„Frauen - Traut Euch!“

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Die Büste und der Kerzenleuchter gehören jedes Jahr ebenso zum Frauenempfang der Stadt Gelsenkirchen dazu wie die roten Rosen. Foto: Kurt Gritzan
 
Andrea Schumann, Melek Topaloglu, Moderatorin Katja Leistenschneider, Claudia Hagel und Andrea Kramer im Gespräch. Foto: Kurt Gritzan
 
Chansonette Maegie Koreen sang natürlich Lieder ihres großen Vorbildes Claire Waldoff. Das Gelsenkirchener Kind machte einst Karriere in Berlin. Foto: Kurt Gritzan
 
Am Ende der Veranstaltung gab es rote Rosen für die Frauen, natürlich überreicht durch Oberbürgermeister Frank Baranowski. Foto: Kurt Gritzan
Gelsenkirchen: flora |

Der diesjährige Empfang der Stadt Gelsenkirchen zum Internationalen Frauentag stand ganz im Zeichen von „Neue Frauen hat die Stadt“. Denn mehr als 100 Jahre nach dem ersten Internationalen Frauentag hat sich das Bild der Frauen arg gewandelt, auch wenn noch längst nicht eitel Sonnenschein zu finden ist in Sachen Gleichberechtigung.

"Begleiter" im mehrfachen Sinne gesichtet


Bemerkenswert war gleich zu Beginn der Veranstaltung in der „flora“, dass sich gleich mehrere Männer dorthin verirrt hatten und Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski nicht der „Hahn im Korb“ war. Doch die anderen Herren entpuppten sich schnell als „Begleiter“, entweder auf dem Klavier oder im Leben.

Ein "Bachelor" will der OB nicht sein


In seiner Rede bewies das Stadtoberhaupt Humor, weil er sich in die Rolle des Bachelor versetzt fühlte, der am Ende der Veranstaltung die Rosen an die Frauen verteilte. Doch damit hatte es sich auch schon mit den Vergleichen zu dem TV-Format. Denn nicht nur, dass der Oberbürgermeister noch zu Zeiten anderer Hochschulabschlüsse studiert hat, er möchte sich auch nicht konform erklären mit den „teilweise arg rückwärtsgewandten Rollenbildern des deutschen Privatfernsehens“. Und das ist gut so!
Dabei erinnerte Baranowski an die vom Bundestag beschlossene Frauenquote in Aufsichtsräten, die mit der Zeit ihre Kreise ziehen und viele Nutznießerinnen haben wird. Doch dazu müssen die Frauen auch selbst etwas tun und nicht nur auf weitere gesetzlich vorgegebene Schritte warten.

Die Gefahren des Privatfernsehens und seines Frauen-Rollen-Bildes


Oder wie Frank Baranowski noch einmal an das Privatfernsehen erinnerte: „Wenn man sieht, mit welcher Hingabe und welchem Pflichtbewusstsein sich junge Frauen den Körperbildern einer Casting Show unterwerfen, dann bekommt man doch Sorge, ob uns ein echter kultureller Rückschritt droht. Ob bereits Erreichtes wieder auf dem Spiel steht. Ob da eine Entwicklung im Gang ist, die der politischen entgegenläuft.“

Gestandene Frauen bringen Kind und Kegel und den Job unter einen Hut


Bei den anwesenden Frauen stieß er damit auf vollste Zustimmung und vor allem vermutlich bei den „Neuen Frauen“. So stellten im Rahmen einer Podiumsdiskussion Melek Topaloglu, Andrea Schumann-Gregorius, Claudia Hagel und Andrea Kramer ihre Lebenswege vor.

