Zahl der Drogentoten steigt nicht

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Jan Sosna leitet die Drogenhilfeeinrichtung im Gebäude des Gesundheitsamtes
 
Steine erinnern an die Drogentoten im Stadtgarten. (Foto: Schmitz)
 
Bei der Gedenkfeier für die Opfer werden weiße Ballons im Stadtgarten fliegen gelassen. (Foto: Archiv)

Zentral in der Dortmunder Innenstadt, im Stadtgarten, erinnert eine Gedenkstelle an die Opfer von Drogenmissbrauch. Einmal im Jahr treffen sich hier Mitarbeiter der Drogenberatungsstellen, Angehörige und Freunde von Toten.

Fünf Menschen sind im vergangenen Jahr an einer Überdosis gestorben, 34 fielen insgesamt ihrer Drogensucht, auch durch Folgeschäden, zum Opfer.
Ralf wäre fast einer von ihnen gewesen. Er ist 50 Jahre alt, ein unauffälliger Typ. Wache braune Augen, kurzer grauer Vollbart in einem sonnenverbrannten Gesicht. Freimütig erzählt er aus seiner Drogenkarriere. Angefangen hat sie, als er zwölf war.

Mit 12 Jahren angefangen

Damals ist seine Mutter gestorben, das Verhältnis war schwierig. "Ich hab mit Cannabis angefangen, mit zwölf, dreizehn hab ich angefangen zu kiffen, später habe ich alles genommen, was ich kriegen konnte. Heroin, Kokain, auch Crack und Crystal."
35 Jahre lang war er abhängig, zuerst hatte er noch ein ganz normales bürgerliches Leben: "Ich hab dich Schule geschafft, eine Ausbildung gemacht. Hab geheiratet, hab zwei Kinder und hab gearbeitet." Alles ganz normal - bis auf den Drogenkonsum.

Dem Tod von der Schüppe gesprungen

Mit Mitte 30 kam dann der totale Absturz, die ersten Gefängnisstrafen. Nicht nur Beschaffungskriminalität, auch anderes. Insgesamt rund 20 Jahre hat er gesessen. Im letzten Jahr kam dann die Wende: "Ich hatte eine Überdosis Kokain, hab auf der Straße gelegen. Zwei Notärzte haben mich eine Stunde lang wiederbelebt."
Nicht das erste Mal, dass er dem Tod von der Schüppe gesprungen ist, aber das nachhaltigste Erlebnis:
"Da habe ich dann aufgehört. Habe entgiftet. Jetzt bin ich seit elf Monaten clean, nehme gar nichts mehr, trinke auch keinen Alkohol." Auch davon hatte er in der Vergangenheit reichlich, Bier und harte Sachen.

Einige Freunde sterben gesehen

Geblieben ist nur das Kiffen: "Ganz ohne alles, das kann ich nicht. Außerdem hilft mir Cannabis bei meinem Asthma." Spätschäden durch den jahrzehntelangen Drogenkonsum hat er bis auf seine Hepatitis C nicht.
Aber er hat einige seiner Freunde sterben sehen: "Ich habe viele verloren in Dortmund, in den letzten sechs Jahren so zwölf bis 13 Leute." Einmal hat einer seiner Freunde tot in der Wohnung gelegen: "Der ist aus dem Knast gekommen und hat sich eine Ladung Heroin gesetzt - Überdosis."

Täglich im Café Kick

Täglich kommt er in das Café Kick, die Drogenhilfeeinrichtung im Gesundheitsamt. Hier gibt es einen Konsumraum, ein Café und Beratung. Ralf braucht das nicht mehr: "Ich komme her und hole mir was zu essen, und ich dusche hier. Sauberkeit ist für mich ganz wichtig."
Noch lebt er auf der Straße, kann hier und da bei einem Freund schlafen. Bald soll eine eigene Wohnung kommen, die er sich mit einem Freund teilen will. "Ich möchte noch 20 Jahre leben."

