"Am meisten Mensch"

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Christa Aissaoui und Ewelin Burczyk unterrichten Deutsch für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Foto: Schmitz)

„In Deutschland liegen keine Leichen auf den Straßen“ - solche und ähnliche Sätze hören Aleksandra Wenzel, Christa Aissaoui und Ewelin Burczyk manchmal von ihren Schülern.

Die drei Frauen sind Lehrerinnen, und zwar ganz spezielle. Sie unterrichten in der Auslandsgesellschaft gGmbH Deutsch. Ihre Schüler, für die sie sich ganz bewusst entschieden haben, sind junge Männer und einige Mädchen, die als Jugendliche ganz allein nach Deutschland, in ein wildfremdes Land gekommen sind – unbegleitete minderjährige Flüchtlinge heißt das im Behördendeutsch. Zwischen 16 und 18 Jahren sind die Jugendlichen im Durchschnitt, die aus Krisengebieten wie Syrien oder Mali nach Europa kommen.

Schlimmes erlebt

Manchmal haben sie schlimme Erlebnisse hinter sich, wie das junge Mädchen, das sich seine Überfahrt nach Europa auf einem Frachter „abarbeiten“ musste, sie musste sich für die Seeleute prostituieren. „Werden die jungen Mädchen dann schwanger, werden sie einfach in irgendeinem Hafen ausgesetzt“, erzählt Christa Aissaoui. Schließlich landete die junge Frau in Dortmund, lernte hier Deutsch. Jetzt macht sie gerade ihren Hauptschulabschluss und ein Praktikum als Altenpflegehelfern, das Baby, das sie hier bekommen hat, ist mittlerweile 14 Monate alt.

Todesnachrichten per Handy

Ein anderer Schüler bekam mitten im Unterricht einen Anruf auf dem Handy: „Ich wollte schon schimpfen, weil Handys absolut verboten sind“, erinnert sich die Lehrern, „aber dann habe ich an seinem Gesicht gesehen, dass es etwas Wichtiges war“ - die Todesnachricht von seinem Bruder, der wohl im Bürgerkrieg getötet wurde.

Solche Geschichten kennen die Lehrerinnen viele: „Wenn man so etwas mitbekommt, dann merkt man wieder, wie gut es uns hier geht, wie nichtig unsere Probleme hier sind“, erklärt Christa Aissaoui. Sie ist so etwas wie die Ersatzmama für die Jugendlichen, da sie in der Nordstadt wohnt, trifft sie die Flüchtlinge oft und ist auch bei denen, die die Deutschkurse hinter sich haben, auf dem Laufenden. Bevor sie vor zweieinhalb Jahren die Deutschkurse übernahm, war die ehrenamtlicher Vormund für viele Flüchtlinge. „90 bis 95 Prozent der Jugendlichen meistern ihr Leben hier. Viele gehen auf die Abendrealschule oder auf Berufskollegs.“

In der Heimat ist Schule Luxus

Oft ist die Zukunft der Jugendlichen unklar, ist nicht sicher, ob sie hierbleiben dürfen. Trotzdem stürzen sie sich mit Feuereifer auf den Unterricht. Ewelina Burczyk unterrichtet die Alphabetisierungskurse. „In manchen Ländern Afrikas können sich die Familien das Schulgeld nicht leisten. Findet das Kind keinen Gönner, der die Schule bezahlt, dann lernt es eben nicht Schreiben und Lesen.“ So einen Schüler hat sie gerade gehabt. Innerhalb kürzester Zeit hat er schon drei Kurse durchlaufen. Für ihn ist die Schule keine Pflicht, sondern sein Luxus. Der Bildungsstand der Flüchtlinge ist aber sehr unterschiedlich, und: „Wir sehen sofort, ob die Jugendliche aus einem Land kommen, in dem Krieg ist“, erklärt Christa Aissaoui.

Das Kurssystem in der Auslandsgesellschaft ist durchlässig. Jeder bleibt so lange im Kurs, bis er reif für die nächste Stufe ist. Bezahlt werden die Kurse vom Land. Das Jugendamt muss immer wieder neu entscheiden, ob die Kurse weiter finanziert werden.

Nicht nur der Lerneifer ist wohl anders al an einer normalen Schule. Auch Mobbing gäbe es nicht, erklären die drei Lehrerinnen übereinstimmend. Im Gegenteil, Schülern die mit dem Stoff Probleme haben, bekommen Hilfe von ihren Mitschülern.

Jeden Tag von 9 bis 12.15 ist Unterricht, und dabei geht es nicht nur um die Sprache. „Es fängt schon an mit dem Essen: Deutschland ist so ein reiches Land, sagen die Schüler, sie verstehen nicht, dass es hier abends nur Brot gibt und nicht etwas Warmes zu essen, „ erklärt Christa Aissaoui. Viele Schüler wunderten sich auch, dass sie in der Schule nicht geschlagen werden.

Der Beruf von Aleksandra Wenzel, Christa Aissaoui und Ewelin Burczyk ist anstrengend, oft nehmen sie die Probleme und Traumata der Jugendlichen mit nach Hause. Sie sind Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen, aber „am meisten Menschen.“

Die Lehrerinnen wünschen sie für ihre Schüler Menschen, die eine symbolische Patenschaft übernehmen. Die Jugendlichen selbst hätten gerne öfter Kontakt zu gleichaltrigen Deutschen, mit denen sie Fußball spielen, shoppen oder einfach reden können. Das Jugendamt sucht ehrenamtliche Vormünder für die Unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlinge.

Die Auslandsgesllschaft ist zu erreichen unter 0231 838 00 72, die Die Arbeitsgruppe Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge im Jugendamt unter 502 47 96.
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