725 Jahre Stadt Haltern (7): Eine Zeit der Schande

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725 Jahre Haltern, 25 Jahre Stadtspiegel Haltern: Unter diesem Logo finden Sie unsere Sonderseiten in den aktuellen Ausgaben des Stadtspiegels. Grafik: Borgwardt
 
Demütigender Fetzen: Mit dem sogenannten „Judenstern“ mussten sich Bürger jüdischen Glaubens ab 1941 öffentlich zu erkennen geben. Ein Jahr nach der Einführung wurde die in Haltern verblieben Juden, Natan, Lotte und Alexander Lebenstein, Hermann Cohn und Jenny Kleeberg ins KZ Riga verschleppt. Nur Alexander Lebenstein überlebte von ihnen den Massenmord.
 
An der Rekumer Straße türmte sich der Schutt, den der Mob während der Nacht zum 10. November bei seinem verbrecherischen Angriff auf Halterner Familien jüdischen Glaubens angerichtet hatte.

In diesem Jahr feiert Haltern ein kleines Jubiläum: Vor 725 Jahren verlieh der Bischof von Münster, Everhard von Diest, der kleinen westfälischen Gemeinde die niederen Stadtrechte und die Erlaubnis, eine Mauer zu bauen. Im Sommer hat Haltern an diese Erhebung mit einer großen Feier erinnert. Wir tun dies weiterhin: Eine Sonderserie im Stadtspiegel wird einige der wichtigsten Stationen in der langen Geschichte der Stadt beleuchten. In dieser Episode geht es um die Leidenszeit der Halterner Juden, die am 9. November 1938 einen ersten Höhepunkt fand.

Sie waren Mitbürger, Nachbarn, Halterner. Plötzlich wurden sie auf der Straße bespuckt, aus ihren Häusern gezerrt, ihre Wohnungen in Brand gesteckt: Am 9. November 1938 fiel ein entfesselter Mob überall in Deutschland über seine jüdischen Mitbürger her. Szenen wie aus einem Alptraum spielten sich auch in Haltern ab.

Alptraumhafte Nacht


In der Seestadt wurden Menschen aus ihren Wohnungen gezerrt und verprügelt, die Scheiben zerschlagen und die Einrichtung verwüstet. Selbst vor den Toten auf dem Friedhof, Halternern jüdischen Glaubens, machte der Wahn nicht Halt: Grabsteine wurden zerstört, Gräber entweiht.

Eine Gruppe jüdischer Kinder, darunter der erst elfjährige Alexander Lebenstein, wurde nur mit Glück nicht in ihrem Versteck zwischen den Gräbern entdeckt. Andere versteckten sich in Schuppen oder Gartenhäusern, in Todesangst vor den Häschern.

Nachbarn - dann Täter


Unter den Flüchtenden sind neben dem kleinen Alexander auch noch die anderen Lebensteins. „Ich habe gedacht, sie schlagen uns tot“, rief seine Mutter Lotte erschüttert aus, als sie sich bei Freunden vor dem Mob verstecken konnte.

Die Familie Lebenstein hatte sich wie viele andere Juden in Haltern seit Generationen wohl gefühlt, bevor die Nazis an die Macht kamen. Nathan Lebenstein hatte einen Fleischerladen an der Münsterstraße, der sowohl koscheres als auch gewöhnliches Fleisch verkaufte. Er war Halteraner, wie die anderen auch, sprach Plattdeutsch und hatte im 1. Weltkrieg für Deutschland gekämpft. Als die Menge in seinen Laden stürmte und alles zu zerschlagen begann, ging Nathan zitternd vor Wut in seine Wohnung und kam mit dem Eisernen Kreuz an der Brust wieder auf die Straße. Seht her, ich habe für Euch mein Leben riskiert, bedeutete das. Doch die Tapferkeitsmedaille änderte nichts. Grob riss man dem Überfallenen die eherne Auszeichnung von der Brust. Holz barst, Scheiben klirrten. Auch die schöne Halterner Synagoge, deren Ursprünge Jahrhunderte zurücklagen, wurde verwüstet.

Als am Morgen nach der Nacht, in der Nachbarn zu Tätern wurden, das zersplitterte Glas in ganz Deutschland auf den Bürgersteigen schimmerte, war der höhnische Begriff von der „Reichskristallnacht“ schnell geboren. Doch niemand bestrafte die Täter. Vielmehr schoben die Nazis den Opfern sogar noch die Schuld am eigenen Unglück zu.