Früher dachte man nicht, dass User so lange überleben

Ralf ist kein Einzelfall. Drogenabhängige in seinem Alter gibt es viele. Jan Sosan, der Leiter des Kick, sagt: " Bis vor wenigen Jahren hatte man das noch gar nicht auf dem Schirm. Man hat schlicht nicht gedacht, dass User so einen langen Zeitraum des Drogenkonsums überleben würden. "
Doch jetzt sind sie da, und die Besucherzahlen sowie -Statistik von Kick spiegeln die Situation wider: Während die Zahl der Besucher zwischen 18 und 25 Jahren ständig sinkt, steigen die Zahlen für die 26-bis 35 Jährigen und die der Über-36-Jährigen kontinuierlich an. 2015 waren 70 Prozent der Besucher in dieser Altersgruppe.

Neue Lösungen gefordert

Drogenabhängigen, die zum Teil über einen längeren Zeitraum mit Methadon substituiert werden, die älter werden und mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben, fordern auch für die Zukunft neue Lösungen: Wenn sie pflegebedürftig werden, müssen maßgeschneiderte Lösungen gefunden werden.
Auch hier hilft das Kick, vermittelt beispielsweise einen geeigneten Pflegedienst oder eine betreute Wohnform. "Vorrangig ist das Ziel, das Leben für die Betroffenen wieder lebenswert zu machen, eine 'Rückkehr in die Gemeinschaft', wie es die Gesetze vorsehen, ist oft utopisch", sagt Jan Sosna.
Das Kick ist ein Platz für Männer, nur wenige Frauen sind zu sehen. "Es geht schon manchmal ruppig zu hier", sagt Sosna. "Frauen haben da ihre eigene Netzwerke." Auf 394 Männer, die im letzten Jahr die Einrichtung besuchten, kamen 68 Frauen.

Heroin wird meist inhaliert

Zumindest im Kick ist der Drogenkonsum ganz eindeutig:
Rund 95 Prozent des Konsums im Drogenkonsumraum macht Heroin aus, dieses wiederum wird zu 81 Prozent inhaliert. Kokain macht etwa drei Prozent aus, Mischungen aus verschiedenen Drogen etwa zwei Prozent.

Crack und Crystal sind Thema

"Crack und Crystal sind bei uns überhaupt ein Thema", sagt Jan Sosna. Acht Plätze gibt es in´m Drogenkonsumraum für den intravenbösen Konsum per Spritze, zehn für die Inhalation. Jeder Konsument hat 30 Minuten Zeit.
"Vor allen bei denen, die schon lange Spritzen, ist es oft schwierig, noch eine Stelle zu finden, wo sie eine Spritze setzen können." Das kann dann auch deutlich länger dauern. Helfen dürfen die Mitarbeiter nicht, doch falls es zu einem Notfall kommt, stehen sie bereit - Hilfe, die Drogenuser woanders möglicherweise nicht haben.

100 Notfälle im Jahr

Rund hundert Mal im Jahr kommt das vor. Davon waren im letzten Jahr 40 schwere Notfälle, 50 Atemdepressionen, 4 physische Erregungszustände und 2 Hyperventilationen. 36 Mal musste der Notarzt gerufen werden, 28 Menschen mwurden in ein Krankenhaus gebracht.

Info:

919 Beratungssgespräche gab es im Jahr 2015

In 268 Fällen wurde an weiterführende Hilfesysteme weitervermittelt

44863 Drogenkonsumvorgänge gab es von 675 Usern im Jahr 2015

Drogenkonsumräume gibt es in zehn Bundesländern

Die Zahlen in Dortmund hinsichtlich Konsumenten, Beratungen und Todesfällen sind stabil

In der Drogenhilfeeinrichtung Kick arbeiten: 1 Ärztin, 10 Sozialarbeiter, 1 Krankenpfleger, 2 Krankenschwestern, 1 Rettungsassistent, 4 Hauswirtschaftskräfte, 2 Aushilfen in der Küche, 8 studentische Aushilfe, insgesamt 17 hauptamtliche und 12 Hilfskräfte.

Die Drogenhilfeeinrichtung ist montags und mittwochs bis samstags von 10 bis 16 und dienstags und sonntags von 10 bis 14 Uhr geöffnet
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