Schredder in Kray abgeschaltet - Interview mit dem Sprecher der Bürgerinitiative

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Viele Bürger schlossen sich den Demonstrationen der Bürgerinitiative in Kray an. Foto: Privat

Zum Jahresende hat die Firma Richter in Kray die Schredder abgeschaltet. Was das nun für die Menschen im Stadtteil bedeutet, darüber sprach der Steeler Kurier mit Dietrich Keil, dem Sprecher der Bürgerinitiative gegen Giftschredder in Kray.

Warum ging es mit dem „Aus“ für die Richter-Anlagen jetzt plötzlich so schnell, nachdem sich in 20 Jahren Protest kaum etwas rührte?
Dietrich Keil: Das hat eine fachliche und eine politische Dimension. Selbst als von etwa 2004 bis 2014 die Schrottverarbeitung bei der Firma zurückgefahren wurde, blieb es bei den „Nichtverzehrempfehlungen“ beim Grünkohl wegen zu viel PCB. Dabei ist der Kohl selbst gar nicht so wichtig. Aber er ist der Indikator für die PCB-Belastung der Luft, die wir in Kray atmen. Dann stiegen die Werte wieder, teils höher als am Anfang. Zuletzt sollten 1760 Haushalte bei uns lieber nicht großblättriges Gemüse aus dem eigenen Garten verzehren! „Messen, messen – und nichts tut sich“ war eine Kritik auch des Steeler Kuriers.
Die Behörden sahen immer den Staub aus den Schreddern und vom Betriebsgelände aus Hauptquelle im Stadtteil an. Dabei sind die Staubfilter dort gar nicht so schlecht. Ignoriert wurde die Kritik der BI, dass es vor allem um gasförmige PCBs geht, die die Staubfilter nicht aufhalten können. Erst im Vorjahr wurde das ernst genommen. Statt „Eigenmessungen“ der Firma wurde eine Messung nach Stand der Technik am Kamin der Schredder durchgeführt. Das PCB-Ergebnis war so hoch, dass die Schließungsandrohung – alternativ: komplette Umrüstung auf moderne Aktivkohlefilter – reichte für den Rückzug der Firma Richter.
Politisch wurde klar: Der Druck aus der Anwohnerschaft und von der Bürgerinitiative ließ nicht nach, im Gegenteil. Und er fand viel Unterstützung, als zum Beispiel 250 Menschen 2015 im Herbst auf Krays Straßen protestierten. Die klare Forderung, die Anlagen entweder komplett und sicher einzuhausen oder zu schließen, wurde Allgemeingut. Dazu kam, dass abzusehen war: Für Essen als „Grüne Hauptstadt Europas 2017“ wäre die PCB-Vergiftung eines halben Stadtteils alles andere als ein positives Signal.
Was ändert sich für die Menschen, welchen Gewinn haben sie?
Wir haben gelernt: Gemeinsam, ideenreich und selbstbewusst können wir etwas erreichen gegen eine scheinbare Übermacht. Das allein ist ein Gewinn! Das Ergebnis selbst ist ein Riesengewinn für Gesundheit und Umwelt in Kray-Nord. PCB ist weltweit verboten und gehört zum geächteten „Dreckigen Dutzend“ der schlimmsten von Menschen erschaffenen Giftstoffe. Es reichert sich in der Nahrungskette und damit letztlich im Menschen an und wird kaum abgebaut. Über die schädlichen Wirkungen haben wir immer wieder aufgeklärt.
Ändern wird sich, dass Krach, Gestank und viele LKW-Verkehre aufhören. Die PCB-Belastung über kurz oder lang auch, aber das riecht und sieht man nicht. Chronische PCB-Vergiftung wie bei uns in Kray wirkt selten direkt, sondern oft erst nach zig Jahren, auslösend oder verstärkend bei Krebs und anderen Krankheiten. Diese Gefahr sinkt.
Wir haben zu Blutuntersuchungen aufgerufen: Es haben sich 17 Menschen aus dem Umfeld der Schredder beteiligt. Die Spuren von PCBs im Blut sind deutlich, bei älteren Menschen höher. PCB Nr. 118, das bei den Richteremissionen eine Hauptolle spielt, ist im Blut erhöht. Wenn die Ergebnisse noch nicht die „Grenzwerte“ überschreiten, sind wir zwar froh. Aber die Menge der praktisch nicht sich abbauenden und steigenden PCBs bleibt Anlass zur Sorge.
An Grünkohl wird noch weiter PCB kontrolliert, das ist gut. Wir werden vor allem ein Auge darauf haben, dass die kontaminierten Gelände gründlich saniert werden, und das nicht auf Kosten des Steuerzahlers.
Hat die BI kein schlechtes Gewissen, weil 40 Arbeitsplätze verloren gehen?
Nein. Natürlich wünschen wir niemandem den Verlust seines Arbeitsplatzes. Aber die Verantwortung dafür trägt die Firma. Wir haben immer gefordert: Recycling ja, Vergiften nein! Also moderne Hallen und Umwelttechniken, die die Nachbarn nicht krank machen. Das hätte neue Arbeitsplätze geschaffen. Umweltschutz und Arbeitsplätze gegeneinander auszuspielen wird immer versucht. Das lassen wir nicht zu. Die Stadt sollte vielmehr überlegen, ob sie den Kollegen nicht Arbeit im Entsorgungsbereich anbieten kann.
Und wie geht es weiter mit der Bürgerinitiative?
Jetzt wollen wir den gemeinsamen Erfolg erst mal feiern! Mit allen die dabei waren, und allen die sich auch darüber freuen. Dann sehen wir weiter.

Grund zu feiern: Die Bürgerinitiative lädt am Sonntag, 12. März, ab 11 Uhr alle Kryaer in den Ratssaal des Rathauses Kray, Kamblickweg 27, ein, um den Abbau der Schredder zu feiern. Neben einem Rückblick mit Bildern und Film geht es auch um die Zukunft der Bürgerinitiative.
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