Viele Juden wurden in „Schutzhaft“ genommen, die beschönigende Bezeichnung der Festnahme unschuldiger Bürger, die erst dann aus der Haft kommen konnten, nachdem sie ihr Hab und Gut zu Schleuderpreisen an sogenannte „Arier“ verkauft hatten. So bereicherten sich viele Menschen auf Kosten der Opfer, denen nicht nur Häuser und Geschäfte genommen worden waren, sondern die auch noch für die ihnen angetanen Schäden an die Täter bezahlen mussten.

In Haltern konnten die verbliebenen Juden auf Anweisung der Gestapo aus Münster nicht mehr einkaufen, wo sie wollten, und mussten den demütigenden „Judenstern“ aus Stoff tragen. Immer stärker spürten sie, dass sie in ihrer Heimat nicht mehr willkommen waren. Schon das war ein Alptraum. Aber was danach kam, war noch viel schlimmer.

Beginn des Holocaust


„Aus dem Generalgouvernement werden jetzt, bei Lublin beginnend, die Juden nach dem Osten abgeschoben. Es wird hier ein ziemlich barbarisches und nicht näher zu beschreibendes Verfahren angewandt, und von den Juden selbst bleibt nicht mehr viel übrig.“ Hinter diesen knappen Zeilen, die Goebbels im März 1942 in sein Tagebuch schrieb, verbirgt sich millionenfaches Leid.
Auf Juden und andere sogenannte „Volksfeinde“, darunter Homosexuelle, Behinderte, Sozialdemokraten und Kommunisten sowie Zigeuner, später dann auch als „Untermenschen“ deklarierte Polen und Russen aus den besetzten Gebieten, wartete ein mit kalter Bürokratie vorbereiteter und industriell durchgeführter Massenmord. Dieser geschah in so unvorstellbarem Ausmass, dass er auch heute trotz erdrückender Beweislast, Tausender Zeugen, zahlloser Akten und Befehle und historischen Aufarbeitungen noch immer von manchen Menschen geleugnet, verharmlost oder bestritten wird.

Auschwitz - ein Symbol


Die ganze Grausamkeit des Naziregimes wurde der Welt spätestens am kalten Vormittag des 27. Januar 1945 bewusst, als die vorrückenden russischen Truppen im schlesischen Auschwitz die Tore zum Vernichtungslager Birkenau öffneten. Selbst den kriegsgeschundenen Russen erschien der Weg ins KZ wie der Gang durch die Tore der Hölle. Tote und sterbende Häftlinge, zu Skeletten abgemagert und von Krankheiten befallen, lagen in den Baracken. Wer noch laufen konnte, war zuvor von den Deutschen auf Todesmärschen nach Westen getrieben worden. Der Fund von zehntausenden Paar Schuhen und sieben Tonnen Menschenhaar ließen die Befreier ahnen, was hier passiert war. Zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen waren alleine hier in Auschwitz ermordet worden. Der Name „Auschwitz“ wurde zum Symbol für den Holocaust, das Foto der Bahngleise und des Haupttores zum Bild des unfassbaren Bösen. Doch es gab weitere Lager, und überall herrschte Leid. So auch in Riga, wo die Halterner Juden nur Grausamkeit und Tod erwartete.

Erinnerung statt Wut


Fast 70 Jahre später sind die meisten Täter bereits tot, und auch von den Überlebenden sind nur noch wenige übrig. Alexander Lebenstein, der letzte jüdische Holocaustüberlebende aus Haltern, schloss vor fast fünf Jahren, am 28. Januar 2010, seine Augen für immer. Trotz seiner Erfahrungen im KZ hatte er sich mit Haltern später wieder versöhnt und war in seinen letzten 15 Lebensjahren zum Botschafter für Verständigung, Aussöhnung und Erinnerung geworden. „Hass wird nur den Hasser zerstören“, sagte der Mann, der vor seiner Rückkehr nach Haltern geglaubt hatte, niemals vergeben zu können. Im Gespräch mit jungen Schülern habe er eine neue Perspektive entdeckt: „Ich konnte ihnen helfen, von der Schuld zu heilen, die sie von den Handlungen ihrer Vorfahren trugen und sie konnten mir helfen zu lehren, dass mein Hass und meine Wut mich schließlich zerstören würden.“

„Wir müssen uns erinnern“, schrieb einst die Schriftstellerin Marguerite Duras, „damit sich das nie wiederholt.“


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725 Jahre Haltern
Die große Sonderserie im Stadtspiegel


Episode 1: Der zerschlagene Traum vom kleinen Rom
Episode 2: Ein Dokument der Freiheit
Episode 3: Von Haltern an den Rand der Welt
Episode 4: Ein stiller Wächter
Episode 5: Die bleichen Finger des Krieges
Episode 6: Mit Volldampf in die Zukunft
Episode 7: Eine Zeit der Schande
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