Im Zeichen der Kultur

Anzeige
Die "Joblinge" musizierten nicht nur im Eingangsbereich, sie erzählten in einem Film auch ihre Geschichte in Sachen Ausbildung und machten Mut. Foto: Gerd Kaemper
 
Oberbürgermeister Frank Baranowski hielt eine mitreißende und gefühlvolle Rede. Foto: Gerd Kaemper
 
„With your hands on your hips“: Christa Platzer als Columbia und Mark E. Murphy als Riff Raff gaben mit anderen Solisten des MiR Einblicke in die Produktion des Kult-Musicals „Rocky Horror Show“. Foto: Gerd Kaemper
 
„Ich bin Dortmunder mit Tagesvisum und muss um 24 Uhr drüben sein,“ schilderte Matthias Bongard, der Moderator beim Neujahrsempfang. Foto: Gerd Kaemper
Gelsenkirchen: Musiktheater im Revier |

Mit Kultur wurden die rund 800 geladenen Gäste des Neujahrsempfangs der Stadt Gelsenkirchen im Großen Haus des MiR auch schon empfangen, denn die „Joblinge“ sorgten im Eingangsbereich für einen lautstarken Empfang mit ihrem Trommelspiel. Und um die Kultur rankte sich auch das Programm im Saal.

Gelsenkirchen - Eine Stadt mit vielfältiger Kultur


Denn nicht nur Oberbürgermeister Frank Baranowski beleuchtete in seiner Ansprache die Kultur, auch Moderator Matthias Bongard, die Talkrunde mit Kultutreibenden und Kabarettist Max Uthoff hatten die Kultur und ihre Facetten zum Thema. Und auch das Musiktheater steuerte mit Ausschnitten aus dem im Februar Premiere feiernden Kult-Musical „Rocky Horror Picture Show“ seinen Teil dazu bei.
Moderator Matthias Bongard machte gleich zu Beginn der Veranstaltung Werbung für die Initivative der Joblinge, die seit 2014 in Gelsenkirchen existiert und die im ersten Jahr 45 junge Leute vermitteln konnte. Ein Jahr später waren es bereits 60 und schon nach wenigen Tagen des Jahres 2016 ist klar, dass diese Zahl in diesem Jahr deutlich überschritten werden wird.

Ehrenbürger Gerd Rehberg feierte 80.


Bei seiner Begrüßung der Gäste ging Oberbürgermeister Frank Baranowski nur auf einen einzigen speziell ein: Gelsenkirchens Ehrenbürger Gerd Rehberg, der auf den Tag eine Woche zuvor seinen 80. Geburtstag gefeiert hatte. Ansonsten freute sich das Stadtoberhaupt, dass wieder einmal viele junge Menschen eingeladen werden konnten, die im vergangenen Jahre ihre Ausbildung mit Bestnoten abschließen konnten.
Und weil es nicht immer ganz einfach ist, nach dem Schulabschluss auch den Weg ins Arbeitsleben zu finden, freute sich der Oberbürgermeister umso mehr darüber, dass die „Joblinge“, die bereits beim Eingang für den Trommelwirbel gesorgt hatten, auch durch Filmeinspieler ihre Geschichte erzählten, wie sie trotz anfänglicher Schwierigkeiten zu einer Ausbildung kamen und sich auf der Bühne voller Stolz präsentierten. Darum setzte Frank Baranowski darauf, dass sich in der Runde der Gäste vielleicht noch der ein oder andere Arbeitgeber finden könnte, der einem Jobling eine Chance geben möchte.

Ein anonymer Spender ermöglicht den Abend


Der Sponsor des Abends kam in diesem Jahr zwar aus dem Kreis der Joblinge-Unterstützer, aber er wollte nicht genannt werden. Anders als sonst üblich galt für diesen Unternehmer nicht „Tue Gutes und rede darüber“, er gönnte vielmehr den Joblingen den Auftritt. Dafür dankte das Stadtoberhaupt mit Worten des Respekts und konnte sich einen Seitenhieb auf die beschlossene Schließung des rentablen Vaillantwerkes dabei nicht verkneifen.
In Sachen Kultur stellte Baranowski klar, dass es nicht um schöne Künste, Museen und Opern gehen soll, sondern um das Miteinander der Menschen, der Art wie sie leben, wie sie miteinander leben und dieses Miteinander gestalten. Und da sieht das Stadtoberhaupt unsere Stadt auf einem sehr guten Weg, wenn er an das zurückliegende Jahr denkt mit der Ankunft der vielen Flüchtlingen und dem Umgang der Bürger damit.

