Edgar Degas und Auguste Rodin - Giganten im Wettlauf zur Moderne

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Edgar Degas, Sitzender Rückenakt beim Kämmen, um1897 (Foto: c: 2016 Kunsthaus Zürich)
 
Auguste Rodin, Tanzstudie F, um 1911, 1952 (Gussdatum) (Foto: C: Foto: Christian Baraja)
 
Edgar Degas, Drei Tänzerinnen (blaue Röcke, rote Mieder), um 1903 (Foto: c: Foto Peter Schibli, Basel)
Wuppertal: Von der Heydt-Museum | Das Von der Heydt-Museum Wuppertal setzt seine viel beachtete Reihe der Impressionisten- Ausstellungen fort. Mit der aktuellen, am 25.10.2016 eröffneten Ausstellung, werden nun die Werke des Malers und Bildhauers Edgar Degas und des Bildhauers und Grafikers Auguste Rodin gezeigt, diskutiert und miteinander in Bezug gesetzt.

Anlass für die Ausstellung ist das 100.Todesjahr der beiden Ausnahmekünstler - lange her, und doch immer noch aktuell.
Frauen - Pferdestärken - neueste Technik der Fotografie, das sind die Themen, welche die beiden interessierten.
Der Museumsdirektor Dr. Gerhard Finckh, der die Ausstellung auch selbst kuratiert hat, freut sich rund 270 Werke präsentieren zu dürfen - 100 von Rodin, 90 von Degas und 80 von anderen maßgeblichen Künstlern der Zeit.

Dr. Finckh ist stolz darauf, auch zahlreiche große und äußerst fragile Gipsplastiken vorweisen zu können, die in klimatisierten, gepolsterten Spezialkisten mit ungeheurem Aufwand transportiert und aufgestellt wurden. Finckh schildert lebendig seine Anspannung, als die Restauratorin des Leihgebers allein 6 Stunden lang jeden Zentimeter der aus Wachs geformten "Tänzerin von 14 Jahren" von Degas akribisch nach etwaigen Transportschäden absuchte, um dann glücklicherweise einen gut überstandenen Transport zu attestieren. Finckh bezeichnet es auch als einen Glücksfall, dass die zerbrechlichen Pastellzeichnungen auf Papier und Karton von Degas aus der Fondation Beyeler aus Basel die Reiseerlaubnis erhielten. Die Versicherungssumme der Ausstellung sei - ohne eine Zahl nennen zu wollen - diesmal wirklich riesig, so Finckh, und ohne die unterstützenden Fördermittel der Dr. Werner Jackstädt-Stiftung nicht möglich gewesen.

In einem Rundgang aus 12 Kapiteln / Räumen wird der Besucher chronologisch durch das künstlerische Werk geführt - je ein halber Raum farblich abgesetzt Rodin, der andere Degas.
Ein Briefwechsel belegt, dass sich beide Künstler kannten, sie wurden beide zu Abendessen eingeladen, lebten lange in Paris und hätten sich gut in der Oper, beim Ballett, auf der Pferderennbahn oder bei Fotografieausstellungen treffen können. Da Degas und Rodin bereits von Zeitgenossen in ihren Werken miteinander verglichen wurden, nahm Dr. Finckh die Gelegenheit wahr, die Werke erstmals in einer gemeinsamen Ausstellung näher zu betrachten, sie in Beziehung zueinander zu setzten und heraus zu arbeiten, worin beide jeweils deutlich andere Wege gingen.

Vom familiären Background her waren Edgar Degas und Auguste Rodin verschieden: Degas aus einer reichen Bankiersfamilie, mit Kunststudium, Studienreisen zu den klassischen Stätten in Italien und in die USA - Rodin aus einfachen Verhältnissen mit einfacher Schulbildung und Arbeitstätigkeit als Stuckateur für verschiedene Bauunternehmer.
Beide waren in ihrer Jugend von der Kunst der Antike, der Renaissance und vom eher strengen Klassizismus geprägt. Während Degas schon bald im renommierten Pariser Salon ausstellen durfte, wurde Rodin abgelehnt.
Rodins "Die Maske des Mannes mit der zerbrochenen Nase" schloss zwar in typologischer Hinsicht an antike Bildnisse an und bezog sich sogar auf ein Bildnis Michelangelos, den er auf das höchste verehrte, aber die Kritiker verübelten Rodin die "naturgetreu" gezeigte Hässlichkeit und witterten eine politische Agitation im Sinne eines sozialkritischen Realismus. Jedenfalls entging dem Salon, dass Rodin etwas völlig Neues geschaffen hatte: eine impressionistische Plastik.
Mit dem Aneinander- und Aufeinanderkleben von kleinen Tonklümpchen erreichte Rodin eine unruhige Buckel-und Löcher-Modellierung - die Licht- und Schattenzonen führten zu einer lebendigen Oberflächenspannung. Das gebrochen zurückgeworfene Licht ließ alles lebendig und bewegt erscheinen. Das verbindet Rodin mit den Malern des Impressionismus, die in der Abkehr vom klassizistischen Ideal die Farbe ebenfalls pastos auftrugen.

