Erfahrung hilft helfen

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Zwei Stunden im Büro und zwei – es werden immer mehr – Stunden von Zuhause aus: Ursula Greschkowitz unterstützt die Horster als Nachbarschaftsstifterin mit Rat und Tat.
Ursula Greschkowitz ist eine von sechs Nachbarschaftsstiftern in Horst

Nachbarschaft hat Tradition in Gelsenkirchen. Und auch wenn sich die Gesellschaft immer weiter individualisiert, so wird das nachbarschaftliche Helfen nicht aussterben. Dafür sorgen Ehrenamtliche, die ihren Mitmenschen als Nachbarschaftsstifter mit Rat und Tat beiseite stehen. Ursula Greschkowitz ist eine von 97 Engagierten in ganz Gelsenkirchen und die sechste Nachbarschaftsstifterin in Horst.

Ursula Greschkowitz sitzt an der Tafel im Mehrzweckraum der „Tafel“ in der Horst-Gladbecker Straße. Hier hat sie seit Ende Februar ihr Büro. In dem großen Raum wirkt die 62-Jährige etwas verloren: kein Telefon, kein Computer. Aber beides braucht Ursula Greschkowitz nicht. Für ihren ehrenamtlichen „Job“genügen ein Block, ein Stift, ihre Lebenserfahrung und Empathie, die sie zweifellos besitzt.

Hilfe beim Umgang mit Behörden

Und es dauert auch nicht lange, da steht die erste Hilfesuchende in der Tür. „Kommen Sie rein“, winkt Ursula Greschkowitz die Frau herein mit einer Fröhlichkeit und Offenheit, die den Raum plötzlich nicht mehr so steril anmuten lassen. Karin Gresse (Name geändert) zögert, kommt dann aber zum Tisch, setzt sich und packt einen großen Briefumschlag aus. Es geht um einen Leistungsbescheid des Jobcenters – seitenweise computererstelltes Zahlenwirrwar, das mehr an Informationen verbirgt als offenbart. „Ich blicke da nicht durch“, wendet sich Karin Gresse an die Nachbarschaftsstifterin. „Ich müsste doch mehr Geld bekommen!“ Dann erzählt sie ihre Geschichte: Dass sie allein mit ihrem Sohn in einer Wohnung lebt, sich nebenbei noch ein paar Euro mit dem Austragen von Zeitungen verdient, ihr davon auch noch ein großer Teil Geldes abgezogen wird und sie doch eh schon nur 250 Euro zum Leben hat. Sie habe beim Jobcenter angerufen, um sich in einem persönlichen Termin den Leistungsbescheid erklären zu lassen. Aber die Dame am Telefon habe gemeint, das könne man auch telefonisch erledigen. Dann kamen die Erklärungen und verstanden habe sie trotzdem nichts. Karin Gresse ist aufgeregt und Tränen stehen ihr in den Augen ...

Mit behördlichen Vorgängen überfordert

Viele Leute, vor allem, wenn sie schon ins Seniorenalter gekommen sind, fühlen sich mit behördlichen Vorgängen überfordert und benötigen Hilfe, weiß Ursula Greschkowitz. Rentenfragen, Hartz VI oder Gesundheits- und Pflegekassenleistungen – solche Themen tangieren Senioren immer häufiger. Es sind oft die kleinen Hilfen, die große Schwierigkeiten auf ein geringes Maß reduzieren können: richtig ausgefüllte Formulare, termingerecht gestellte Anträge oder Widersprüche. Hier setzt das Konzept der Nachbarschaftsstifter an, das unter der Regie des Gelsenkirchener Generationennetzes installiert wurde.

... Ursula Greschkowitz streicht Karin Gresse über den Arm: „Das bekommen wir geregelt. Beruhigen Sie sich erst mal.“ Sie schaut sich die Unterlagen an, stellt ein paar Fragen, notiert sich etwas. Es stellt sich heraus, dass das Jobcenter von zu viel zusätzlichen Einnahmen ausgegangen ist und nun den über den Freibetrag hinausgehenden Betrag vom regulären Hartz IV-Satz wieder abzieht. Karin Gresse hat schon an einen Widerspruch gedacht, ist sich aber nicht sicher, wie sie ihn formulieren soll. Ursula Geschkowitz nickt und hält diesen Weg für sinnvoll. Sie bietet sich an, Karin Gresse bei der Formulierung zu helfen. Das Schreiben ist schnell aufgesetzt ...

Mit Behörden kennt sich die studierte Umweltingenieurin Ursula Greschkowitz aus. Bis sie im vergangenen Jahr in die passive Altersteilzeit gewechselt ist, war sie in der Bezirksregierung Münster beschäftigt und dort für das Abwasser zuständig.

Von der Prüferin zur Vermittlerin

Sie überprüfte, ob sich die Firmen auch an die geltenden Gesetze einhielten und war, wie sie sagt, „ein scharfer Hund“. Beruflich war sie seinerzeit die Prüferin, jetzt geht es eher darum zu vermitteln. „Wir dürfen nichts tun, was einer Rechtsberatung gleich kommt“, erklärt sie und meint, dass sie sich eine solche auch nicht anmaßen würde. „Das kann ich gar nicht, da fehlt mir der Hintergrund.“
Was sie kann, ist für die Hilfesuchenden mit den Behörden zu telefonieren, sich zu den konkreten Fällen im Rahmen des Datenschutzes sachkundig zu machen und die Leute, wenn sie es wünschen, auch zu den Behörden zu begleiten. „Es ist immer gut, wenn vier Ohren zuhören und man auch mal nachfragen kann“, sagt Ursula Greschkowitz. Sie weiß: „Gerade die älteren Leute über 70 haben so viel Respekt vor Behörden, dass sie sich nicht trauen, nachzuhaken oder behördlichen Entscheidungen zu widersprechen.“ Es gäbe im sozialen Bereich so viele Regelungen und Gesetze, da blicke man selbst dann nicht völlig durch, wenn man im Thema stehe. Aber man kann natürlich nachfragen. Und das tut Ursula Greschkowitz auch. Nicht nur während der Sprechzeit, sondern auch von Zuhause aus. Das übersteigt die zwei Stunden bei weitem, die Nachbarschaftsstifter außerhalb der Sprechzeit für ihr Ehrenamt investieren sollten. „Aber ich mach das total gerne“, sagt sie, „ich will ja auch hinter die Dinge kommen, um helfen zu können.“ So wie sie es für Karin Gresse macht, die allerdings vom Seniorenalter noch ein paar Jahre entfernt ist. „Unsere Hilfe machen wir nicht am Alter fest“, meint Ursula Greschkowitz.

... Karin Gresse strahlt: „Ich bin froh, dass ich hierhergekommen bin. Ich bin gut beraten worden und jetzt kann ich einfach wieder besser schlafen. Ich weiß ja jetzt, dass ich zur Not auch mit Frau Greschkowitz gemeinsam zum Jobcenter gehen und alles klären kann.“ Fast beschwingt verlässt sie den Raum, setzt sich aufs Rad und fährt weg.
Ursula Greschkowitz ist zufrieden.
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1 Kommentar
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Heinz Kolb aus Gelsenkirchen | 17.08.2015 | 14:30  
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