Das unbeugsame waddische Dorf

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Überschwängliche Freude beim närrischen Stelldichein. Foto: Bangert
 
Die Gärtner vom Dingerkushaus zauberten Farbe in die jecke Karawane. Foto: Bangert

Bollerwagenzug durch die Altstadt war eine jecke Demonstration gelassener Friedfertigkeit

Nun ist es amtlich: Wadden bleibt locker! Was hatte es nicht für Diskussionen gegeben im Vorfeld: Sicherheitsauflagen noch und nöcher, das drohende Aus und die späte Rettung des Brauchtums. Doch letztlich löste sich alles in närrischem Wohlgefallen auf...

Bei den Werdener Bollerwagenjecken Anja Kirchhoff und Ulf Korten war der „Leidensdruck“ einer drohenden Absage des traditionellen Zuges so groß, dass sie kurzerhand wenige Tage vor Meldeschluss als offizielle Veranstalter in die Bresche sprangen. Und die Werdener ließen ihre „Helden des Karnevals“ nicht im Stich. Da wurden Spenden gesammelt, um die Kosten zu stemmen. Auf letzten Drücker konnten genügend Streckenposten zusammen getrommelt werden.

„Euer Zoch kommt!“

Dann war es soweit, der Zeiger sprang auf 11.11 Uhr. Fast ganz pünktlich setzten sich die 15 Wagengruppen mit über 400 Teilnehmern in Bewegung. Miniclown Benjamin vorneweg, machten die Bollerwagenjecken ihrem Städtchen eine Freude: „Danke Werden, Euer Zoch kommt!“ Da war das Straßenpflaster vor lauter Leuten schon nicht mehr zu sehen. So voll hat man die sonst so ruhige Altstadt noch nie erlebt, aus allen Winkeln strömten tausende Besucher zusammen. Wenig erstaunlich und höchst erfreulich: Die jungen Familien waren eindeutig in der Überzahl, unzählige Steppkes säumten die Zugstrecke, gewappnet für den Kamellenfang. So mancher fragte verwirrt: „Wohnen in Werden nur Kinder?“ Aber auch die Alteingesessenen waren mit von der närrischen Partie, generationenübergreifend wurde friedlich geschunkelt, gesungen, gelacht. Auch wenn sie eigentlich nicht gebraucht wurde, zeigte die Polizei verstärkt Präsenz und verbrachte einen gemütlichen Vormittag. Wenn doch ihr Dienst immer so beschaulich wäre…

„Der Himmel auf Erden!“

„Gemeinsam feiern“ war das Motto des Wagens von „Werden hilft!“, der in trauter Eintracht Helfer und Flüchtlinge vereinte. Die jungen Männer machten zunächst große Augen, ließen sich dann aber vom Spass an der Freud‘ anstecken und gewannen mit sympathischem Dauerlächeln neue Freunde. Multikulti wurde hier selbstironisch persifliert, eine nur scheinbar schwedische Taxifahrerin durfte mitmarschieren. Karl Valentin hätte seinen Gefallen gefunden, wurde auch zitiert: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“. Die Aulen Wiever, die furchteinflößenden Piraten von The New Friendship, das Fischlaker Eltern - und Lehrertheater, sie alle bestätigten das euphorische „Der Himmel auf Erden ist Karneval in Werden!“. Die Gärtner vom Dingerkushaus und die Hippies der Fischlaker Narren zauberten Farbe in die jecke Karawane, die Ludgerusradler forderten doch glatt, die Abteistraße nur noch den Fahrrädern vorzubehalten. Der Kringel Fleischwurst durfte nicht fehlen, die deutlich mehr als sieben Zwerge der Hei-Fische suchten verzweifelt ein „Schneewittchen zum Mitreisen“.

„Trump auf den Mars!“

Erfrischend wenig weltpolitisches Getöse wehte durchs beschauliche Abteistädtchen. Da bekam Bundesumweltministerin Barbara Hendricks ihr Fett weg für die missglückten Bauernregeln. Die Jungbauern von der Fortuna hatten zurückgereimt: „Wenn auch die letzte Kuh zum Schlachter geht, der grüne Wahn durch Deutschland fegt.“ Für den US-Präsidenten Donald Trump stand eine Rakete bereit, um ihn auf den Mars zu schicken, ein kapitaler Elch entschuldigte sich beim lieben Donald für den „Terror“ in Schweden, bot ihm aber Bützche an. Krachende Samba-Rhythmen kündigten die KG Gesichts11 an. Isabelle Tummes und ihre Mitstreiter machten ordentlich Stimmung inne Bude, rieten zur und sorgten für Lockerheit, mahnten aber schon traditionell: „Nicht vergessen, älter als Essen!“ Das noch soeben verhinderte Aus für den Bollerwagenzug war bei der Karnevalskooperative Werden-Land das Thema: „Ein unbeugsames waddisches Dorf hört nicht auf, Karneval zu feiern!“ Der rot-weiß-kleinkarierte Obelix kommentierte gewohnt deftig: „Sicherheitskonzept? Die spinnen, die Essener.“

„Nach dem Zug ist vor dem Zug“

Am Rathaus angekommen, war die Feierlaune noch längst nicht gestillt. So prangte am Balkon das fröhlich-bunte Logo des Bollerwagenzuges und das Programm konnte beginnen. Eugen & Akkordmalocher moderierten und boten auch musikalische Highlights, das Essener Stadtprinzenpaar, seine Tollität Prinz Oliver I. und Ihre Lieblichkeit Prinzessin Assindia Sandra II., stellten das Mottolied der Session „Essen is im Pott“ vor. Zuvor hatte bereits das Kinderprinzenpaar Leon der Zweite und Alina die Erste die vermutlich schmalste Bühne der Welt gerockt. Nicht vergessen wurde Peter Gabka, der sich eine gefühlte Ewigkeit für den Werdener Karneval eingesetzt hat. Die Veranstalter Anja Kirchhoff und Ulf Korten freuten sich sehr, dass die Werdener sich in so großem Umfang engagiert und vorbildlich benommen hatten. Auch lobten sie die Zusammenarbeit mit Stadt, EBE, Polizei, Rettungsdienst: „Der reibungslose Ablauf hilft uns auch bei der Ende März anstehenden Nachbesprechung im Essener Rathaus und bei der Organisation 2018. Denn nach dem Zug ist vor dem Zug.“
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