Anne Wittbecker scheidet zum Jahresende als Leiterin der KÖB St. Matthias aus. Die Suche nach einer Nachfolgerin läuft
Ohne Herzblut geht es nicht

Unpraktisch, aber gemütlich: Mit ihrer Treppe zur Empore ist die KÖB zwar alles andere als barrierefrei, für Anne Wittbecker aber ein Lieblingsort.
  • Unpraktisch, aber gemütlich: Mit ihrer Treppe zur Empore ist die KÖB zwar alles andere als barrierefrei, für Anne Wittbecker aber ein Lieblingsort.
  • Foto: Renate Debus-Gohl
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"Ich dachte mir, sag' mal lieber rechtzeitig Bescheid." Noch bis zum Jahresende ist Anne Wittbecker Leiterin der katholischen öffentlichen Bücherei St. Matthias. Die Suche nach einer Nachfolgerin läuft aber schon gut drei Monate.
Nicht, dass explizit nach einer Frau für das Ehrenamt gesucht würde. "Es ist eben eine Frage der Wahrscheinlichkeit", konstatiert die 64-Jährige, die sich in Sportschuhen durch die gemütliche Bücherei bewegt, als sei sie ihr zweites Wohnzimmer. Bücher und Lesen, im Großen und Ganzen eine weibliche Angelegenheit, besonders was die Belletristik betrifft. "Es stimmt, dass sich Mädchen viel leichter für Bücher begeistern lassen", so die Erfahrung mit ihren Kindern aber in erster Linie aus 24 Jahren hinter der Verbuchungstheke in Auf der Höhe. Woran das liegt? Darüber lässt sich trefflich spekulieren. Tradierte Rollenmuster spielen sicher eine wichtige Rolle. "Jungs wollen mehr Action, Mädchen sind wohl eher bereit, sich still zu beschäftigen."
Diesen Erfahrungswert hat nur Joanne K. Rowling durchbrochen. Das Phänomen Harry Potter erfasste eine komplette Generation, unabhängig vom Geschlecht. "Aber das war ein Strohfeuer", weiß Anne Wittbecker. Die Geschichten um den Zauberschüler sucht man mittlerweile vergeblich in den Regalen der KÖB.

Simmel, Konsalik und Rowling

Selbst auf dem hauseigenen Bücherflohmarkt bleiben die feilgebotenen Exemplare liegen. "Das ist das selbe Phänomen wie vor Jahren bei Simmel und Konsalik. Die hatte jeder zu Hause, interessierten aber schon bald niemanden mehr." Von Moden in der Spannungsliteratur braucht man gar nicht erst anzufangen. Dass ein Skandinavier an der Spitze der Bestsellerlisten steht, ist seit Henning Mankell ausgemachte Sache. An dessen düsteren und leider völlig humorlosen Wallender-Episoden hat die gelernte Diplom-Verwaltungswirtin durchaus einen Narren gefressen. Mittlerweile würde sie sich lieber in einen Band der norwegischen Ex-Ministerin Anne Holt oder der vielfach preisgekrönten Amerikanerin Sandra Brown vertiefen.
Allein, es fehlt die Zeit.
Denn obwohl ihr Berufsleben bei der Stadt Essen mittlerweile Geschichte ist, kann von Ruhestand mit "ein bisschen Ehrenamt" keine Rede sein. "Ich bin halt Beamtin", sagt Anne Wittbecker mit einem Schulterzucken. Will sagen: Halbe Sachen macht sie nicht. Dabei ist sie beileibe keine Einzelkämpferin. 20 Ehrenamtliche (Männerquote: null) engagieren sich in der KÖB. Frei nach Karl Valentin könnte man sagen: "Bücherei ist schön, macht aber viel Arbeit."
Zum Arbeitspensum gehört zunächst einmal die Lektüre von Buchempfehlungen. "Pro Woche veröffentlicht unsere Einkaufszentrale 300 aktuelle Rezensionen." Gut die Hälfte arbeitet sie gewissenhaft durch, immer auf der Suche nach Lesestoff, der ihrer Klientel auch gefällt. Daneben durchforstet sie auch Tages- und Wochenpresse. Lobende Besprechungen, das wurde Anne Wittbecker schnell klar, sind noch lange kein Garant für eine hohe Ausleihquote. "Unter den gut rezensierten Titeln, muss ich die aussortieren, für die man studiert haben muss", stellt sie fest. "Unsere Leser wünschen sich niveauvolle Unterhaltung." Wem der Sinn nach experimenteller Lyrik steht, muss sich nach einer anderen Quelle umsehen.
Wenn dann frisches Lesefutter eingetroffen ist, durchläuft jedes Buch an die zehn Arbeitsschritte, bevor es ins Regal gestellt werden kann. Neben der Erfassung in der EDV betrifft das die Arbeit am Buch selbst. Etwa 10.000 Mal hat Anne Wittbecker diese Prozedur durchgeführt. Den Bestand von 5.000 Medien hat sie also zweimal komplett erneuert. In Ausnahmefällen bekommen bestimmte Bände noch einen "Warnhinweis". "Wir sind hier zwar in einer katholischen Bibliothek, aber natürlich haben wir auch Romane mit erotischen Schilderungen." Darauf weist ein separater Aufkleber hin. Anne Wittbecker kann sich noch gut erinnern, dass ihr Stammkundinnen einen Roman zurückbrachten und mit einer Mischung aus Raunen und Flüstern bemerkten: "Das Buch hat Stellen." Da wurde dann nicht nur geküsst.