Ein stolzer Oberbürgermeister


Dabei zeigte er sich erfreut über die Zeichen der großen Menschlichkeit, Haltung und Empathie, die die Bürger dabei bewiesen haben. Baranowski erinnerte an die Gründung und Arbeit der ehrenamtlichen Initiativen „anGEkommen“ und „Task Force Flüchtlingshilfe“ und sagte deutlich: „Das, was gemeinsam 2015 bewerkstelligt wurde, das hat mich wieder einmal richtig stolz auf unser Gelsenkirchen gemacht!“

Keine Narrenfreiheit für Querdenker


Der Oberbürgermeister lobte die Kultur der Toleranz, Solidarität und des Miteinanders, die in Gelsenkirchen gelebt wurde und wird, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Wobei er auch die Schwierigkeiten, die das Zusammentreffen der Menschen verschiedener Kulturen mit sich bringen kann, nicht unbeachtet ließ und auf die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln einging. In diesem Zusammenhang rief Baranowski dazu auf, sich nicht seinen Ängsten hinzugeben und Zäune zu errichten um unsere Häuser und unser Land und damit unsere Freiheit aufzugeben. „Im Gegenteil: Wir müssen unsere Freiheit - die übrigens weder für Flüchtlinge noch für Flüchtlingsgegner eine Narrenfreiheit ist - jetzt entschlossen verteidigen!“ forderte Oberbürgermeister Frank Baranowski.
Und mit Blick auf das gerade erst angefangene Jahr erklärte das Stadtoberhaupt, dass er hofft, dass das Engagement und die Bereitschaft aus 2015 in diesem Jahr weitergelebt werden in Gelsenkirchen, denn mit der Integration der Flüchtlinge und den damit verbundenen Aufgaben wird man in der Stadt noch lange beschäftigt sein. Und hierbei hilft auch die Kultur in dieser Stadt, die in vielen Facetten gelebt wird und die Menschen zusammen bringt und auch der Bildung dient.

Jeder Einzelne ist gefragt


„Es liegt in dieser turbulenten Zeit an jedem Einzelnen und jeder Einzelnen von uns, diese Kultur des Miteinanders zu pflegen und dabei Verantwortung zu übernehmen“, erinnerte Baranowski und bat: „Die Zukunft unserer Städte und unserer Gesellschaft, die liegt .... bei uns. Bei Ihnen und mir. Eine funktionierende Stadtgesellschaft und Stadtkultur ist etwas, was wir selbst schaffen – und immer wieder neu schaffen müssen.“
Nach der inspirierenden Rede wurde der Oberbürgermeister von Moderator Bongard auf die Probe gestellt und musste anhand von Bildern aus dem Film „Gelsenkirchen von oben“ von Frank Bürgin fünf Stadtansichten aus der Luft erkennen. Dabei gelang dem Stadtoberhaupt spontan, was so manchen anderen Gelsenkirchener ins Schwitzen gebracht hätte.
„Wenn Sie jetzt gleich Ausschnitte aus dem Kult-Musical Rocky Horror sehen, dann erleben sie dabei eine ganz normale Situation: Sie sind frisch verlobt und mit dem Auto unterwegs, es regnet in Strömen, das Auto geht kaputt und sie machen sich zu Fuß durch den Regen auf zum nächstgelegenen Schloss, wo sie ein verrückter ausserirdischer Wissenschaftler empfängt...“, schilderte Matthias Bongard zum Einstieg in die Ausschnitte des Musiktheaters im Revier, das am 20. Februar Premiere feiert.

Talkrunde mit Kulturtreibenden


Um „Kultur in der Stadtgesellschaft“ und ihre Bedeutung ging es bei der Talkrunde zu der sich die Ballettdirektorin und zweifache Preisträgerin des „Theater Faust“ Bridget Breiner, der Pianist und Mitbegründer des Consol Theaters Michael Gees, der Bang Bang Gelsen-Mitinitator Florian Beisenbusch und Marc Grandmontagne von der kulturpolitischen Gesellschaft auf der Bühne einfanden. Jeder Einzelne von ihnen, der in der Stadt ohnehin bekannt sein dürfte, wurde in einem kurzen Film vorgestellt und sollte in einem Kurzstatement erklären, was Kunst für eine Stadt bedeutet. Bridget Breiner erklärte: „Eine Stadt braucht Kultur, um die Menschen zu inspirieren.“ Marc Grandmontagne ist sich sicher, dass Kultur auch Maloche ist. Michael Gees sieht eine Stadt ohne Kultur verkommen und Florian Beisenbusch gab zu bedenken, dass die Jugend, wenn es keine kulturellen Angebote für sie gibt, der Stadt den Rücken kehrt.

