Kleine Dinge, die das Leben lebenswert machen

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Diese Leckerei steht auf der Kuchentheke
 
Viel zu schade, zum Essen. Aber "Wat mutt, dat mutt"
Morgen schlängelt er sich wieder durch die Stadt: Der Lindwurm der Freude. Der Höhepunkt des närrischen Treibens in Arnsberg. Erinnerungen kommen hoch an ein ganz besonderes Erlebnis, in eine Konditorei auf dem Steinweg im letzten Jahr. Niemals werde ich diese „Bilderbuch-Geschichte“ vergessen.

Nach dem Karnevals-Umzug kehren wir in unser Lieblings-Café auf dem Steinweg ein. Genüsslich einen Kaffee trinken und dazu einen leckeren Kuchen genießen. Die Auswahl an Köstlichkeiten lässt keine Wünsche offen. Ich gehe zur Kuchentheke und entdecke dort ein pinkfarbenes, zuckersüßes Marzipan-Schwein. Daneben sitzt, wie auf dem Präsentierteller, ein Herr mit kugelrunden Mondgesicht, Schmollmund und einer grünen Knollennase.

Zwei zuckersüße Leckereien. Zum Reinbeißen viel zu schade, diese zwei kleinen Kerle.

Meine Phantasie bekommt Flügel. Ich stelle mir vor, der kugelrunde "Herr auf dem Tablett" singt vor sich hin: "Kein Schwein ruft mich an. Keine Sau interessiert sich für mich. Solange ich hier wohn', ist es fast wie Hohn, schweigt das Telefon. Kein Schwein ruft mich an. Keine Sau interessiert sich für mich. Und ich frage mich, denkt gelegentlich jemand mal an mich...."

Dieser weltbekannte Song von Max Raabe kommt mir in den Sinn, als diese zwei zuckersüßen „Teilchen“ vor mir auf der Kuchen-Theke stehen. Froh gelaunt summe ich die Melodie vor mich hin. So vertreibe ich mir die Zeit, denn ich bin noch nicht an der Reihe.

Neben mir steht etwas orientierungslos dreinblickend eine nette hochbetagte Dame mit einem kecken Hütchen auf dem Kopf und Luftschlangen um den Hals. Sie trippelt ungeduldig auf der Stelle hin und her. Arm in Arm steht sie dort mit ihrer sicherlich 20 Jahre jüngeren Begleiterin, die sich rührend um die Frau kümmert. Sie redet beruhigend auf die alte Dame ein. Zu mir gewandt sagt sie: „Das ist Thea, meine Nachbarin. Ihr Herz schlägt für den Karneval. Da hab ich sie einfach von Zuhause abgeholt und mitgenommen. Wir hatten so viel Spaß. Viele Leute kennen sie noch aus ihrer aktiven Zeit als Karnevalistin. Keinen Umzug hat sie verpasst, als sie noch fit war“, erklärt mir die Begleiterin „86 Jahre ist Thea nun schon. Ihr Mann ist verstorben und die Kinder leben weit weg. Sie ist demenzkrank und lebt in einer Pflege-Wohngemeinschaft mit sieben anderen Menschen zusammen. Allein schaffte sie das alles nicht mehr. Aber ich besuche sie so oft ich kann. Und nehme sie einfach mit, wenn es ihre Tagesform erlaubt. So ist und bleibt sie mittendrin und steht nicht außen vor, nur weil sie an Demenz erkrankt ist.“

Ich bin gerührt und fasziniert zugleich. Es klingt so selbstverständlich. Ist es auch. Und doch so ungewöhnlich!

Zusammen überlegen die beiden Freundinnen gerade, welchen Kuchen sie für ihren „Kaffeeklatsch“ auswählen möchten. „Sollen wir die Sahneschnittchen oder die leckeren Berliner nehmen?“, fragt die Nachbarin. „Helau, Helau, Helau“, antwortete die alte Dame. „Was der Sonnenschein für die Blume ist, ist das lachende Gesicht für den Menschen“, rezitiert sie einen Spruch, der ihr gerade in den Sinn kommt. Woher auch immer. Vielleicht war ihr gerade danach. Die Nachbarin lächelt sie verständnisvoll an und trifft kurzerhand allein die Entscheidung „Weißt Du was, Thea, wir nehmen die Sahneschnittchen und gut ist es.“ „Ja, gut ist es“, antwortet Ihre Freundin zufrieden.

Dann wendet sich die alte Dame mir zu. Ich pfeife leise meine Melodie vor mich hin „Kein Schwein ruft mich an.“ Ungläubig und ein wenig skeptisch schaut sie mich von der Seite aus an. „Was summen sie denn da? Das kenn ich doch“. Plötzlich lächelt sie mich an und singt völlig ungeniert mit glockenklarer Stimme: "In einer kleinen Konditorei, da saßen wir zwei bei Kuchen und Tee. Du sprachst kein Wort, kein einziges Wort und wusstest sofort, dass ich dich versteh. Und das elektrische Klavier, das klimpert leise eine Weise von Liebesleid und Weh..."

Ich muss lachen. Und nicht nur ich. Sowohl ihre sympathische Begleiterin, als auch die Bäckerei-Verkäuferinnen und einige Gäste im Café stimmen nach und nach in den Song mit ein. "In einer kleinen Konditorei, da saßen wir zwei bei Kuchen und Tee. Und das elektrische Klavier, das klimpert leise eine Weise von Liebesleid und Weh..."

Wie ein "flashmob". Wunderbar! Eine Story, wie sie berührender nicht sein kann. Eine Situationskomik. Filmreif. Nur der Regisseur fehlt. Thea strahlt in diesem Augenblick ein Glücksgefühl aus, das mich tief beeindruckt. Ihr Auftritt ist bühnenreif. Sie hat uns ein Lächeln in die Gesichter gezaubert. Einfach so! Danke für dieses wunderbare Geschenk!

Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.
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3 Kommentare
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Paul Scharrenbroich aus Monheim am Rhein | 15.02.2015 | 05:09  
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Marita Gerwin aus Arnsberg | 15.02.2015 | 09:02  
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Gottfried (Mac) Lambert aus Goch | 16.02.2015 | 14:46  
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