Wenn Rotkäppchen den Erklärbären erschießt

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Rotkäppchen will frei sein. Ist sie aber nicht: Eins ums andere Mal metzelt sie auf der Bühne den Erklär-Bären nieder. (Foto: Birgit Hupfeld)

Und täglich grüßt das Murmeltier: Wenn die Zuschauer im Schauspielhaus Platz nehmen, um "Das goldene Zeitalter" zu erleben, begeben sie sich in eine skurille Endlosschleife. Roboterartig kommen sechs Schauspieler wie blonde Anime-Puppen die Treppe herunter. Und fahren mit einem Aufzug wieder hinauf. Geduld ist gefragt, bei Kay Voges ungewöhnlicher Uraufführung mit dem Untertitell "100 Wege, um dem Schicksal die Show zu stehlen".

Und während der Regisseur für alle sicht- und hörbar mitten aus dem Publikum seine Anweisungen gibt, erleben die Zuschauer Wiederholung, um Wiederholung. Ob es um die Tagesschau geht, bei der Sprecher oder Protagonisten wie Hoeneß oder Kachelmann wechseln, jedoch die Nachricht immer die gleiche ist.
Was die Theaterbesucher in den nächsten drei Stunden verfolgen erfordert Sitzfleisch und Neugier. Jeder Sechste brachte dies bei der Premiere nicht mit. Und dies obwohl der Schauspieldirektor und sein Dramaturg Alexander Kerlin mit ihrem ungewöhnlichen Projekt bei jeder Aufführung einen anderen Theaterabend versprechen. Denn sie haben Material für viele, viele Stunden.

Und Eva sagt "Iss doch was!"

Mit Rotkäppchen, das den Erklär-Peer niedermetzelt, und dies natürlich nicht nur einmal. Mit einer Szene unterm Baum der Erkenntnis ihren Adam unzählige Male auffordert: "Iss doch was!" Und auch mit einem Nietzsche, der immer wieder aus der Kiste klettern muss, und dabei über die Hölle der Wiederholung spricht. Tolle Texte von Tschechows drei Schwestern, Kain und Abel und alle ihre Nachkommen auf dem Klo aufgezählt und von hinter der Bühne per Video gezeigt, treffen auf eine sehr langsame gefräßige Raupe und eine tanzende Qualle. Theaterfans erfahren, wieviel Schweine sie im Leben essen und wieviel Zeit ihres Lebens sie verschlafen.
Aber auch von Heinrich Heine, dass das goldene Zeitalter nicht hinter, sondern vor uns liegt.
Sisyphos wälzt mühsam seinen Felsbrocken voran. Irgendwann tauchen auch Zombies auf der Bühne auf. Nur wer ausbrechen will, aus der Endlosschleife strauchelt. Und landet in der nächsten Wiederholung. Nach gefühlt unendlich vielen Stunden ist alles vorbei und das Publikum klatscht. Doch schon bei Premiere kommt keiner auf die Bühne, statt dessen fällt der Vorhang mit der Aufschrift "Fortsetzung folgt!". Ein lauter ungewöhnlicher und mutiger Theaterabend, der seinem Macher in einer Warteschlange im Supermarkt eingefallen ist und seine Zuschauer fragt: "Was würdest du tun?".
Das nächste Mal zu sehen am Mittwoch, 9. und Donnerstag, 17. Oktober sowie am 17. November und 4. und 21. Dezember im Schauspielhaus um 19.30 Uhr.
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