Gerüchte empfangen, vier verbreitet“, erinnert sich Schami an seine geschwätzige Tante, „dann war der Tag in Ordnung.“
Beim Spaziergang durch Damaskus verwob Schami seine Beschreibung von Gebäuden und den verwinkelten Gassen mit Erinnerungen an Menschen und Ereignisse aus seinem Leben.

Hörer wandelten in Schamis Welt

Und wenn man sich in seine Geschichten vertiefte, konnte man schon bald die Gewürze über den Gässchen riechen und die Farbenprächtigkeit der Umgebung ahnen. „In unserer Straße gab es ein Anislager. Von dem Geruch nach Ouzo wurde man richtig betrunken. Ich habe meinen Freund beneidet, in dessen Straße es ein Majoran-Lager gab.“

Man sah den kleinen Jungen Rafik, der auf eine katholische Eliteschule ging und es hasste, krank zu werden - „Da sitzen die Familienangehörigen in Zweierreihen vor dem Bett und man wird feucht geküsst.“ Und er hasste es, samstags zu beichten. „Wieviele Sünden sollte ein Zehnjähriger schon begangen haben?“ und so ließen sich die Jungen immer Sünden einfallen, die der Pfarrer dann entsprechend bestrafte: „Äpfel klauen war am billigsten“, erinnert sich der Erzähler. „Ich stahl so viele Äpfel von Bäumen, die es gar nicht gab, dass ich später keine Äpfel mehr mochte.“ Es hätte keinen Sinn gehabt, zu sagen, dass es keine Sünden gab. Das legte der Pfarrer Johannes als Hochmut aus und ... auch dafür gab es eine saftige Strafe.
Eine Liebeserklärung machte Rafik Schami auch seiner Mutter, die seine kleinen Mogeleien mit Witz und Mutterinstinkt immer entlarvte.

Die zwei Stunden mit dem Erzähler vergingen wie im Flug und neben dem Staunen, wie jemand so bildgewaltig und frei erzählen kann, erntete der Erzählfrühling viel Lob. Anneliese Strawitzki hat Rafik Schami das erste Mal vor 25 Jahren in Essen erlebt. Jetzt, bei der zweiten Begegnung schwärmte sie nicht nur von seiner Art zu erzählen. Sie freute sich auch über neue „Schami-Bücher und darüber, dass jedes davon signiert ist.
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