Andrea Kramer - eine Exotin in ihrem Metier


Moderatorin Katja Leistenschneider stellte Andrea Kramer, die künstlerische Leitung des Consol Theaters als Beispiel des Typus der neuen Frau vor. Und Kramer kann dem nur zustimmen, denn „es gibt bundesweit nur etwa eine Handvoll Frauen, die am Theater inszenieren und gleichzeit Mutter sind, weil das eigentlich eine Unvereinbarkeit ist, denn ein Künstler will kein strukturiertes Leben, sondern sich einfach nur seinem Schaffen widmen. Kinder hingegen brauchen Strukturen.“
Das bedeutet, dass die ausgebildete Tänzerin, die aber nicht mehr nach der Pfeife der Regisseure tanzen, sondern selbst bestimmen wollte, was und wie getanzt wird, pro Jahr drei bis vier Stücke inszeniert, die jeweils acht bis neun Monate bearbeitet werden und bei denen in den letzten vier bis sechs Wochen Arbeitstage mit acht Stunden auf dem Programm stehen. „Die Familie kennt das nicht anders. Ab und zu geht sie zwar auf die Barrikaden, aber sie weiß, dass die Inszenierung gerade Vorrang hat“, lacht Kramer.
Im Gegenzug kann die Regisseurin aber auch nicht arbeiten, wenn sie ihre Familie nicht in ihrer Nähe hat. „Das macht mich zu einem Exoten in dem Metier. Aber meine Familie erdet mich und holt mich raus aus dem Elfenbeinturm, in den sich ein Künstler schon mal verirrt“, weiß die Frau, die sich ihren Traum erkämpft hat. Denn als Kinder einer badischen Winzerfamilie wuchs sie bodenständig auf. „Meine Eltern forderten nie eine Zensur unter einer Zwei und dann dürfe ich tun, was mir gefällt.“

Melek Topaloglu - mehr als nur eine Quoten-Frau


Melek Topaloglu, die Vorsitzende des Integrationsrates der Stadt Gelsenkirchen, hat andere Erfahrungen gemacht. Sie wurde gefragt, ob sie sich oft fühlt als Quoten-Frau und Quoten-Migrantin?
„Ich bin in erster Linie Gelsenkirchenerin, denn ich leben seit meinen fünften Lebensjahr hier“, schilderte die Bankkauffrau und Pädagogin, die im Integrationsrat stets versucht, einen Konsens zu finden, wenn die Wogen hoch schlagen zwischen den 31 Mitgliedern der unterschiedlichsten Parteien und Herkunftsländer.
Als ältestes von fünf Kindern wurde sie von der Mutter früh zur Hilfe herangezogen während der Vater auf Montage arbeitete. Neben Gängen als Dolmetscherin zu Ämtern und Schulen, musste die kleine Melek ihrer Mutter auch deren Lieblingsserie „Dallas“ in türkische übersetzen und das immer dienstagsabend ab 21.45 Uhr. Doch geschadet hat es ihr nicht.
Dass sie nach dem Abitur eine Lehre zur Bankkauffrau absolvierte, war ein Zufall. Viel lieber hätte sie Journalismus studiert, später studierte sie Kommunikationswissenschaften und brach ab, weil sie Mutter wurde. „Das Kind bedeutete eine schöne Pause, weil ich nur für das Kind da sein wollte. Doch als mein Sohn in den Kindergarten kam, fehlte mir etwas“, erzählt Topaloglu.
Sie startete Projekte im Kindergarten wie eine zweisprachige Bücherei und kam so zur Pädagogik. Die Ehrenämter sind geblieben, das Kind ist inzwischen groß und jetzt möchte Melek Topaloglu noch etwas in die Rentenkasse einzahlen und einem sozialversicherungspflichten Job nachgehen.