Keine Einzelkämpferin

Ebenfalls komplett hinter den Kulissen spielen sich die Pflege des Bücherflohmarkts mit permanent um die 3.000 Exemplaren sowie die Suche nach Gönnern und Sponsoren (nicht zuletzt zur Finanzierung der "Onleihe"). In 20 Jahren sammelten sich zudem über 1.500 Stunden in Fortbildungskursen an. Außerdem hat sie Telefon- und Netzwerkkabel verlegt, sämtliche Glühbirnen und Rauchmelderbatterien mehrfach gewechselt. Das passt nun überhaupt nicht in eine "Halbtagsstelle". Dazu meint Anne Wittbecker lapidar: "Ohne Herzblut geht es nicht." Oder etwas detaillierter: "Man ist nicht fremdbestimmt, muss sich aber um alles kümmern." An Öffnungstagen freut sich die Büchereileiterin besonders über Eltern mit Kindern. "Ich beobachte über die Jahre, wie die Kleinen in der Bilderbuchecke beginnen und sich nach und nach auch in andere Abteilungen vorwagen." Das spielt sich immer noch so ab, allerdings verlieren Mädchen und Jungen merklich früher das Interesse. Lag das "Ausstiegsalter" vor einigen Jahren noch bei etwa zehn Jahren, sinkt die Begeisterung heutzutage meist schon während der Grundschulzeit. Auch wenn die "Nachwuchsarbeit" zäher wird, ist Anne Wittbecker um den Fortbestand der KÖB nicht bange. "Wir werden finanziell sehr gut unterstützt", sagt sie mit einem Extralob ans Erzbistum Köln und die Pfarrgemeinde. Und mit Schalk im Nacken: "Dieses Gebäude ist als Bibliothek gebaut worden und für nichts anderes zu gebrauchen. Hier könnte man noch nicht einmal ein Kneipe betreiben."
Die gewonnene Zeit ohne Ehrenamt möchte Anne Wittbecker nicht zwingend in heimischen Gefilden verbringen. Sie, die immer schon gern gereist ist, zieht es zunächst nach China. Und einen ganz besonderen Lebenstraum möchte sie dann 2020 in Angriff nehmen: In die Antarktis, Pinguine sehen!

Zur Person
Anne Wittbecker blickt auf drei Jahrzehnte im Ehrenamt zurück.
Zunächst war sie Gründungs- und Vorstandsmitglied der Kinderinitiative Kettwig.
Als beide Söhne dem Vorschulalter entwachsen waren, wechselte sie "ein Türchen weiter" in die KÖB.
Nach fünf Jahren im Stab der Mitarbeiterinnen, wurde sie 2000 Leiterin der Einrichtung.
Anne Wittbecker ist Diplom-Verwaltungswirtin und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung bei der Stadt Essen, zuletzt im Gesundheitsamt.

Die KÖB
Die KÖB St. Matthias feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen.
Wer sich auf die vakante Leiterstelle bewerben möchte, setzt sich mit dem Pfarrbüro St. Peter und Laurentius unter Tel. 4418 in Verbindung. Kontakt per E-Mail: pfarramt@st-peter-und-laurentius.de.
Erwartet werden Organisationstalent, Kreativität, Eigeninitiative und selbständige Arbeitsweise, EDV-Kenntnisse sowie die Bereitschaft zur Arbeit am Wochenende und bei Abendveranstaltungen.
Die oder der Neue durchläuft den Basiskurs Büchereiarbeit.
Wer sich bewirbt, muss übrigens nicht katholisch sein. Anne Wittbecker ist es auch nicht.

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