Gelsenkirchen kann mehr als manche Großstadt in den USA


Ein großes Kompliment machte Bridget Breiner der Stadt Gelsenkirchen, den hier Kulturtreibenden und den Bürgern, als sie erklärte, dass sie weder in München noch in einer Großstadt in ihrer Heimat, den USA, so viel Kultur erlebt hat. „Ich war total überrascht über dieses Engagement, das wäre in den USA selbst in riesigen Städten nicht denkbar. Ich habe lange nach einer tollen Aufgabe gesucht, und hier in Gelsenkirchen habe ich sie gefunden.“
Marc Grandmontagne, der auch im Vorstand der Kulturloge, die nun KulturPott.Ruhr heißt, tätig war, schildert diese als eine Einrichtung wie die Tafel. Nur dass es beim KulturPott.Ruhr nicht um Lebensmittel geht, die an Menschen mit niedrigem Einkommen weitergegeben werden, sondern um Kultur. „Aber das ist fast genau so wichtig wie das tägliche Brot“, erklärt der Gelsenkirchener.
Michael Gees blickte in die Zukunft: „Jedes Gemeinschaftsgeschehen in der Stadtgesellschaft ist eine Form von Kultur und Herz und Hingabe machen das Produkt der Kultur aus. Die Integration der Flüchtlinge, die vor uns liegt, muss von Herzen kommen, sonst bringt sie nichts.“
Dem schloss sich Moderator Bongard an und animierte dazu, weniger Integration von der Couch aus zu betreiben und stattdessen vielleicht Flüchtlinge zu sich einzuladen, um deren Lebensgeschichten mit Gesichtern verbinden zu können und somit zu vermenschlichen.

Ein Meister seines Fachs: Kabarettist Max Uthoff begeistert


Zur Champions League des Kabarett zählt nach Ansicht Bongards Max Uthoff. Und der Kabarettist machte der Einführung alle Ehre. Er stellte sich vor als „Bayer, der gern in Nehmerländern arbeitet.“ Er philosophierte über die Bundesrepublik Deutschland, die aus seiner Sicht schon längst zur Stiftung Deutschland geworden ist, um Vermögen zu mehren und die Bürger dabei auszuschließen. Im Bundestag sieht er nur „moralisch biegsame Politiker“, die die Demokratie als Betriebssystem des Kapitalismus nutzen.
Es blieb auch keine Partei unerwähnt von Uthoff und bekam ihr Fett weg. Zur Kanzlerin erklärte er: „Die Billi-Regal-Aufbauanleitung ist wahre Poesie gegen den Redestil von Angela Merkel.“ Ihre Dispute mit CSU-Chef Horst Seehofer sieht Uthoff als „komödiantischen Sidekick, bei dem die beiden Good Cop und Bad Cop spielen.“
Wer heute noch SPD-Mitglied ist, der muss seiner Ansicht nach schmerzfrei sein. „Das ist wie mit einem Frosch im Wasserglas. Wenn Sie den mit heißem Wasser begießen, springt er raus. Setzen Sie ihn aber in kaltes Wasser und erhitzen dieses langsam bis zum Kochen, dann bleibt er auf Gedeih und Verderb im Wasserglas sitzen.“
Über die Grünen hat er auch seine Meinung und zwar, dass diese sich an den Futtertrögen der Regierung laben möchten. „Wenn Sie zwölf Minuten lang eine Rede von Sahra Wagenknecht im Bundestag hören, erfahren Sie mehr als durch ein Monatsabo der FAZ.“ Die Pegida, in deren Namen „patriotische Europäer“ stecken, vergleicht der Kabarettist mit einem Autisten im Swingerclub. Er mahnte: „Bleiben sie offen für die heiteren und leichten Seiten des Jahres, das nicht leichter und einfacher wird als die Jahre zuvor.“
1
Einem Mitglied gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.