Andrea Schumann - Von der Spitzenposition zurück ins Familienglied


Diese Phase hat Andrea Schumann-Gregorius hinter sich. Wie sie selbst sagt, war sie in ihrem ersten LebenBankkauffrau oder besser gesagt Senior Relationship Managerin einer großen Bank, das war bis 2013. Jetzt in ihrem zweiten Leben ist sie die Pressesprecherin des A-Kaders der Schwimmer der Startgemeinschaft Gelsenkirchen, im Schulförderverein, der Friedrich-Ebert-Stiftung und im Soroptimist International tätig.
Außerdem hat sie zwei Kinder und pflegt ihre Eltern und Schwiegerelter und genau das brachte sie nach Gelsenkirchen, weil hier der Schnittpunkt liegt zwischen den Lebensorten der Eltern. Acht Jahre lang pflegte sie beide Elternpaare neben dem Beruf und ihrer eigenen Familie, dann beschloss sie, dass sie nach 30 Berufsjahren nicht mit 49 einen Herzinfarkt erleiden möchte und gönnte sich eine Auszeit vom Beruf.
Gelsenkirchen hatte aber noch mehr zu bieten als nur die geographische Lage. Die beiden Töchter sind begeisterte Schwimmerinnen und gehen hier in der Startgemeinschaft auf. Und sehr zur Freude von Oberbürgermeister Frank Baranowski schilderte Andrea Schumann, dass sie sich in mehreren Kommunen erkundigt hatte wegen passender Schulen für die Töchter und mehr. „In Gelsenkirchen war das einfach top! Innerhalb von drei Tagen hatte ich Termine bei allen relevanten Schulleitern. Und dann kommt noch der Schalke-Faktor hinzu“, lacht die Bankerin, die bereits ihr drittes Leben ansteuert und schon wieder „nebenbei“ in einer Rechtsanwaltskanzlei tätig ist.

Claudia Hagel - von der Maschinenschlosserin in die Chefetage


Extrem bodenständig gestalteten sich die Anfänge der heutigen Geschäftsführerin des Sozialwerk St. Georg Claudia Hagel. Sie war die erste weibliche Auszubildende zur Maschinenschlosserin bei der Deutschen Bahn. „Das war in Frankfurt und ich wollte einfach ein Handwerk lernen, einen guten Abschluss machen und die erlernten Kenntnisse für mein Hobby, das Motorradfahren nutzen“, erinnert sich Hagel.
Dabei war dieser Anfang nicht einfach für die groß gewachsene Blondine. „Es war schon ein Kulturschock für die Männer, die dort zum Teil schon seit Jahrzehnten arbeiteten. Natürlich haben sie ein wenig getestet, ob ich anfange zu heulen, wenn sie mich fordern, aber ich hatte mir geschworen alles zu machen, was die mir geben“, so hat sie sich das Vertrauen der männlichen Kollegen im wahrsten Sinne erarbeitet.
Das handwerkliche Geschick ist ihr bei 25 Umzügen später zugute gekommen. Außerdem ist sie eine Verfechtern davon, dass man vor einer akademischen Ausbildung einmal richtig gearbeitet haben sollte. Sie hat ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht, studiert, ein Kind groß gezogen, Taxi gefahren, um Geld für die kleine Familie zu verdienen und ein zweites Studium absolviert. „Nur Kindererziehung war nicht meine Erfüllung. Darum war ich immer voll berufstätig und meinem Sohn hat es nicht geschadet. Er ist jetzt 28 Jahre alt, hat als erster in meiner Familie sein Abitur auf direktem Wege gemacht und inzwischen sein Studium abgeschlossen, was mich mit großem Stolz erfüllt“, freute sich die Mutter Claudia Hagel.

Frauen sollten einfach mehr wagen und weniger nachdenken


In einem waren sich alle „Neuen Frauen“ einig: Frauen sollten nicht kämpfen, sondern einfach machen. „Frauen sollten nicht zu viel überlegen, sondern schneller einfach ja sagen“, wünscht sich Andrea Schumann.
Melek Topaloglu ergänzt: „Man muss sich selbst ermutigen und einfach machen. Und wenn es mal nicht klappt, kann man immer noch was anderes machen. Aber auch das ist eine Erfahrung, die man machen sollte. Traut Euch, Frauen!“

Und noch zwei starke Frauen: Maegie Koreen und Claire Waldoff


Keine „neue“ Frau, aber eine mit einem neuen Buch, ist die Chansonette Maegie Koreen. Sie nahm die anwesenden Frauen mit auf eine kleine Zeitreise in die goldenen Zwanziger, die dunklen Dreißiger und die Nachkriegszeit und zwar immer auf den Spuren von Claire Waldoff, über die sie gerade eine zweite Biographie veröffentlich hat.
Und spätestens beim „Lehmlied“ hatte Koreen, die am Klavier begleitet wurde von Vlad Kalina, einen riesigen Backgroundchor, mit dem sie sich sogar vorstellen könnte, auf Tournee zu gehen.
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