Mit der in die Zeit fallenden Erfindung der Fotografie bekamen die Künstler die Möglichkeit, ohne teure Modelle arbeiten zu können.
Die Ausstellung zeigt einige der chronofotografischen Reihenaufnahmen von Bewegungsabläufen bei Pferden in unterschiedlichen Gangarten. Diese Aufnahmen von Eadweard Muybridge ab 1876
halfen sowohl Rodin als auch Degas bei ihren Bewegungsstudien.
Abgesehen von einer Vergleichbarkeit der Motive - Pferde und Tänzerinnen - sind gerade die strukturellen Parallelitäten in der Auffassung von Bewegung relevant. Ein bis dahin so nicht gekannter "Realismus", Ausschnitthaftigkeit, Torsierung, Non-Finito, Assemblage und Variation provozieren noch heute Spannung und Staunen.

Degas und Rodin spielen mit dem Licht und der Bewegung, sie bauen Nähe und Distanz auf, begegnen dem Voyeurismus mit blockierenden Bildsystemen und entdecken das Kraftfeld des absichtsvollen Nicht-Vollenden, dem Non-finito.
Rodin fügt Bruchstücke von fertigen Arbeitsvorlagen zusammen und arrangiert sie zu einem neuen Ganzen mit einer eigenen Aussage.
Degas schneidet Streifen von fertigen Bildern ab, klebt korrespondierende Papierstreifen an und erschließt so neue Raumlösungen.

Schicksalhaft ist für beide der Umgang mit Skandalen.
Rodin wurde vorgeworfen, die unter dem Titel "Der Besiegte" modellierte Gipsplastik eines nackten, verwundeten, zusammenbrechenden Soldaten so "naturgetreu" geformt zu haben, dass es sich lediglich um eine Abformung handeln könne.
Vor einem Ehrengericht konnte schließlich festgestellt werden, dass es sich sehr wohl um eine eigenständige Plastik handelte.
Nachdem Rodin diese Gipsplastik in Bronze gießen ließ, mit Rücksicht auf den Zeitgeist das Abwärtssinken in ein Auferstehen umdeutete und dem Werk den heroischen Titel "Das eherne Zeitalter" gab, wurde er mit Ruhm überschüttet, so dass der französische Staat die Plastik kaufte...

Degas erlebte ähnliche Anfeindungen. Seine aus Wachs modellierte Tänzerinnenfigur war mit echtem Tutu-Röckchen und Haarschleife so realistisch, dass man ihm auch eine Abformung vorwarf. Da man seinerzeit glaubte, aus der Physiognomie das Wesen eines Menschen ablesen zu können, deutete man das Gesicht der "Tänzerin von 14 Jahren" dahingehend, dass Degas eine angehende Verbrecherin oder zumindest zukünftige Prostituierte porträtiert habe.
Edgar Degas war zutiefst verbittert und zog sich zunehmend zurück. Seine vielen kleinen Plastiken von Pferden, Tänzerinnen oder sich pflegenden Frauen stellte er nie öffentlich aus. Erst nach seinem Tod wurden sie in Bronze gegossen...

Zu würdigen sind Edgar Degas und Auguste Rodin für die neue Art der Bildhauerei, ihre Darstellung von Licht und Bewegung, der Darstellung von Nacktheit ohne mythologische Verbrämung, ihre Experimente mittels Torsierung und Assemblage zu neuen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten zu finden und besonders für ihre Bemühungen, ihre Gegenwart in die Kunst zu überführen.

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Auf DVD erschien ein informativer und unterhaltsam gemachter Film von Ralph Goertz (17,50 €).
Im Verlag Kettler ist der reich bebilderte und mit zahlreichen Artikeln versehene Katalog zur Ausstellung erschienen (25 €).

Die Ausstellung läuft noch bis zum 26.02.2017
, Eintritt 12 €, ermäßigt 10 €, Familienkarte 24 €.
Es gibt öffentliche Führungen für 14 € inkl. Eintritt.

Das umfangreiche Programm der Kinderführungen und Familiensonntage (ab 5 Jahren, 7€ Kinder, 10€ Erwachsene) geht mit Bildbetrachtungen und eigenen künstlerischen Arbeiten kindgerecht auf wechselnde Schwerpunkte der Ausstellung ein.
Im Kreativprogramm für Erwachsene sind Bildhauer-Workshops, Kurse für Öl- bzw. Pastellmalerei oder Zeichen- und Aktzeichenkurse buchbar.
Nähere Informationen und Anmeldungen an der
Museumskasse Tel. 0202 563-2223 oder
Kunstvermittlung Tel. 0202 4784105
Internet: www.von-der-heydt-museum.de

Die Vortragsreihe im Museum (jeweils 18 Uhr, Eintritt frei) umfasst in Zusammenarbeit mit der Bergischen Universität Wuppertal folgende Themen:
8.11.16 - Am Beispiel Rodins: Ästhetische und kulturtheoretische Debatten um 1900
22.11.16 - Der bewegte Mensch
6.12.16 - Charles Baudelaire, Ein moderner Dichter in der Metropole Paris
17.1.17 - Roher Stein und Bild, Die Materialität der Erinnerung im französischen Denkmal des 19. und frühen 20. Jahrhunderts
31.1.17 - Der Vorhang fällt, Zum Halbversteckten in Edgar Degas Werk.
Mehr Informationen: philosophie. uni-wuppertal.de
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1 Kommentar
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Gary Arseneau aus Datteln | 19.11.2016 | 23:42  
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